Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Ein Bornaer Arzt gehört zu den Helden von Coroat’a – Jan Wittlinger operiert in Brasilien

Özils Elf Ein Bornaer Arzt gehört zu den Helden von Coroat’a – Jan Wittlinger operiert in Brasilien

Jan Wittlinger und Mesut Özil kennen sich nicht. Und doch haben der Hals-, Nasen- und Ohren-Arzt aus Borna und der Profi-Fußballer aus London eine Verbindung. Beide haben dafür gesorgt, dass in der brasilianischen Provinz von Coroat’a zahlreichen Kindern in größter Not geholfen wurde.

Die Özil-Elf kommt nach Brasilien: Schon Tage vor der Ankunft der deutschen Ärzte im Regenwal-Hospital in der Provinz Coroat’a stellen sich die ersten Patienten an.

Quelle: Joachim Umbach

Coroat’a/Leipzig.. Dr. Jan Wittlinger gehört zu den deutschen Interplast-Ärzten, die im Regenwald-Hospital von Coroat’a in den letzten Tagen über 150 Kinder operiert haben. Mesut Özil hat bei der Spendenorganisation BigShoe aus dem Allgäu, die diese Operationen finanziert, elf Patenschaften übernommen.

„Wir machen in Coroat’a im Norden Brasiliens etwas für die Menschen, was sonst hier niemand für sie tut – weil die örtlichen Ärzte nicht ausreichend qualifiziert sind oder weil die Patienten viel zu arm sind, um die Operationen bezahlen können.“ Der HNO-Arzt Jan Wittlinger, der in Borna bei den Sana-Kliniken als Oberarzt beschäftigt ist, ist nicht zum ersten Mal in einem Entwicklungsland- oder Schwellenland tätig. So war er schon in Ghana oder in Südafrika als Arzt aktiv. Der 38-jährige stammt aus Baden-Württemberg, geboren in Stuttgart und aufgewachsen in Nagold. Trotz dieser Vita sieht er nicht aus wie ein Schwabe. Er ist adoptiert, seine leiblichen Eltern stammen aus Korea.

Studiert hat Jan Wittlinger in Greifswald und Leipzig – und ist dann im Osten Deutschlands geblieben, zunächst bei einem Krankenhaus in Halle an der Saale, später dann in Borna. Er liebt es, einen Beruf zu haben, bei dem er viel helfen kann – das gilt für Deutschland und vor allem für Coroat’a. Im Team war vor allem für alle Hals-, Nasen- und Ohren-Themen zuständig.

Mesut Özil ist BigShoe-Pate

Mesut Özil ist übrigens ein Wiederholungstäter. Im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien übernahm er bereits elf BigShoe-Patenschaften, nach dem Titelgewinn legte er nach und erhöhte um weitere 23 Patenschaften: „Kinder sind mein Glück“, verkündete er damals per Video-Botschaft.

Mit ihrem Engagement ermöglichen das Interplast-Team und Özil zum Beispiel dem vierjährigen Joao Victor eine deutlich verbesserte Zukunft. Wenn die doppelte Lippen- und Gaumenspalte nicht im Kindesalter operiert wird, müssen die Kinder mit dieser entsetzlichen Entstellung leben, werden in Brasiliens Norden zum Teil von der Gesellschaft geächtet. Außerdem haben sie ein Leben lang Sprech-, Trink- und Essstörungen.

Der Bornaer Kiefern-Chirurg Dr Jan Wittlinger und Schwester Veronica, Salanus-Schwester im Franziskaner-Orden, behandeln einen Patienten

Der Bornaer Kiefern-Chirurg Dr. Jan Wittlinger und Schwester Veronica, Salanus-Schwester im Franziskaner-Orden, behandeln einen Patienten.

Quelle: Joachim Umbach

Die Mutter von Joao war mit ihrem Sohn schon am Tag vor dem Eintreffen der deutschen Ärzte angereist. Nur im von Ordensschwester Veronica betrieben Regenwald-Krankenhaus hat er eine Chance auf Heilung. Den brasilianischen Ärzten im Norden der Riesenlandes fehlt die Kompetenz für die notwendige Operation, und die Behandlung durch Fachärzte in Sao Paulo oder Rio de Janeiro kann sich die Familie nicht leisten. In Coroat’a entstehen keine Kosten – die Interplast-Ärzte arbeiten ehrenamtlich, die Operationskosten übernehmen BigShoe und die Paten.

Wenige Tage nach der OP wird Joao nicht nur im Mundbereich äußerlich verändert sein. Seine Mutter hatte eine Art Gelübde abgelegt, dass die langen, lockigen Haare ihres Sohnes erst abgeschnitten werden, wenn er zur Operation zugelassen wird, alles gut verläuft und die Heilung Fortschritte macht. Für Operateur Dr. Stefan Hessenberger, Mund-, Gaumen- und Gesichtschirurg aus München, war die Operation kein Problem: „Alles gut gelaufen!“ Nach drei Tagen dürfte der Junge schon nach Hause. Und dann wird Mama wohl zu Kamm und Schere greifen ...

