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Ein Bauer aus Kitzscher kämpft gegen seine Stadt

Ein Bauer aus Kitzscher kämpft gegen seine Stadt

Edwin Lämmel ist 79 Jahre alt. In dem Alter sollte man große Aufregung wahrscheinlich lieber vermeiden. Edwin Lämmel, ein Bauer mit Leib und Seele aus Trages, regt sich aber auf, weil der Stadtrat von Kitzscher einen Beschluss gefasst hat, der unter ungünstigen Umständen den Landwirtschaftsbetrieb der Familie gefährden könnte.

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Für einen eingefleischten Bauern wie Edwin Lämmel hat eigenes Land eine ganz besondere Bedeutung. Dass die Stadt Kitzscher jetzt Grundstücke verkaufen will, die mal die Wege zu seinem Feld waren, macht ihn wütend.

Quelle: Thomas Kube

Kitzscher/Trages. Und er will dagegen kämpfen, und damit, wie er sagt, für sein Land.

 

 

Rückblende: Als in der DDR Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gebildet wurden, wurden Äcker zu großen Flächen zusammengelegt und es verschwanden die vielen Wege zwischen den kleinen Feldern. Die LPG gibt es heute nicht mehr, die großen Flächen haben die Zeit überwiegend überdauert. Etliche der früheren Feldwege sind in den Grundbüchern als separate Grundstücke noch eingetragen. Bezeichnet sind sie allerdings als Ackerfläche, und in der Landschaft zu sehen sind sie schon gar nicht. Es gibt sie nicht mehr.

Mit dem Übergang zur Bundesrepublik wurden bei der Neuordnung der Eigentumsverhältnisse solche ehemaligen Wege-Grundstücke den Kommunen zugeordnet. So zum Beispiel auch die zwischen Trages, Hainichen, Thierbach und Kitzscher.

Als der Landkreis Leipzig gut 50 Jahre später, 2011, die Straße zwischen Trages und Hainichen grundhaft neu bauen ließ, ging das nicht ohne Eingriff in angrenzende Feldflächen. Die meisten der betroffenen Eigentümer, bei denen es nur um kleine Flächen ging, waren mit einer finanziellen Entschädigung einverstanden. Nur einer bestand auf der Lösung: Land gegen Land. Der Kreis konnte natürlich kein Land im Tausch bieten. Die Stadt wollte den Straßenbau nicht gefährden und sprang helfend ein. Sie bot dem Landkreis eine Fläche an, die der dem Grundstückseigentümer im Tausch für die Flächen an der Straße geben kann. Die 5600 Quadratmeter sind ein langer Schlauch von Grundstücken, die früher einmal Feldwege waren. Der Stadtrat beschloss den Verkauf an den Landkreis.

Als die LVZ in einer kurzen Meldung über diesen Deal berichtete, rief das Edwin Lämmel auf dem Plan. Unter den einstigen Wegen befindet sich der, der zu seinem Land führte. Ein Acker, der sich heute unerkennbar inmitten einer großen Feldfläche befindet.

Im Moment ist das ganze ohne weitere Bedeutung. Denn Lämmels gleich nach der Wende gegründeter Familienbetrieb, den heute sein Sohn führt, bewirtschaftet im Austausch eine Fläche, die für den Landwirt erreichbar ist. Solche Flächentausche sind heute durchaus üblich. An dem Flächentausch, sagt Lämmel, seien aber drei Parteien beteiligt. Wenn auch nur einer nicht mehr mitspielen würde, dann wäre nach dem Verkauf der Wege der Betrieb am Ende, weil er sein eigenes Land nicht erreichen kann.

Der Landverkauf durch die Stadt Kitzscher ist aus Lämmels Sicht ein Unding: "Das hat es noch nie gegeben, dass ein Bauer nicht zu seinem Feld kommt", schimpfte er kürzlich im Stadtrat. Wo man ihm zwar geduldig zuhörte, wo er aber keine befriedigende Antwort bekam.

Lämmel, der will, dass der Verkaufsbeschluss zurückgenommen wird, sucht nun auf vielen Ebenen nach Hilfe. Auch beim CDU-Landtagsabgeordneten Georg-Ludwig von Breitenbuch. Der ist selbst Landwirt und kann Lämmels Sorgen gut nachvollziehen. Zwar sieht er die Situation bezüglich des Betriebes nicht ganz so kritisch wie der Trageser. Vom Grundsatz her teilt er aber dessen Auffassung: "Hier kommt etwas in Unordnung, das vorher in Ordnung war", sagt von Breitenbuch in Bezug auf den Verkaufsbeschluss des Kitzscheraner Stadtrates. Solange die Stadt nämlich Eigentümer der Flächen war, habe sie die Wege "indirekt immer noch vorgehalten", habe sie das Wegerecht gesichert. Geraten die Flächen in Privathand, würde der Landwirt im Bedarfsfall nur noch über das Instrument des Notwegerechtes auf seine Feldfläche gelangen. Dafür müsste er aber bezahlen, was dem Betrieb zusätzliche Kosten verursachen würde.

Der Landespolitiker sieht hier ein generelles ostdeutsches Problem, das in diesem konkreten Fall deutlich zu Tage getreten ist. Seitdem suche er in Dresden "zwischen Innenministerium und Landwirtschaftsministerium" nach einer Lösung. Es gehe um Bodenordnung, und die sei tatsächlich Sache der Landespolitik, sagt von Breitenbuch.

Kitzschers Bürgermeister Maik Schramm (parteilos) sieht sich und die Stadt eigentlich im Recht. "Die Flächen, die wir verkauft haben, sind nun mal als Ackerland ausgewiesen", sagt er. Dennoch ist die Stadt im Moment verunsichert. Deswegen liegt der notarielle Vertrag, der den Verkauf besiegeln soll, noch auf Eis. "Wir warten auf eine Antwort aus Dresden", sagt Schramm.

Edwin Lämmel will nicht locker lassen. Für ihn geht es um Gerechtigkeit, um seinen Grund und Boden und um die Frage, ob er seinem Sohn, der den Betrieb bereits führt, guten Gewissens das Eigentum an seinem Land übergeben kann. "Ich werde kämpfen", sagt Lämmel, "wenn es sein muss, bis zum Umfallen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.03.2014
Neumann, André

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