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Borna Dittmar Wehran ist der „Weiden-Papst“ von Deutzen
Region Borna Dittmar Wehran ist der „Weiden-Papst“ von Deutzen
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09:13 19.04.2017
Dittmar Wehran schaut aus seiner Ritterburg. Eins von rund 200 Bauwerken und Figuren, die unter seiner Regie und mit seinen Händen entstanden.
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Borna/Deutzen

Wenn Dittmar Wehran durch den Kulturpark Deutzen läuft, bewegt er sich in seiner Weiden-Welt. Er hat sie erschaffen. Zwar mit Hilfe vieler anderer Hände, doch in seinem Kopf nahm all dies zuerst Gestalt an. Fische, Echsen, Saurier, Drachen, Eulen, Würmer, Schlangen, Vögel, Ritterburg, Tore, Säulen, Lampen, Pavillons, Bühne, Bogenhalle, Sonnentrichter, Hunderte Meter Zaun, die Himmelsscheibe von Nebra im Maßstab 1:38 – alles aus Weiden. Nun nimmt er Abschied davon. Der 65-Jährige geht in Ruhestand. Traurig ohne Weiden? Der Mann mit dem grauen Bart und den wachen Augen schüttelt den Kopf und sagt kurz und knapp: „Nein, reicht jetzt.“ Dann fügt er hinzu: „Erst mal.“

Er stammt aus dem Kohrener Land, siedelte in den 1970er Jahren nach Borna über und arbeitete als Bauleiter, auch im Garten- und Landschaftsbau. Über Umwege kam er nach der Wende in den „MehrGenerationenKulturPark“ Deutzen, wo Natur- und Kultur-Angebote für jung und alt bis heute Programm sind. Dort betreute er knapp zwei Jahrzehnte die umfangreichen Außenanlagen. Das Areal erstreckt sich auf 21 Hektar, elf davon werden bewirtschaftet, hinzu kommen Wald und Wiesen.

Aus Hirngespinst wird Ritterburg mit begehbarem Turm

Als soziokulturelles Zentrum suchte man dort in den 90er-Jahren nach einem Alleinstellungsmerkmal und kam auf die Idee, mit Weiden zu bauen. Zweimal pro Jahr startete ein großer Workshop, bei dem nicht nur Zäune und Pavillons aus diesem Naturmaterial entstanden, sondern auch Skulpturen.

Wehran baute erst mal mit. Schnell stellte sich heraus, dass er nicht nur handwerklich geschickt, sondern auch ein kreativer Kopf ist. Bald sparte sich der Kulturpark die teuren Honorare für die Weidenkünstler von weit her und nahm die Workshops in eigene Regie. Gemeinsam mit Geschäftsführer Michael Wagner kreierte der Bornaer immer neue Figuren und Bauten. Die beiden waren all die Jahre ein gutes Team, auch wenn es zwischendurch mal ruppig zugehen konnte, wie der 40-jährige Wagner heute amüsiert erzählt.

Meistens sei es so abgelaufen: Der Chef hatte eine kühne Idee, die er seinem Baumeister begeistert präsentierte. Zum Beispiel die Ritterburg. Ein Kindergeburtstagsangebot des Kulturparks dreht sich um Ritter. Da wäre es doch schön, so hieß der Plan, wenn wir dazu eine Burg hätten mit begehbaren Türmen und Zugbrücke. Dittmar Wehran winkte ab – wie häufig bei solchen ersten Anfragen – und brummelte missmutig in seinen Rauschebart: „Ach, du wieder mit deinen Hirngespinsten! Wie soll das denn gehen? Weißt du eigentlich, was das für ’ne Arbeit ist!“ Doch wie so oft arbeitete auch diesmal der Gedanke Ritterburg mächtig in seinem Kopf. Einige Tage später sagte er zu seinem Geschäftsführer, dass er sich das noch mal überlegt hat und so und so könnte es vielleicht schon gehen. Es entstand eine wunderschöne Ritterburg mit begehbarer Burgmauer und Türmen. Auf einen Turm können Kinder klettern und eine Glocke läuten. Nur die Zugbrücke ließ sich leider nicht in die Praxis umsetzen. Drei Wochen hat Wehran mit 15 Leuten daran gebaut. Er schaut stets ein bisschen skeptisch dem bunten Treiben zu, wenn dreißig Kinder „seine“ Burg in Beschlag nehmen und sie in Gruppen verteilt angreifen und verteidigen. Denn Weidenbauwerke in freier Natur sind empfindlich, sie müssen immer wieder repariert und gepflegt werden – oder sie sind dann eben nicht mehr da.

