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Die Kirche im Dorf lassen: Krisenmanager hilft, wenn der Pfarrer geht

Die Kirche im Dorf lassen: Krisenmanager hilft, wenn der Pfarrer geht

Regis-Breitingen. Es ist Krisenzeit bei der evangelischen Kirche in Sachsen. Pfarrer beerdigen in manchen Gegenden mehr Christen als zur Taufe kommen, die Zahl der Gläubigen sinkt mit der der Bevölkerung, teils sogar schneller.

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Heiko Franke, promovierter Theologe aus Gnandstein, agiert derzeit als eine Art Krisenmanager.

Quelle: André Neumann

ils sogar schneller. Die Folge: Die Landeskirche besetzt weniger Pfarrstellen und die Seelsorger haben in flächenmäßig größeren Gemeinden weniger Zeit, sich um ihre Schäfchen zu kümmern. In dieser Situation ist Heiko Franke (54), promovierter Theologe aus Gnandstein, so etwas wie ein Krisenmanager. Er will helfen, dass die Christen sich auf ihre eigene Kraft besinnen, er will das Ehrenamt in den Reihen der Kirche stärken und fördern.

Franke hat eine landeskirchliche Pfarrstelle für Ehrenamtlichenqualifikation inne und gehört zur Ehrenamtsakademie der sächsischen Landeskirche. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk aller Einrichtungen, die sich mit der Förderung des Ehrenamtes befassen. Innerhalb seiner Tätigkeit, zu der unter anderem die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Ehrenamt, Vorträge und Seminare gehören, arbeitet Franke derzeit für insgesamt drei Jahre an einem Ehrenamtsprojekt im Kirchspiel Regis-Breitingen.

Dafür, dass das gerade hier angesiedelt wurde, gibt es mehrere Gründe: Regis-Breitingen liegt mitten in jenem industriell geprägten Streifen in Sachsen, der sich etwa vom Leipziger Süden über Wurzen bis Riesa und Großenhain zieht, in dem kirchliches Leben besonders stark ausgedünnt ist. Außerdem leidet gerade das Kirchspiel Regis-Breitingen (mit Regis und Breitingen, Deutzen, Ramsdorf und Hohendorf) seit etlichen Jahren unter schnellen Wechseln und häufiger Abwesenheit von Pfarrern. Aktuell gibt es mit Thomas Krieger aus Lobstädt, der selbst schon eine Gemeinde mit sechs Dörfern zu betreuen hat, nur eine Vakanzvertretung. Ein Zustand, der mindestens noch bis 2017 andauern wird.

In dieser Situation, und das ist der dritte Grund, warum die Wahl auf Regis fiel, hat sich hier und besonders in den traditionellen Dörfern Ramsdorf und Hohendorf, bereits ein reges ehrenamtliches Kirchendasein entwickelt. So gibt es im Kirchspiel vier ehrenamtliche Lektoren, also Menschen, die ohne einen Pfarrer Gottesdienste halten können. "Das sind viele", sagt Franke. Jede der fünf Kirchen hat einen ehrenamtliche Kirchenkurator, was überhaupt nicht selbstverständlich sei. In Ramsdorf haben Gemeindemitglieder einen Kindergottesdienst ins Leben gerufen, es gibt ehrenamtliche Besuchsdienste, und die Kirchennachrichten werden ehrenamtlich herausgegeben. Ganz zu schweigen, wie Heiko Franke anerkennend sagt, von der sehr engagierten Arbeit im Kirchenvorstand und in den Ortskirchenvorständen.

Der Theologe steht im Kirchspiel noch am Anfang seines Projektes, hat zuerst eine Art Bestandsaufnahme gemacht und festgestellt: "Die Gemeindemitglieder wissen, dass es nötig ist, Dinge in die eigene Hand zu nehmen und merken, dass das nicht schlimm ist." In den nächsten rund zweieinhalb Jahren will Franke gemeinsam mit den Gemeindemitgliedern auf dem Vorhandenen aufbauen. Will - immer in Zusammenarbeit mit dem Kirchenvorstand - gute Ansätze fördern und helfen, sie auszuweiten, daraus zu lernen, Erfahrungen weitergeben. Denn während er über die Christen in Ramsdorf feststellt, "die könnten in mancher Hinsicht auch ohne Pfarrer leben", sieht er im städtisch geprägten Regis-Breitingen: "Hier geht vieles schwerer, passiert ehrenamtlich weniger." Und auch die Gemeinde müsse lernen, das Ehrenamt zu akzeptieren, die Predigt des Lektors, oder dass zum 80. Geburtstag eben nicht der Pfarrer sondern ein rühriges Gemeindemitglied zu Besuch kommt.

Wobei Heiko Franke als Ziel seiner Arbeit keinesfalls verstanden wissen will, "Strukturen zu schaffen, damit die Gemeinde ohne Pfarrer auskommt." Nach wie vor gehe die Kirchenbezirksleitung davon aus, dass das Kirchspiel Regis 2017 wieder einen eigenen Pfarrer bekommt. Wenn auch nur eine halbe Stelle, die andere Hälfte wäre die Seelsorge für die Insassen des Jugendgefängnisses.

Ohnehin gibt es in der evangelisch-lutherischen Kirche Sachsens einige Dinge, die für Ehrenamtler tabu sind: Taufen, Beerdigungen, Trauungen und das Abendmahl im Gottesdienst sind in der Regel Pfarrern vorbehalten. Vorläufig jedenfalls. Angesichts der demografischen Entwicklung in der Kirche sieht Franke da das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, auch wenn er sagt: "Daran rütteln wir im Rahmen dieses Projektes nicht."

Letztlich besinne die Kirche sich auf ihre Wurzeln, darauf, dass sie ursprünglich ein "Freiwilligenbetrieb" war, der von seinen Mitgliedern lebt. "Bedauerlich, dass wir das jetzt in der Not machen und es nicht getan haben, als wir noch stärker waren", meint der Theologe.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.04.2015
Neumann, André

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