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Ein Blinder im Kommunalamt

Ein Blinder im Kommunalamt

Er liebt steile Ski-Pisten. Er fährt gern Motorrad. Bis auf einen kleinen Sehrest ist Kevin Bauer - blind. Das hält den 24-Jährigen nicht von seinen Hobbys ab und beeinträchtigt ihn kaum in seinem Beruf.

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Kevin Bauer ist blind. Der 24-Jährige, hier an der Seite von Reha-Lehrerin Ulrike Schade, arbeitet seit kurzem im Landratsamt in Borna.

Quelle: Jakob Richter

Borna. Bauer, frisch ausgebildeter Verwaltungsfachwirt, arbeitet seit Mitte März im Bornaer Landratsamt. Und er versucht, sich diese ihm noch unvertraute Wahlheimat außerhalb des Büros zu erschließen. Der Blinden-Langstock und Mobilitätslehrerin Ulrike Schade helfen ihm dabei.

Geht Kevin Bauer durch Bornas Straßen, spürt er mitunter eine gewisse Hilflosigkeit. Nicht, weil er selbst Schwierigkeiten hätte, sich zurechtzufinden. Es sind die Menschen, denen er begegnet. "Da verstummen plötzlich Gespräche. Und ich kriege es auch mit, wenn ich angestarrt werde", sagt der junge Mann aus dem Erzgebirge, der jetzt in Borna heimisch werden will. Im Landratsamt in der Stauffenbergstraße steht seit Mitte März sein Schreibtisch. Das möblierte Zimmer, das ihm übergangsweise als Quartier dient, ist anderthalb Kilometer entfernt in Borna-West. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück die vielbefahrene vierspurige Sachsenallee zu passieren, sei weniger das Problem, sagt er: "Die klingt gefährlich, aber an ihr kann ich mich ganz klar orientieren. Da höre ich permanent, was los ist."

Dass der Erzgebirgler, der in Oelsnitz aufwuchs, seine erste Arbeitsstelle in Borna fand, ist Zufall. "Ich habe mich vielerorts beworben und vorgestellt, in Bayern, in Nordrhein-Westfalen, in Sachsen", sagt er. Letztlich geklappt hat es in der Verwaltung des Landkreises Leipzig: "In der Kommunalaufsicht. Das Gebiet, das ich schon immer beackern wollte."

Kevin Bauer ist von Geburt an beeinträchtigt, was die Augen betrifft: "Hell und dunkel kann ich unterscheiden, manche Kontraste." In Spezialschulen für Blinde und Sehschwache in Chemnitz und Königs Wusterhausen absolvierte er Schule und Abitur, studierte danach an der Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung in Meißen. An der Diplomarbeit ist er noch dran; sie wird sich mit der Schuldenbremse bei den Kommunalfinanzen in Sachsen befassen.

Ein (fast) Blinder im Kommunalamt? Wo es doch darum geht, Städte, Gemeinden und Zweckverbände zu kontrollieren, Haushaltspläne und Satzungen zu prüfen. Kevin Bauer lacht: "Das ist kein Problem, denn ich kann Hilfsmittel nutzen." Sein Computer ist ausgestattet mit einem Leseprogramm samt Sprachausgabe, mit einer Braillezeile für die Blindenschrift. Schriftstücke scannt er ein und macht sie sich am Rechner zugänglich. "Eigentlich lässt sich alles digital aufbereiten, wenn es nicht gerade mit der Hand geschrieben ist."

Kevin Bauer ist der dritte Blinde, der im Landratsamt des Landkreises angestellt ist. "Das funktioniert reibungslos, und es ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit", sagt Behördensprecherin Brigitte Laux. Bei gleicher Eignung stelle man Schwerbehinderte bevorzugt ein. Mehr als 100 Mitarbeiter hätten diesen Status.

"Mobi-mäßig ist er fit wie ein Turnschuh", sagt Ulrike Schade über Kevin Bauer. Die freiberufliche Reha-Lehrerin für Blinde und Sehbehinderte in Orientierung und Mobilität ist mit dem 24-Jährigen immer wieder quer durch Borna unterwegs. "Es geht nicht darum, dass er fünf Wege auswendig lernt. Er muss sich die Stadt als Ganzes erschließen. Er braucht die räumliche Landkarte im Kopf", sagt sie. Borna sei für Blinde ein durchschnittlich gutes Pflaster. Es gebe relativ klare Strukturen der Wege, Straßen, Häuserfluchten, wenige speziell ausgerüstete Ampeln. Für Blinde problematisch, für Rollstuhlfahrer dagegen ein Gewinn seien komplett abgesenkte Borde. Dann, sagt Schade, finde der Langstock keinen Orientierungspunkt. Ein Spaziergang sei dieses Training, auch wenn es auf Laien so wirke, keinesfalls: "Man ist in einer ständigen Anspannung."

Wenn Kevin Bauer Abstand braucht und auf andere Gedanken kommen will, fährt er in seine alte Heimat. Hier hat er ein Motorrad, das er auf freiem Feld mitunter nutzt. Vor allem aber liebt er Abfahrtsski: "Ich mache das, seit ich vier bin. Ich fahre zuerst und höre auf das Kommando von denen hinter mir.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.04.2013

Ekkehard Schulreich

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