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Deutzen - ein Dorf in Resignation

Deutzen - ein Dorf in Resignation

Es sind nicht allein der Zustand der maroden Straßen, das dicke, längst nicht mehr zu stopfende Loch im Etat oder die Tristesse der Wasserkugel. Merkmale für die Ausweglosigkeit in einem der ärmsten Dörfer Deutschlands gibt es viele.

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Selbstzerfall eines Dorfes.

Quelle: Thomas Lieb

Deutzen. Gemeinderatssitzungen gehören dazu. Am Mittwochabend wird der Selbstzerfall, in dem sich das 1800-Seelen-Örtchen befindet, einmal mehr deutlich. Das Gremium, das mittlerweile zu wenig Abgeordnete zählt, um alle Posten zu besetzen, wirkt wie ein alter Hund. Müde. Demotiviert. Bemitleidenswert. Zu schwach, um den eigenen Knochen zu verteidigen. Es herrscht Endzeitstimmung im politischen Deutzen.

Sechs Gemeinderäte nehmen Mittwochabend an der Sitzung teil. Zwei sind entschuldigt. Ein weiteres Mitglied sollte das Parlamentchen am Ende der 26 Punkte zählenden Tagesordnung verlassen. Ein Umfang der außergewöhnlich für diese Runde ist. Zu beschließen gibt es normalerweise nicht viel. Gibt es Investitionen, sind es Pflichtaufgaben, die erfüllt werden müssen. Da wirkt der Kommentar von Michael Pochanke wie Galgenhumor, als die Kämmerin zur Prüfung der Jahresrechnung statt des Deutzeners aus Versehen den Ordner mit den Zahlen für die Stadt Regis-Breitingen auspackt: „Da wird sich die Kommunalaufsicht aber freuen, wie gut es uns geht." Köpfe nicken, die Runde lächelt zustimmend.

Gleichwohl niemand mehr zum Lachen zu Mute ist. Von den 17 Beschlüssen, die in dieser Novembersitzung zu verabschieden sind, fallen zehn auf einen Formfehler zurück. Die Kommunalaufsicht hat darauf hingewiesen, dass der Gemeinderat, der sein Mandat niedergelegt hat, nicht selbst an der Abstimmung teilnehmen darf. Das Gremium wiederholt die Prozedur - Wulf-Rüdiger Göpfert (Neue Wählervereinigung) ist ohnehin nicht mehr da. Nach der Sitzung wird es auch Renate Blonski nicht mehr sein. Sie ist ebenso abgetreten.

Vor dem Fenster des Klassenzimmers einer Schule, die für ihre Größe zu wenig Schüler beherbergt, kann man den Sportplatz und den Kulturpark sehen. Domizile der beiden großen Vereine im Ort. Unter Tagesordnungspunkt 22 soll später bekannt werden, dass die Gemeinde bald keine Zugeständnisse mehr bei den Betriebskosten in Freizeitzentrum und Sportlerheim machen kann. Der Fehlbetrag wird spätestens nächstes Jahr auf rund 900 000 Euro wachsen. Die absolute Handlungsunfähigkeit ist dann erreicht. Dann werden auch die Kredittilgungen schwierig. Eine Kreisumlage bezahlt der Ort schon seit Monaten nicht mehr.

Die Trübseligkeit erreicht ihren Höhepunkt, als Bürgermeisterin Marika Nowak zum Ende der Sitzung informiert, dass sie „aus der Zeitung erfahren" hat, dass Borna und Regis-Breitingen konkrete Gespräche zur Eingliederung des Verwaltungspartners in die Kreisstadt aufgenommen haben. „Wann wir dazu gehört werden, weiß ich nicht", sagt Nowak mit resignierter Mine in die Runde. Lächeln kann die Frau, die um ihr Amt nicht zu beneiden ist, aber auch. Wenngleich die Anlässe dafür in keinem Verhältnis zu den Sorgen stehen. Sie nennt es „eine schöne Ausschusssitzung, wo die Gemeinderäte auch mal was beschließen konnten", als sie beinahe feierlich informiert, dass Räte Aufträge zur Erneuerung eines Holzzaunes in der Awo-Kita und die Verlegung eines Stromkabels in der Straße der Einheit vergeben haben.

„Zur Resignation gehört Charakter". Etwas Geist von Johann Wolfgang von Goethe strömte durch spärlich besetzte Gästereihen, als der Gemeinderat Trotzigkeit aufblitzen lässt. Das letzte Mittel zu zeigen, das Dorf ist schon tot, aber wir leben noch. Dass die Elternbeiträge für die Betreuung der Krippenkinder bei den „Kleinen Strolchen" ab Januar fast zehn Euro mehr kosten sollen, weil die Betriebskosten eklatant gestiegen sind, will das Sextett nicht auf sich sitzen lassen. Sie lehnen den Beschluss ab. Bürgermeisterin Marika Nowak bleibt nichts, als gegen den Beschluss in Widerspruch zu gehen, weil die Gemeindekasse es nicht zulässt, mehr Kosten als gesetzlich vorgeschrieben, zu übernehmen. Die Räte wissen, dass ihr politischer Protest (einmal mehr) im Nichts verhallt. „Die Kommunalaufsicht wird uns schon verdonnern..." - sie machen es trotzdem.

Andererseits leistet sich die Gemeinde (zwangsläufig) eine Feuerwehr, die - ohne Wehrleiter - keine mehr ist und 17 500 Euro pro Jahr kostet. „Was ist eigentlich mit der Wehr", fragt Falk Thrandorf zum ersten Gesprächsthema im Ort. „Bis alles geklärt ist, rücken wir nicht aus", es wirkt immer, als sträube sich Marika Nowak, die Katastrophen offiziell beim Namen zu nennen. Beschwichtigen - ist ein Werkzeug in Deutzen geworden.

Thomas Lieb

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