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Die Rettung der Röthaer Schlossbücher

Wertvolle Bibliothek Die Rettung der Röthaer Schlossbücher

Die zehntausend Bücher im Schloss Rötha gehörten zu einer der wertvollsten Privatbibliotheken Sachsens. Jetzt wird ein Teil davon gerettet. Die alten Bände sollen nicht im Regal verstauben, „es geht vielmehr darum aufmerksam zu machen, was sie für eine Geschichte haben“, sagt Jana Kocourek von der Dresdner Landesbibliothek.

Thomas Haffner, Mitarbeiter der Dresdner Landesbibliothek, zeigt einen Teil der alten Bücher.

Quelle: Claudia Carell

Rötha/Dresden. Familie von Friesen liebte Bücher. Mehr als 350 Jahre, von 1592 bis 1945, sammelte sie zehntausend Bände. Landtagsakten aus Jahrhunderten – so mancher Adelsherr mischte am sächsischen Hof mit. Als Minister, Kanzler und Geheimer Rat. Es gab wertvolle Bestände aus dem 18. Jahrhundert und eine auserwählte Shakespeare-Sammlung. Hermann von Friesen (1802-1881) übersetzte selbst klassische Werke. Aber auch Enzyklopädien, Wörterbücher, Literatur zu Geschichte, Staatswissenschaft, Militaria, Geografie, Theologie, Naturwissenschaft, Jurisprudenz und Kunst standen im frühbarocken Röthaer Schloss. Sogar Friedrich der Große soll sich die Sammlung angeschaut und – mit einem Buch in der Hand – im angrenzenden Park spazieren gegangen sein.

Mit sechs Koffern floh 1945 letzte Röthaer Familie von Friesen

Im Oktober 1945 floh die letzte Röthaer Familie von Friesen mit sechs Koffern, um einer Verhaftung zu entgehen. Mit der Bodenreform kam die Enteignung. Es müssen damals chaotische Zeiten gewesen sein, wie Jana Kocourek sagt. Die 46-Jährige ist Leiterin der Abteilung Handschriften, Alte Drucke und Landeskunde an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.

Bei der Bombardierung der Landeshauptstadt verbrannten im altehrwürdigen Haus der Bücher mehr als 200 000 Bände. Noch mal so viele Bücher soll die Sowjetarmee abtransportiert haben. Um die Lücke zu schließen, beschloss man damals per Dekret, dass Bestände aus den Enteignungen der Adelsfamilien nach Dresden ins „Buchbergungslager“ kommen sollten – auch die aus Rötha.

Jana Kocourek (li) beschäftigt sich in der Landesbibliothek mit alten Handschriften und früheren Adelsbibliotheken

Jana Kocourek (li.) beschäftigt sich in der Landesbibliothek mit alten Handschriften und früheren Adelsbibliotheken.

Quelle: Steffen Giersch

Willkür: Wer schneller zugriff, sicherte sich Wertvolles

„Das Problem in der Nachkriegszeit war der Transport“, sagt Kocourek. Bibliothekare schleppten zum Teil mit dem Rucksack wertvolle Handschriften durch die Gegend. Sie schrieben Bettelbriefe wegen eines Autos. „Es herrschte ein unglaubliches Chaos“, weiß die Expertin, „Viele wertvolle Drucke und Handschriften sind auf ominösen Wegen verschwunden. Das würde ich gern noch mal erforschen.“ Willkür sei an der Tagesordnung gewesen: „Wer schneller zugriff, sicherte sich Wertvolles.“

Jana Kocourek liebt Bücher mindestens genauso so sehr wie die von Friesens. Der studierten Germanistin und Bibliothekswissenschaftlerin schmerzt das Herz, wenn sie daran denkt, was damals alles verschwand: „Mit der Enteignung der Adelsfamilien ging ein wichtiger Teil der sächsischen Kultur verloren oder wurde banausenhaft zerstückelt.“ Es sei „schlimm, ohne Geschichte zu leben“. Aus der Vergangenheit lasse sich nun mal viel lernen für die Gegenwart.

Es geht darum, die Reste zu retten

Hier sieht sie für sich und ihre Kollegen eine klare Aufgabe. Es gehe darum, die Reste zu retten, „viele wissen ja gar nicht mehr, was es auf diesem Gebiet noch gibt“. Für die Röthaer Bibliothek sind es einige tausend Bücher, die man ihrer Meinung nach erforschen sollte. Anschließend gilt es, dies publik zu machen und „zu zeigen, was sie für eine Geschichte haben.“

So sah einst die Bibliothek im Röthaer Schloss aus

So sah einst die Bibliothek im Röthaer Schloss aus.

Quelle: Archiv von Friesen

Bewegung kam in die Sache, als der „Förderverein Rötha – Gestern.Heute.Morgen“ im Jahr 2010 ein großes Projekt zur Rettung des Schlossparkes startete. Es gab sogar zwischenzeitlich die Idee, ein kleines Museum auf das Areal des 1969 gesprengten Schlosses zu bauen, wo auch Teile der Bibliothek gezeigt werden könnten. Das Vorhaben zerschlug sich jedoch. Der in diesem Jahr verstorbene Heinrich Freiherr von Friesen, Nachfahre des einstigen Schlossbesitzers, kooperierte mit der Kultur- und Umweltstiftung der Sparkasse und dem Landesamt für Denkmalpflege. Vereinbart wurde, dass alle noch auffindbaren Bände, die einst nach Rötha gehörten, in der Dresdner Landesbibliothek sortiert, zugeordnet, transkribiert und digitalisiert werden.

Alte Werke lagern im Magazin des Bauhaus-Würfels

Wer in der Sächsischen Landesbibliothek einen herrlichen Büchersaal erwartet, wo er in alten Folianten blättern kann, wird enttäuscht. Im modernen dunklen Bauhaus-Würfel neben der Uni lagern die Schätze im nicht zugänglichen Magazin in Rollregalen. Auf kleinen Wägelchen gelangen sie zu den Mitarbeitern. Herauszufinden, woher welches Buch stammt und wohin es gehört, sei „spannende Detektivarbeit“, sagt Kocourek. Stempel, Widmungen, Exlibris und handschriftliche Eintragungen helfen bei der Zuordnung.

Seine Heimat Rötha hat Heinrich Freiherr von Friesen nie losgelassen – auch wenn er fast sein ganzes Leben in der Ferne verbrachte

Seine Heimat Rötha hat Heinrich Freiherr von Friesen nie losgelassen – auch wenn er fast sein ganzes Leben in der Ferne verbrachte.

Quelle: Michael Gonsior

Dabei geht es nicht nur um das kleine Rötha. Bücher aus rund hundert Adelsbibliotheken lagern in Dresden. Wegen Rückführungsansprüchen hatten die Bibliothekare in den vergangenen Jahren rund 300 000 Bücher in den Händen. Viele davon gelangten wieder zu ihren einstigen Besitzern. Dem letzten Röthaer Freiherrn von Friesen war es wichtig, dass die Bücher zusammen bleiben. So lange in der Dresdner Bibliothek kein anderes geeignetes Domizil gefunden wird.

Bibliothek will Forschern Bücher zugänglich machen

Bei 1300 Büchern ist es inzwischen sicher, dass sie einst im Röthaer Schloss standen. Bei etwa noch mal so vielen läuft derzeit die Erkundung. Weitere rund 800 Bände lagern noch beim Landesamt für Denkmalpflege und warten auf die Inventarisierung.

Das soll bis Ende 2018 abgeschlossen sein. Damit ist für die Bibliothekarin das Thema jedoch nicht abgehakt. Sie möchte Forschern die Literatur zugänglich machen, auch per Internet, damit sie die Schätze heben können, die sich eventuell darin verstecken. Außerdem bemühe sie sich in einem großen Netzwerk von Provenienzforschern – sie recherchieren die Geschichte der Herkunft von Kunstwerken – darum, weitere Bücher auszugraben, „das ist nicht aussichtslos“. Nicht zuletzt reizt es sie, siebzig Jahre später herauszufinden, wo Glanzstücke der einen oder anderen Sammlungen in den wirren Tagen von 1945 abgeblieben ist. Auch in Rötha fehle so manches.

Von Claudia Carell

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