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Dichter Reimann im Gymnasium Borna: Freiräume einer offenen Gesellschaft nutzen

Literatur in der Diktatur Dichter Reimann im Gymnasium Borna: Freiräume einer offenen Gesellschaft nutzen

1966 sollte Andreas Reimanns Gedichtband erscheinen, doch er fiel der Zensur zum Opfer. Ein halbes Jahrhundert später wird es endlich gedruckt. Der Leipziger Dichter erzählte Gymnasiasten im Bornaer Gymnasium „Am Breiten Teich“ von den Bedrückungen des Schreibens unter diktatorischen Verhältnissen – und Freiräumen, die dennoch blieben.

Andreas Reimann sprach vor Bornaer Gymnasiasten über das Schreiben unter den Bedrückungen einer Diktatur.

Quelle: Thomas Kube

Borna. Ein halbes Jahrhundert nach dem durch die Machthaber im Staate DDR verhinderten Gedichtband „Kontradiktionen“ und wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag war Andreas Reimann, der Leipziger Dichter, Gast im Bornaer Gymnasium Am Breiten Teich. Vor großem Auditorium sprach er am Dienstag in der Aula über das literarische Schreiben unter den Bedrückungen einer Diktatur. Über Unmöglich- und Möglichkeiten, mit denen der wegen staatsfeindlicher Hetze Gebrandmarkte umzugehen lernte. Über Zensur und Selbstzensur.

In kleinem Kreis dann ging es mit einem Dutzend Schülern in Tiefen, wurde auch anhand von deren Texten über Schreibgründe und Weltsichten gesprochen. Eingeladen dazu hatte gemeinsam mit Deutschlehrer Henrik Fromm die vor einem Jahr gegründete, in Borna ansässige Andreas-Reimann-Gesellschaft. Unterstützer der Gespräche über Literatur als subversives Element in diktatorischen Verhältnissen ist Lutz Rathenow, der sächsische Landesbeauftragte für den Nachlass des DDR-Staatssicherheitsdienstes.

50 Jahre später als geplant erscheinen die „Kontradiktionen“ in diesen Tagen in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, weil – eine von vielen Absurditäten des längst untergegangenen kleineren deutschen Landes – die Staatssicherheit das verfemte Manuskript über all die Jahre sicher verwahrte. Reimann, der mit elf zu schreiben begann („Weil ich muss! Weil ich nichts anderes weiß, um mit meinen Bedrängungen umzugehen.“), erlebte das Verbot seines Gedichtbands als Schnitt, der ihn unumkehrbar trennte von dem Enthusiasmus, der Zukunftsgewissheit der Aufbau-Jahre, die aus den frühesten Texten spricht. Das hehre Bild des postulierten neuen Menschen, sagte er in Borna, erwies sich als „schreibpapierner Popanz“. Dem anzuhängen er keinen Augenblick länger bereit war. Unverstellt empfand er „die Absurdität der deutschen Teilung, die mir den Vater und die Kindheit genommen hatte“. Der Vater Peter Reimann, Karikaturist und Autor, war 1953 in den Westen, die Mutter aus dem Leben gegangen; Andreas wurde in Kinderheime verfrachtet.

Der Gutachter besagten Bandes bescheinigte dem damals 19-Jährigen vermeintlich helfend, im Kern aber vernichtend „weltpolitische Unreife“. Das Gegenteil erwies sich zwei Jahre später, 1968, als treffend: Reimann, den Prager Frühling begrüßend, kassierte zwei Jahre Haft wegen Hetze. Die Gedichte, die während der Untersuchungshaft Gegenstand der Befragungen waren, schieden vor Gericht als Belastungszeugen aus, sagte er: Sie wären sonst in die Öffentlichkeit geraten. Er habe, beraubt der Chance, gedruckt zu werden, sich „eingerichtet, für die Ewigkeit zu schreiben. Der Literatur bekommt das“, frei von Zeitgeist, dem Versuch von Anbiederung.

Das Schreiben von Chanson-Texten, Nachdichtungen, Lesungen, sogar zeitweilige Lektor-Tätigkeit, halfen ihm zu bestehen und zeigten Freiräume auf jenseits von Indoktrination. Statt in der Bundesrepublik zu veröffentlichen wie andere Autoren, zog er sich auf sich selbst, auf das Schreiben also, zurück. Das Land zu verlassen, sei für ihn, der er die Verhältnisse ändern wollte, nie in als Option erschienen. „Das aufrührerische Element liegt eher im Wesen des Künstlers als in seiner Absicht“, stellte er klar. Und schlug einen Bogen in die Gegenwart: „Man sollte nicht dauernd nach Meinungsfreiheit schreien, sondern seine Meinung herausschreien.“ Anderenfalls werde dieses Feld von anderen okkupiert. Reimann möchte sich nicht in eine Reihe gestellt sehen mit (selbst ernannten oder proklamierten) Widerständlern. Er warnte vor Selbstmitleid wie vor Verklärung: „Wichtig ist es, dass wir unsere Geschichte aus einer historischen Überlegenheit erzählen.“ Um den Bedrückern nicht im Nachhinein Recht zu geben.

Dass er die DDR nicht verlassen, sondern für eine Veränderung der Verhältnisse gewirkt habe, sei ihr beim Lesen der Gedichte nachvollziehbar geworden, sagte Michelle, als man sich nach dem großen Vortrag zu einem eher intimen Workshop traf. Hier wurde auch im Ansatz über Schüler-Texte gesprochen. Sophie etwa versuchte sich in einer Brief-Erzählung in eine Gesellschaft hineinzuversetzen, die Konformität fordert, und warf die Frage auf: „Haben wir eine Verantwortung für unsere Geschichte?“ Elisa, die in einem Gedicht ihr Unbehagen mit Gegenwärtigem formuliert, bestätigte den gesellschaftskritischen Anspruch von Literatur. Nicht als bloße Schulaufgabe charakterisierte Lisa das Schreiben eines Textes, sondern als eine Möglichkeit, sich auszusprechen, etwas zu verdichten, „auch wenn ich mit den Ergebnissen noch nicht zufrieden bin“. An Andreas Reimann war es, die Divergenz von Anspruch und literarischer Wirklichkeit schließlich auf diesen Punkt zu bringen: „Ein Gedicht sagt so viel wie alle seine Leser sagen – und nicht das, was der Dichter sagen wollte.“

Von Ekkehard Schulreich

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