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Borna Discjockey Rainer Thoss aus Borna legt seit 40 Jahren auf
Region Borna Discjockey Rainer Thoss aus Borna legt seit 40 Jahren auf
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00:33 07.04.2018
Rainer Thoss ist seit 40 Jahren als Discjockey unterwegs. Zu Hause hat er mehr als 14 000 Tonträger und zwei Musikboxen. Quelle: Nikos Natsidis
Borna

Es fing an, als Rainer Thoss in der neunten, zehnten Klasse war. Zu dieser Zeit begann er aufzulegen, bei Schuldiscos. Da hatte der junge Mann, zu Hause in Leipzig-Connewitz, bereits begonnen, Schallplatten zu sammeln. Zwar war er im Gegensatz zu seinen Geschwistern, die Instrumente lernten, in dieser Hinsicht eher weniger talentiert. Dafür hatte der junge Rainer Blut geleckt, als er mit zehn Jahren seinen ersten Plattenspieler bekam. Und die erste Single (für Spätergeborene: Das sind kleine Schallplatten mit maximal zwei bis vier Musiktiteln) – von der Sängerin Rica Deus, eine Art Ost-Lolita, womit die österreichische Sängerin gemeint ist, und später Gastgeberin der DDR-Fernsehsendung „Klock 8, achtern Strom“. Eine Single für 4,60 Mark. „Das war viel Geld.“

Hinzu kamen Platten von Frank Schöbel und Hartmut Eichler. Aber natürlich richteten sich die Ohren von Rainer Thoss Richtung Westen, wie es die allermeisten jungen Leute zur DDR-Zeit taten. Für unfassbare 120 Mark (Ost) kaufte er sich seine erste Westplatte. Es waren die Lords, eine westdeutsche Band mit englischen Titeln und in den 60er-Jahren geradezu ein Muss. Es war die Zeit, in der die Haare bei den Jungen länger wurden. Bei Rainer Thoss, dem Plattensammler, allerdings noch lange nicht. Das hatte mit seiner zweiten Leidenschaft zu tun.

Chemie-Keeper Thoss hört im Spiel Radio Luxemburg

Der Mann, der seit 42 Jahren in Borna zu Hause ist, stand vor einer durchaus aussichtsreichen Karriere als Fußballer. Und so kickte er im Laufe seines Sportlerlebens bei den beiden Leipziger Traditionsklubs. Mit Lok stand er als Junior im Pokalfinale gegen den 1. FC Magdeburg. Bei Chemie stand er im Tor, wo er allerdings nicht an der Leutzscher Legende Ralf Heine vorbeikam. Über Grimma landete er später bei Aktivist Borna, dem heutigen Bornaer Sportverein. Aber auch als Fußballer blieb er in Sachen Musik am Ball. „Ich galt als Stimmungsmacher“, was sich für jeden gut vorstellen lässt, der ihn bis heute einmal in Aktion erlebt hat.

Allerdings auch mit bisweilen skurrilen oder unangenehmen Effekten. Konkret bei einem Spiel in Probstheida, als er das Radio neben das Spielfeld gestellt hatte, aus dem lautstark „Die großen Acht“ zu hören waren. Eine populäre Sendung des legendären Senders Radio Luxemburg. Torhüter Rainer Thoss konzentrierte sich mehr auf die Musik und musste nach einem gegnerischen Angriff hinter sich greifen.

Kreiskabinett für Kultur in Borna vermittelt DJ-Lehrgang

Was seinem Interesse an Radio Luxemburg keinen Abbruch tat. Der Sender war in den 50er, 60er und 70er Jahren gerade zu ein Muss für jeden Jugendlichen, der sich für „gute“ Musik interessierte. Auch wenn die akustische Schmerzgrenze immer stärker überschritten wurde, je weiter im Osten die Hörer vor der Kofferheule hockten. Der Sender, der schon vor Jahrzehnten mit viel Musik, wenig Wort und Werbung alles vorweg nahm, was für heutige Privatfunker Standard ist, war in und um Leipzig nur auf Kurzwelle zu empfangen, atmosphärisch bedingte Schwankungen inclusive. Wohl ein Grund für Rainer Thoss, dass er nicht wie viele andere mit dem Tonbandgerät vor dem Empfänger saß.

Bei so viel Interesse an zeitgemäßen Klängen und ausreichend Talent, die auch attraktiv zu präsentieren, kam jemand wie Rainer Thoss an einer Karriere als Schallplattenunterhalter, wie es DDR-offiziell hieß, gar nicht vorbei. Es war im Jahr 1978, als er, vermittelt vom Kreiskabinett für Kultur in Borna, einen entsprechenden Lehrgang belegte. Was folgte, waren die verschiedenen Einstufungen, weil Kulturarbeit auch an der sozialistischen Unterhaltungsfront wohl geordnet zu verlaufen hatte. Konkret ging es für Rainer Thoss von der so genannten Grundstufe bis zum Berufsausweis. Eine Einstufung, die sich am Ende in der Bezahlung niederschlug.