Laura gehört auch zu den Besuchern, die schon Stunden vor Eintreffen der deutschen Ärzte im Regenwald-Hospital von Coroat’a warten. Doch die Fünfjährige steht nicht an, weil sie auf einen sicheren Operationstermin wartet. Sie will sich bei den Gästen aus Europa nur bedanken. Und das macht sie mit einem strahlenden Lächeln. Dr. Jan Esters aus Lüdinghausen und Dr. Michael Sollmann aus Essen haben sie vor eineinhalb Jahren am Hals operiert. Eine Verwachsung hatte dazu geführt, dass sie den Kopf nicht mehr bewegen konnte. Heute ist die schmerzhafte Wucherung so gut wie verschwunden. Dafür werden die Ärzte aus Deutschland mit einem strahlenden Lachen empfangen – und ganz herzlich gedrückt. Die beiden Plastischen Chirurgen aus Deutschland im Chor: „Deshalb machen wir das.“

Nicht allen kann geholfen werden – nicht vor Ort

Schwester Veronica, Salanus-Schwester im Franziskaner-Orden, die das Regenwald-Hospital vor 23 Jahren aufgebaut hat, versteht diese Freude: „Viele nehmen Hunderte von Kilometern Anreise auf sich, weil sie wissen, dass wir versuchen, ihnen zu helfen.“

Aber nicht in allen Fällen können die Ärzte aus Deutschland etwas machen. Die fünfjährige Olivia ist extra drei Tage vor Eintreffen der deutschen Ärzte in Coroat’a angereist, hat stundenlang bei fast 40 Grad in einer langen Schlange gewartet – und muss dann erfahren, dass ihre Lippen- und Gaumenspalte nicht operiert werden kann. Der Grund: Neben der Entstellung im Mundbereich hat das Kind auch noch ein Herzleiden. Alle anwesenden Ärzte werden zusammengerufen, um das Risiko abzuwägen. Die Lippen- und Gaumenspalte ist für die Spezialisten aus Deutschland an sich kein Problem, doch für Herz-Komplikationen ist das Krankenhaus im brasilianischen Regenwald nicht eingerichtet – es gibt keinen Intensivbereich.

Fußballstar Mesut Özil ist Pate der BigShoe-Spendenorganisation

Fußballstar Mesut Özil ist Pate der BigShoe-Spendenorganisation.

Quelle: Joachim Umbach

Sichtlich berührt schicken die Ärzte die kleine Olivia mit ihrer Mütter wieder nach Hause. Für sie bleibt nur der Trost, dass sie vielleicht in Rio oder Sao Paulo eine große Klinik finden, die den Eingriff übernimmt – falls die Familie das Geld für diesen Eingriff aufbringen kann. Der Anästhesist Dr. Frank Möller aus Herne fasst seine Gefühle zusammen: „Alles, was wir machen, muss zum Vorteil des Patienten sein. Und wenn wir Zweifel haben, dass dieser Vorteil aufgrund der unzureichenden Ausstattung der Regenwald-Klinik erreicht wird, dann müssen wir es lassen.“ Dr. Stefan Hessenberger, der Spezialist für Lippen- und Gaumenspalten bei Kindern, pflichtet Frank Möller bei: „Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass ein Kind aufgrund unkalkulierbarer Komplikationen in Lebensgefahr gerät.“

Andere Patienten werden aus weniger spektakulären, aber durchaus nachvollziehbaren Gründen zurückgeschickt. Zum Beispiel, wenn es bei früher operierten Patienten keine funktionalen Störungen mehr gibt, sondern nur kleine Schönheitsfehler. Der Patientenansturm mit akuten Lippen- und Gaumenspalten ist so groß, dass diese kosmetischen Eingriffe zurückgestellt oder ganz abgesagt werden. Dazu Stefan Hessenberger: „Wir haben so viele Patienten, deren Lebenssituation wir mit unser einen Operation grundlegend verbessern können, die haben Vorrang.“ In der Tat werden in Brasiliens Norden Patienten Lippen- und Gaumenspalten häufig noch wie Aussätzige behandelt. Sie werden zum Teil weggesperrt.

Wittlinger fährt wieder nach Brasilien

Der Bornaer Jan Wittlinger nimmt die schwierigen Umstände von Coroat’a – 40 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, völlig veraltete Operationstechnik und so weiter – gerne in Kauf. Er findet, dass ihn ein solcher Aufenthalt erdet: „Wenn man sieht, wie es woanders ist, denkt man über die Situation im eigenen Land, im eigenen Umfeld ganz anders.“ Und dann gibt es noch etwas: die persönliche Bindung zu Schwester Veronica: „Man will sie nicht im Stich lassen.“ Und das wird er auch nicht tun: Die meisten Teilnehmer des Coroat’a-Einsatzes 2015 haben schon für 2016 wieder zugesagt. Der Spendensammler BigShoe auch.

Von Joachim Umbach

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Borna
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • LVZ-Fahrradfest
    Logo LVZ-Fahrradfest

    LVZ-Fahrradfest 2016: Sehen Sie hier einen Rückblick mit vielen Fotos von allen Starts, Videos und mehr. mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr