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Ein Grünschnabel zu Besuch beim Böhlener Klöppeltreff: Ein Erfahrungsbericht

Handwerk Ein Grünschnabel zu Besuch beim Böhlener Klöppeltreff: Ein Erfahrungsbericht

Klöppeln – die meisten jungen Menschen wissen gar nicht mehr, was das ist. Genau wie LVZ-Volontär Christian Neffe, der das zweite Klöppeltreffen im Leipziger Land besuchte. Nach einem Klöppel-Crashkurs und vielen Gesprächen ist er nun um einiges schlauer – und hätte fast ein neues Hobby entdeckt.

Wer da noch durchsieht, ist ein echter Profi: Klöppel, Kissen, Stecknadel, Fäden und eine Vorlage ist alles, was es für das alte Textilhandwerk braucht.

Quelle: Christian Neffe

Böhlen. Da schaue ich erst mal nicht schlecht, als mir mein Chef Mitte vergangener Woche breit grinsend die Einladung zu eine Veranstaltung in Böhlen auf den Tisch legt: „Klöppeltreffen in Böhlen“ steht darauf. Samstag, 13 bis 18 Uhr, gemeinschaftlich veranstaltet vom Klöppelzirkel des Kulturvereins Böhlen und vom Kulturhaus Böhlen. „Da kannst du nur dazu lernen“, meint der Chef. Das perfekte Thema für einen 27-jährigen Volontär, dessen handwerkliches Geschick gerade gut genug ist, um einen Nagel in die Wand zu hämmern und einen Bilderrahmen daran zu hängen, der fortan bei jedem kleinen Windstoß Gefahr läuft, herunter zu plumpsen und den Boden mit Scherben zu verzieren. Ich? Klöppeln? Wie kommt der Chef bloß auf sowas...?

Nicht einmal in meiner Familie hat dieses Klöppeln irgendeine Tradition. Stricken und Sticken, das schon. Doch selbst dem bin ich in meiner Jugend erfolgreich aus dem Weg gegangen. Im Sandkasten toben war mir da lieber.

Aber gut, schauen wir es uns mal an. Kleines Journalisten-Einmaleins: Vorbehaltlos rangehen. Eine kleine Messe sollte es schließlich werden, komplett mit Verkaufsständen, Schauklöppeln, Ausstellungen. So wirklich weiß ich allerdings noch nicht, was mich erwartet. Ich rechne mit einer eingeschworenen Gemeinschaft, einer echten Subkultur, in der sich jeder kennt, die gleiche Leidenschaft teilt und genau weiß, wovon er redet – weshalb ich vermutlich wie der Ochs vorm Berge stehen werde.

Von Spitzendeckchen und Woll-Gemälden

Tatsächlich ist der kleine Saal des Kulturhauses bereits gut gefüllt, als ich aufschlage. Die Anzahl der Tische ist zwar nicht besonders groß, aber vielfältig: Da sind neben dem Böhlener Klöppelzirkel auch eine Gruppe aus Knauthain, zwei aus Markkleeberg, mehrere aus Leipzig sowie eine Dame aus Gräfenhainichen anwesend. Außerdem wird Klöppelausrüstung für Anfänger und Profis feilgeboten.

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Beim zweiten Klöppeltreff im Kulturhaus Böhlen gab es allerhand Kunstvolles zu entdecken. Die bunte Vielfalt der Werke in der LVZ-Bildergalerie.

Zur Bildergalerie

Die erste Überraschung des Tages: Die kreativen Ergüsse der Klöppelerinnen und Klöppeler – ein echter Zungenbrecher, diese Bezeichnung – sind überaus vielfältig. Osterschmuck in der einen, Weihnachtsschmuck in der anderen Ecke des Saals, daneben liegen Landschaftsbilder, Tischdeckchen und dreidimensionale Figuren. Außerdem: Überall runde Kissen auf Holzhalterungen, in denen mehrere Dutzend Nadeln stecken. Zahllose Fäden hängen herunter, an denen hängen kleine Holzwerkzeuge, die ein wenig wie die alten Keulen aus dem Schulsportunterricht anmuten. Und mittendrin: Ich. Gänzlich ahnungslos über das, was hier passiert und vor allem wie es passiert.

Christine Beyer, Vorsitzende des Klöppelzirkels Böhlens, entpuppt sich Retterin in der Not, erklärt sie sich doch bereit, mir das Klöppelhandwerk zu erklären. „Bitte beginnen Sie beim Urschleim“, sage ich. Sie holt tief Luft. „Also zunächst einmal braucht man zum Klöppeln unendlich viel Geduld“, sind ihre ersten Worte. Fantastisch, für Geduld sind wir Journalisten ja bekannt. Weiter gehen die Ausführungen der Expertin: So genannte Klöppelbriefe – Zettel mit den zu klöppelnden Motiven – dienen als Vorlage und man bräuchte mindestens zwei Paar Klöppel – das sind besagte Holzkeulen – um losklöppeln zu können. So weit komme ich noch mit. Dann erklärt sie die vier Grundschläge: Flechtschlag, Leinenschlag, Halbschlag, Ganzschlag. Und schon bin ich raus. Vielleicht wär’s am besten, wenn ich das Ganze mal selbst ausprobieren würde?

