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Ein Bornaer auf dem Abstellgleis

Ein Bornaer auf dem Abstellgleis

Waldemar Steinem. Deutscher Staatsbürger. 50 Jahre alt. Als Industriemechaniker in Nordrhein-Westfalen, Familienvater und Steuerzahler, gebürtig im ehemaligen Ostpreußen, war er 27 Jahre lang als Leistungserbringer vollständiges Mitglied der Gesellschaft.

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Waldemar Steinem aus Borna: Er hat nichts – außer seiner Hoffnung auf Überleben. Seine Wohnung eine Baustelle.

Quelle: Thomas Lieb

Borna. Heute sieht er dem Ende seines Lebens entgegen. Todkrank. Verlassen. Abgewiesen. Er steht auf dem Abstellgleis. Keinen Cent mehr wert, als es die Register-Nummer 075D176816 auf seinem Jobcenter-Kärtchen - staatlich reglementiert - zulässt. Ein Sozialdrama...

Wie seine Akte im Jobcenter des Landkreises, trägt auch Waldemar Steinems Hoffnung eine Zahlenkombination. Die Nummer in einer Warteliste. Die liegt in der Universitätsklinik Leipzig und registriert Menschen, die auf eine Organspende warten. Eine lebensbedrohliche Erberkrankung zerstört Nieren und Leber des Mannes, dessen Vater mit 42 Jahren an Nierenversagen starb. „Jetzt bin ich dran", sagt der 50-Jährige. Er lebt seit seiner Kindheit mit der Gewissheit, dass es auch ihn treffen wird. 2007 nimmt die Tragödie einen neuen Lauf. Seine Ex-Frau lässt ihn sitzen. Das Mädchen, das er jahrelang für seine Tochter hielt, hat einen anderen Vater. Den 17-jährigen Sohn darf er nicht sehen. Anwälte der durchgebrannten Ex-Frau verwehren ihm die Besuchsrechte. Sein Arbeitgeber kündigt ihm. Vom Arbeitsamt geforderte Bewerbungen laufen ins Leere. „Wer stellt einen Mitarbeiter ein, der vielleicht bald abkratzt", fragt sich der gelernte Betriebsschlosser schon damals. Die Agentur in Nordrhein-Westfalen kürzt die Leistungen. Seine körperliche Verfassung wird mit den Jahren immer schlechter, die Kräfte schwinden. 2007 flüchtet er aus Lippstadt nach Borna. Immer noch mit dem Willen, eine Arbeit zu finden. „Deswegen wollte ich in die Nähe einer Großstadt. Leipzig als alte Industriestadt hat mich immer fasziniert. Ich wollte neu anfangen."Arbeiten kann er längst nicht mehr. Waldemar Steinem sieht blass aus. Die Augen gläsern und rot. Die Krankheit zeichnet ihn. Er lebt in bedauernswerten Verhältnissen. Von der mittlerweile zugestandenen Erwerbsminderungsrente kann er sich über Wasser halten. Er lebt in Armut. Wohnt in einer Absteige. „Es ist noch einiges zu machen...", stammelt er fast schon entschuldigend, als er in seine Wohnung bittet, die einem Abrisshaus gleicht, „aber mietfrei" ist. Er müsse jeden Cent umdrehen. Die Küche ist eine Baustelle. Wände feucht. Kalt. Die eingebrochenen Decken hat er notdürftig repariert. Die ehemalige Kneipe hat ihre besten Zeiten hinter sich. Von 700 Euro Rente lebt er. 2800 Euro habe er zuletzt in seinem Job verdient.Waldemar Steinem lebt nicht im Einklang mit dem Tod, auch „wenn ich immer wieder daran denke, dass jeder Tag mein letzter sein könnte". Seine neue Frau, die er 2009 in Kamerun geheiratet hat, und Schäferhund Wandor sind seine wichtigsten Stützen. Er findet Hilfe bei den Ärzten. Seit dem Sommer 2010 muss er jeden zweiten Tag zur Dialyse, um sein Blut reinigen zu lassen. Über vier Stunden dauert die Prozedur, die ihn zusehends schwächt, aber am Leben hält.Die Hoffnung bleibt. Jederzeit könnte der Anruf aus der Uniklinik kommen. „Ich muss Tag und Nacht erreichbar sein", erklärt der hagere Mann. Und weil ein Mobiltelefon nicht in sein Budget passt, hat er einen Antrag beim Jobcenter auf Mehrbedarf zur Sicherung des Lebensunterhaltes gestellt - abgelehnt. Der Widerspruch läuft ins Leere. Das Sozialgesetzbuch sieht keine Ausnahmen vor. Ausnahmen kennt auch ein Spenderorgan nicht. Steinem: „Habe ich kein Handy, sterbe ich."

Das Abstellgleis hält andere Hürden für ihn bereit. Weil er es nach der Heirat seiner zweiten Frau als zwischenzeitlicher Sozialhilfeempfänger nach Hartz-IV verpasst, einen Befreiungsantrag bei der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in Leipzig zu stellen, werden die Gebühren eingeklagt. Nachträgliche Erklärungen abgewunken. „Die haben mich ausgelacht", erinnert sich Steinem. Für Mittwoch hat sich der Gerichtsvollzieher angekündigt. 128 Euro sind überfällig. Auch wenn er nichts besitzt, was man ihm pfänden könnte: „Ich fühle mich in meinen Rechten verletzt. Es belastet mich psychisch, wenn ich solche Post bekomme", seufzt Waldemar Steinem während er orientierungslos durch die Unterlagen auf dem eingestaubten Küchentisch wühlt. Seine polyzystischen Nieren und die kranke Leber, ständige Dialyse-Sitzungen und der Verlust seines früheren Sozialstatus' machen ihn fertig. Er hat Konzentrationsschwierigkeiten. Kann zeitliche Zusammenhänge schwer einordnen.

Aber er hat - neben der Hoffnung - auch sein Ehrgefühl nicht verloren. Wenn er die Männer am Getränkekiosk gegenüber der Dialyse-Praxis sieht, fühlt er sich genau darin verletzt. Steinem weiß, dass „denen die GEZ-Gebühren ganz sicher erlassen werden. Ich habe mein halbes Leben lang gearbeitet und stehe jetzt mit leeren Händen da. Es ist nicht gerecht." Steinem hätte ausreichend Gründe zu jammern. Tut es aber nicht. Er stellt fest. Sachlich nüchtern. „Mir geht es nicht darum, den Staat um sein Geld zu bringen. Aber ich möchte überleben", sagt der todkranke Mensch mit der Register-Nummer 075D176816.

Thomas Lieb

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