„Sie sind Wind, Schnee, Regen und Frost ausgesetzt. Das hält die Weide nicht aus, sie verwittert, wird brüchig. Wenn man es nicht ständig repariert, zerfällt es und wir werfen die Reste ins Feuer. Dann ist alles weg und wir können was Neues bauen“, sagt der Mann, der auch Weiden-Papst genannt wird. Nein, er sei über den Verfall nicht traurig. „Das ist eben eine temporäre Sache, nichts für die Dauer. Und wenn ich die Figur vier oder fünf Jahre gesehen habe, dann ist es ja auch gut.“ Rund 200 Skulpturen und Bauwerke entstanden unter seiner Regie und mit seinen Händen.

Weidenkunst ist Alleinstellungsmerkmal des Deutzener Kulturparks

Die Idee für die Figuren beginnt meist bei der Pflanze. Dittmar Wehran sieht den morschen Baum und entscheidet: „Den sägen wir ganz unten ab, das wird ein Drache.“ Dann greift er zur Kettensäge und erschafft den Kopf mit dem aufgerissenen Maul und den scharfen Zähnen, die Flügel entstehen aus Weidengeflecht. Ein Fantasie-Tier mehr, das durch den Park geistern darf.

Der Plan mit dem Alleinstellungsmerkmal Weide im Kulturpark ging auf. „Wir sind heute einer der wenigen Orte in Deutschland, wo es Weidenkunst in dieser Fülle gibt“, sagt stolz Michael Wagner. Die große Bogenhalle aus lebenden Weiden sei seiner Meinung nach sogar einzigartig in Europa. Alle namhaften Künstler Deutschlands aus diesem Metier seien schon in Deutzen gewesen. Fachtagungen zum Thema fanden vor Ort statt. Die Park-Bibliothek hat eine umfangreiche Weiden-Buch-Sammlung.

Auf einer alten Hausmülldeponie gleich um die Ecke entstand eine eigene Weidenplantage, die sogar von der Forschung begleitet wird. Neben vielen guten Eigenschaften ziehe diese Pflanze nämlich auch Schadstoffe aus dem Boden.

Seine Fähigkeiten hat der Weiden-Künstler im Laufe der Jahre bei den Workshops vielen Laien weiter gegeben. Die jüngste Veranstaltung im Jahr 19 endete in der vergangenen Woche. Neben Reparaturen im Kulturpark entstand eine Strandmuschel im Neukieritzscher Freibad und ein lebender Weidendurchgang an der Grundschule Lobstädt. Immer mal sind die Deutzener auswärts unterwegs. Sie waren auch schon im Volkskundemuseum Wyhra und am Cospudener See. „Der Weidenbau ist ein Handwerk, da muss man eine Menge beachten und lernen“, sagt Wehran. Meist bereitet er das Grundgerüst einer Figur vor und die Workshop-Teilnehmer flechten es dann aus.

Und wer macht das in Zukunft? Denn ab 1. Mai ist er Rentner. „Das war eine schöne Zeit hier, ein Teil meines Lebens mit Höhen und Tiefen, das will ich nicht missen“, resümiert er zufrieden. Aufträge für den nächsten Workshop will er aber derzeit nicht annehmen, „wir werden sehen, was die Zukunft bringt“. Jetzt möchte er erst mal seine Ruhe genießen und an seiner Datsche im Erzgebirge werkeln.

Sein Chef Wagner bedauert den Abschied sehr. Ihm wird nicht nur der „Konter auf meine Hirngespinste“ fehlen, sondern auch Kreativität und Sachverstand des Ingenieurs. „Wen fragen wir denn nun, wenn wir mal nicht weiter wissen?“, grübelt er und entscheidet schon jetzt: „Da rufe ich auf der Datsche im Erzgebirge an!“ Der Weiden-Papst feixt.

Von Claudia Carell

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