Der Selbstversuch

Edelgard Sängerlaub erweist mir die Ehre, mich an ihrem Klöppelkissen zu versuchen. Ich bekomme das absolute Anfängerprogramm: Vier Klöppel, zwei mit roten, zwei mit weißen Fäden. „Wir fangen mit dem Flechtschlag an“, sagt sie. Zwei Klöppel in jede Hand, jeweils den rechten über den linken schlagen, dann die mittleren kreuzen. Mühsam folgen meine Hände den Anweisungen, Finger und Hirn verkrampfen allmählich, die Arbeit macht sich schon bald im Rücken bemerkbar. Aber irgendwann flutscht es.

Plötzlich bin ich das Highlight des Tages: Ein junger Mann, der sich eher schlecht als recht am Klöppeln versucht – das sorgt für amüsierte Blicke und Sprüche. Edelgard Sängerlaub beweist Engelsgeduld und lobt mich nach jedem korrekten Schlag. Zehn Minuten später ist ein Band von etwa zehn Zentimetern Länge fertig und wird von der Klöppelerin, die 20 Jahre Erfahrung mitbringt, zu einer kleinen Schleife gebunden. Immerhin gehe ich nicht mit leeren Händen nach Hause – mit schmerzenden aber allemal. Wie die Damen bei zwölf oder mehr Klöppeln den Überblick behalten, ist mir jedoch nach wie vor ein Rätsel: Als ich einigen über die Schulter blicke, kommen nicht mal meine Augen hinterher.

Michael Stephani: Marktlücke gefunden

Meine Runde geht weiter und so stoße ich auf die verschiedenen Trends der Szene: Spitze ist der Klassiker, ganz neu ist hingegen Klöppeln mit Papier und Wolle. Also nicht das Klöppeln an sich, vielmehr werden besagte Materialien in die geklöppelten Bilder eingearbeitet, als Hintergrund beispielsweise. Eine Technik, die vor allem die zwölfjährige Emily, seit drei Jahren im Zirkel, bevorzugt und so einige beeindruckende Gebäude- und Landschaftsmotive geschaffen hat. Neben dem berühmten Operngebäude von Sidney ist auch das Völkerschlachtdenkmal vertreten. Am Verkaufsstand von Michael Stephani, Inhaber des gleichnamigen Klöppelshops in Seiffen, werde ich über weitere kreative Abarten der Klöppelei aufgeklärt. Der 53-Jährige verkauft – neben vielen, vielen bunten Garnen – nämlich auch Holzrahmen, die dann sozusagen „umklöppelt“ werden. Beste Idee: Ein Fächergestell, dessen Zwischenräume man selbst auffüllen (beziehungsweise aufklöppeln) muss. In Schwarz ein perfektes Accessoire fürs nächste Wave Gotik Treffen!

Man müsse sich eben etwas einfallen lassen, um als Klöppelshop-Inhaber bestehen zu können. „Die jungen Leute wollen nicht mehr nur Spitzendeckchen klöppeln“, erklärt Stephani. Wer aber seinen Platz in der Nische finde, der könne dort auch bestehen. A propos junge Leute: Die sind ein rarer Anblick beim Klöppeltreffen. Neben Emily und mir sind noch zwei, drei Jungen im Alter von zehn, vielleicht zwölf Jahren vor Ort, die sich eher für den Kuchen als die Klöppel interessieren. Auch die Mitglieder der Klöppelzirkel beklagen, der Nachwuchs sei schwer zu erreichen. Fachkräftemangel herrscht also auch bei den Klöpplern.

Das Fazit

Am Ende des Tages bin ich zwar noch immer ziemlich ahnungslos, habe aber wenigstens ein paar Dinge gelernt. Erstens: Man muss beim Klöppeln nicht mit Nadeln hantieren, was es, besonders für Leute wie mich, zur wohl sichersten und verletzungsärmsten Art des Textilhandwerks macht – wäre Dornröschen mal lieber umgestiegen. Zweitens: Experimentierfreude wird groß geschrieben, wenn auch nicht bei allen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass ein kleiner Glaubenskrieg zwischen Mutter und Tochter entbrennt, als die jüngere berichtet, dass sie mit Stick- statt mit Klöppelgarn arbeitet. Drittens: Wie jede ordentliche Subkultur haben auch die Klöppler ihr ganz eigenes Vokabular. Ich weiß noch immer nicht, was Risspaar, Konturfaden und Vollwerk sind. Und letztens: Wenn Klöppler klöppeln, dann klöppeln sie mit ganzer Leidenschaft.

Würden meine bisherigen Hobbies nicht schon meine komplette Freizeit auffressen, ich hätte hier wohl ein neues Hobby gefunden. Was mir mein Chef zwar nicht glaubt... Zumindest aber sei er froh, dass diese Horizonterweiterung ohne große Verletzungen über die Klöppel gegangen ist, meint er. Frechheit.

Von Christian Neffe

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