60/40-Regel der DDR hat jeder gute DJ missachtet

Rainer Thoss war also Discjockey, ein Wort, das er nach wie vor gegenüber der modernen Bezeichnung DJ bevorzugt. Er, mittlerweile in Borna im Braunkohlenwerk beschäftigt, kannte die Vorgaben, die darauf hinausliefen, dass bestimmte Titel wie der „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg aus dem Jahr 1983 nicht gespielt werden durften. Heino als ausgewiesener Revanchist in den Augen und Ohren der DDR-Obrigkeit natürlich auch nicht.

Und dann gab es die berühmte Vorgabe 60/40. Eine Regel, die besagte, dass auf öffentlichen Tanzveranstaltungen ebenso wie im Rundfunk mindestens 60 Prozent der Musik aus der DDR oder den befreundeten Bruderstaaten zu stammen hatte, während der Rest aus dem Westen kommen durfte. Das wollte natürlich zur DDR-Zeit kein Mensch, „und ich habe mich auch nicht daran gehalten“. Sonst wären dem Discjockey Rainer Thoss am Ende wohl die Besucher und Tänzer abhanden gekommen. So aber blieb er, seit den 80er-Jahren stellvertretender Leiter des damaligen Kulturhauses Lobstädt, heute der „Kastanienhof“, gut im Geschäft. Etwa in der Wohngebietsgaststätte in Borna-Nord, der späteren „Birkenschänke“.

Zu Veranstaltungen rückte er in Begleitung eines Kumpels mit einem Wartburg aus, der mehrere Boxen und einen Verstärker fassen musste. Der Name „Resonanz“, unter dem die Thoss´sche Disocthek auch heute noch unterwegs ist, war eine Reminiszenz an eine Grimmaer Disco, die sich der junge Rainer seinerzeit zum Vorbild nahm. Und es fügte sich, dass er Freunde mit allerbesten Westbeziehungen hatte, über die er an die aktuellen Schallplatten aus der Bundesrepublik herankam und sie aufnehmen konnte.

Lokale Mini-Playback-Show in Borna bringt Thoss ins Fernsehen

Mit der Wende endete seine Beschäftigung im Braunkohlenwerk. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit wurde er für ein paar Jahre Verkäufer – für CD´s, damals im Osten der neuste Schrei. Discjockey blieb er auch. Seine Spezialität in den 90er-Jahren: eine lokale Miniplayback-Show nach dem RTL-Vorbild mit der Holländerin Marijke Amado. Eine Sendung, in der Kinder in die Kostüme ihrer Stars schlüpften und deren Hits möglichst originalgetreu und überzeugend darbrachten – in den RTL-Studios ebenso wie auf dem Bornaer Volksplatz und an diversen anderen Orten in und um Borna. Eine Bornaer Erfolgsgeschichte der anderen Art, die auch den Segen der RTL-Moderatorin bekam, mit der Rainer Thoss darüber am Telefon sprach. Später kam der MDR und Rainer Thoss und seine jungen Sänger landeten auf diese Weise im Fernsehen.

Mittlerweile ist der Discjockey 67. Dass er von der Musik nicht lassen kann, macht ein Blick in seine Wohnung im Bornaer Norden klar. Tausende Tonträger lagern dort. Bunte Schallplatten aus West-Produktion, für deren Erwerb Legionen von DDR-Jugendlichen vermutlich sonst etwas gegeben hätten, aber auch Platten aus der DDR. Wohl sortiert, so dass sie der Fachmann mit einem Griff hervorziehen kann. Natürlich auch CD´s, mit denen er heute noch arbeitet. Und dann der Clou. Im Wohnzimmer stehen – nein, nicht eine, sondern gleich zwei Musikboxen. Sozusagen Musikautomaten aus der Zeit lange vor Youtube, die einst vor allem in Tanzlokalen und Gaststätten standen und die für 20 Pfennig einen Titel auf einer Single abspielten. Bei Rainer Thoss, übrigens auch weitläufig verwandt mit der DDR-Schlagersängerin Regina Thoss, funktionieren beide Musikboxen auch ohne Geldeinwurf. Und spätestens hier wird klar, dass der Unterhaltungskünstler, der nach wie vor auch in Borna, etwa beim Ostertanz im Stadtkulturhaus, aber auch in Leipzig und Eilenburg zu erleben ist, nicht wird lassen können von der Musik. Der Grund dafür liegt auf der Hand. „Es macht mir nach wie vor Spaß.“ Und dem Publikum ganz sicher auch.

Von Nikos Natsidis

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