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Ehemalige Bankerin verabschiedet sich vom Job und legt den Camino Francés zurück

Pilgerreise Ehemalige Bankerin verabschiedet sich vom Job und legt den Camino Francés zurück

Sie ist dann mal wieder da. Andrea Geisler ist 45 Tage über den Jakobsweg gepilgert. Zuvor hat sie sich aus ihrem jahrelangen Job bei einer großen Bank verabschiedet. Auf ihrer 1000 Kilometer langen Pilgerreise fand sie nicht nur die Zeit, über sich und die Welt nachzudenken. Wer und was ihr auf dem Camino Francés begegnete, erzählte sie im Bornaer Kirchenladen Offenkundig.

Andrea Geisler ist von der Pilgerreise über den Jakobsweg zurück. Im Kirchenladencafé Offenkundig berichtet die Bornaerin über ihre Erfahrungen.

Quelle: Andreas Döring

Borna. Aus den Beinen sind die Schmerzen längst gewichen. Jetzt rattert der Kopf, klopft das Herz bis zum Hals. Für ihren Vortrag im Kirchenladencafé Offenkundig ist Andrea Geisler den Jakobsweg gedanklich ein zweites Mal gelaufen. Aus 1000 Bildern hat sie eindrucksvolle Momentaufnahmen ausgewählt. Das handgeschriebene Manuskript enthält die wichtigsten Stationen ihrer 45-tägigen Pilgerreise. Knapp 80 Gäste hängen der gebürtigen Bornaerin am Mittwochabend an den Lippen. Die Dokumentation über die 1000 Kilometer lange Wanderung auf dem Camino Francés gibt viele interessante Einblicke, auch einen in ihre Seele.

Die Eckdaten der wohl wichtigsten Reise ihres Lebens hat die 58-Jährige schnell erzählt. Am 27. April vorigen Jahres bricht sie auf. Mit dem Flieger von Berlin via Bilbao und weiter per Bus erreicht sie St. Jean Pied de Port, der letzte französische Ort am Jakobsweg, der für viele Jakobspilger zugleich Ausgangspunkt für die Pyrenäenüberquerung ist. Geisler beginnt noch am Nachmittag des 28. mit dem Aufstieg und ahnt nicht, welche Erfahrungen die kommenden Wochen mit sich bringen werden. Nach 39 Etappen von täglich durchschnittlich 20 Kilometern und mehr als 800 Kilometer erreicht sie am 28. Mai Santiago de Compostela. Mit Hunderten Pilgern feiert die atheistisch geprägte Frau in der Kathedrale einen für sie unvergesslichen Gottesdienst. Weil ihr Rückflug erst auf den 14. Juni datiert, läuft sie am 30. Mai weiter bis ans Kap Finisterre, das übersetzt „das Ende der Welt“ bedeutet und für viele Pilger das Ende des Jakobsweges markiert. So legt sie auf ihrer Wanderung rund 1000 Kilometer zurück. „Danach hab ich mich auf alles gefreut, was mich zu Hause erwartet“, sagt die sportliche Bornaerin mit dem Kurzhaarschnitt, und die braunen Augen leuchten.

Während sie die einzelnen Stationen ihres Weges erklärt, spürt der Zuhörer, wie sie los- und sich auf ein Abenteuer einließ. „Bereits am 1. Januar 2015 habe ich angefangen, zu leben“, sagt sie und betont jede einzelne Silbe – zu leben. Die Tür hinter ihrer beruflichen Laufbahn ist geschlossen. Sie bereitet einen neuen Lebensabschnitt vor.

So ernsthaft, wie Geisler die Idee der Pilgerei und die Vorbereitungen des Vorhabens betrieb, will man kaum glauben, dass die Geschichte von Hape Kerkeling den Stein ins Rollen gebracht hat. Ihre in der Schweiz lebende Tochter Ines hatte das Hörbuch „Ich bin dann mal weg“ den Eltern für eine kurzweilige Rückfahrt mitgegeben. In Borna angekommen stand für Andrea fest: Sie wird den Jakobsweg laufen. Dafür verabschiedete sie sich von ihrem jahrelangen Job als Bankerin und fing an, sich vorzubereiten. „Das bedeutete: lesen, lesen, lesen.“ Pilgerberichte, Reiseführer und das Handbuch für die Auszeit brachten sie ihrem Traum näher.

Wenn Sie nun die Jakobsmuschel, das Erkennungszeichen der Pilger, in den Händen dreht, dann treten die Anstrengungen harter Etappen bei sengender Hitze oder Gegenwind in den Hintergrund. Lebendig bleiben die vielen Begegnungen mit Menschen. „Ich bin zwar allein losgelaufen, aber nie allein unterwegs gewesen“, sagt Geisler. Sie sei überrascht gewesen von der Internationalität des Pilgervolkes. Die Mehrzahl der Menschen stamme zwar aus Spanien, auch viele Deutsche pilgern entlang des Weges. Sie sei aber auch Menschen aus den USA und Japan begegnet. Es herrsche ein unglaublicher Zusammenhalt und absolute Höflichkeit. „Buen Camino“, sei der Gruß der Pilger. „Das war das erste, was ich bei meiner Ankunft in der Heimat vermisst habe“, sagt Geisler.

An Respekt und Achtung fehlte es der Bornaerin bei ihrem ersten Auftritt als Pilgerin in Borna nicht. Viele Fragen stürmten auf die drahtige Grauhaarige ein. Sogar Anfragen für ihren Vortrag habe es gegeben, sagte sie sichtlich beeindruckt. Eine weitere Pilgerreise plane sie derzeit nicht. Aber der Halbmarathon auf dem Darß und der Rennsteiglauf sind zwei Herausforderungen, denen sie sich in diesem Jahr stellen wird.

Von Birgit Schöppenthau

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