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Ein Denkmal für den Rock-Poeten: Borna gründet Andreas-Reimann-Gesellschaft

Ein Denkmal für den Rock-Poeten: Borna gründet Andreas-Reimann-Gesellschaft

Gerade in Zeiten, da die Staatsmacht DDR dem Leipziger Dichter das Publizieren verwehrte, ein Podium und eine Überlebensgrundlage - neben Lesungen, die ihm möglich blieben, auf denen er, wie die Überwacher in Protokollen verzeichneten, nicht nur l

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Andreas Reimann bei einer Lesung im März in Leipzig.

Quelle: Andre Kempner

Borna/Leipzig. Gerade in Zeiten, da die Staatsmacht DDR dem Leipziger Dichter das Publizieren verwehrte, ein Podium und eine Überlebensgrundlage - neben Lesungen, die ihm möglich blieben, auf denen er, wie die Überwacher in Protokollen verzeichneten, nicht nur lyrisch daherkam, sondern nach eigenem Bekunden "zur Demokratie aufhetzen wollte". Mit der Andreas-Reimann-Gesellschaft erhält das Vereinsregister des Amtsgerichtes Borna jetzt ungewöhnlichen Zuwachs.

Dass der Verein - nach einem Gründungsversuch zwei Jahre zuvor in Leipzig, der sich im Sande verlief - in der einstigen Kohlegegend südlich der Stadt ansässig wird, hat mit seinen (neuen) Protagonisten zu tun: Hartmut Rüffert (50) ist einer derer, die in den achtziger Jahren im Bornaer Raum gegen die Umweltzerstörung durch Kohleabbau und Industrie vorgingen und verfolgt wurden (Operativer Stasi-Vorgang "Fanal"). Seit den Neunzigern kümmert sich der Mitbegründer des Neuen Forums in Borna um die Sanierung von Altbauten und Industriebrachen. Dass Rüffert jetzt Gründungsvorsitzender der Andreas-Reimann-Gesellschaft wurde, liegt an Gudrun Jugel (64), ehrenamtliche Veranstaltungsmanagerin im Kulturpark Deutzen, enge Gefährtin Reimanns in Jugendjahren, und an einer zufälligen Wiederbegegnung vier Jahrzehnte später in Leipzig. Auf der Grimmaischen Straße liefen sie sich im Herbst 2014 über den Weg: der Dichter Andreas Reimann, Hartmut Rüffert, der Gedichte von ihm kannte, Gudrun Jugel, die 1968, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und dem Ersticken jeglichen Protestes in Leipzig, gleich Reimann und vieler anderer junger Künstler aus dem Umfeld des "Corso"-Cafés für Monate in Haft kam.

Das Gespräch kam schnell auf diesen Punkt: Die Reimann-Gesellschaft muss neu gegründet werden. Rüffert ist der Mann, der sich auskennt mit diesen Dingen. Und Reimann ist froh darüber, dass sich "ein Praktiker anstelle eines gutwilligen Spinners" der Sache angenommen hat. Und stolz und sehr froh darüber, dass sich bereits jetzt so viele Leute für diese Sache engagieren.

Ein Gedicht, mit dem der 14-jährige Andreas Reimann ins Gespräch gebracht wurde, hieß "Tagebau": "Es war eine pathetische Beschreibung der Arbeit in der Braunkohle von Einem, der noch nie gearbeitet hatte", sagt er heute. Er hatte in Böhlen eine Art Praktikum "durchgemacht": "Ich war entsetzt, unter welchen Bedingungen die Leute vor Ort den Sozialismus aufbauen sollten." 2003 schrieb Reimann das Gedicht "Am verflossenen Tagebau", zu finden im Band "Zwischen den Untergängen"). In ihm reflektiert er über die Umgestaltung der Tagebau-Landschaft. Seine Gedichte "Nachruf für Wolfgang Hilbig" (in "Gräber und drüber") und zwei Sonette in dem Bändchen "Bewohnbare Stadt" haben ebenfalls mit dem Südraum zu tun.

Für Hartmut Rüffert und Gudrun Jugel ist Reimann einer der wichtigen Dichter der Gegenwart. Und er ist einer, der ihm imponiert durch diese lebensbejahende Verweigerung, die sich als schmerzhafte Konstante durch dessen Biografie zieht und wo Rüffert Brücken erkennt zu dem eigenen: "Dass er bei aller Bedrückung geblieben ist in seiner Stadt, dass er geschrieben und geschrieben hat." Obwohl in den achtziger Jahren gar nichts mehr gedruckt erschien, etliches auch aus diesen Jahren in Akten und Schubladen ruht. Anker in einer schnelllebigen, zu rastloser Beliebigkeit neigenden Zeit. Diese Schätze zu heben, eine Werkausgabe der  literarischen Arbeiten Reimanns - der im nächsten Jahr 70 wird - zu befördern, das ist ein zentrales Ziel des Vereins. Gegründet haben ihn Literaten und Wegbegleiter. Er will darüber hinaus junge, kunstfertige Dichtung fördern.

"Für Gedichte gibt es nur einen eng umrissenen Leserkreis. Verlage können so ein Vorhaben alleine nicht stemmen", sagt Gudrun Jugel. Peter Hinke, der 1990 die Connewitzer Verlagsbuchhandlung gründete, habe Reimann mehrfach verlegt. Jetzt gehe es um eine elf Bände umfassende Ausgabe. Wer den Verein dabei unterstützen wolle, sei herzlich willkommen.

Kontakt: 0177/3 64 48 98

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2015
Ekkehard Schulreich

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