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Ein Jahr nach der Flut

Ein Jahr nach der Flut

Hochwasser ist in der Elsterregion keine Seltenheit. Doch die Flut, die heute vor einem Jahr kam, überstieg alles, was die Menschen dort bisher erlebt hatten. Die LVZ spricht mit Unternehmen, Vereinen und Privatpersonen, die besonders betroffen waren.

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Die braunen Fluten hatten den Blumenkohl komplett verdorben. Rund 50000 Stück wuchsen im Juni 2013 auf dem Feld von Steffen Schladitz.

Quelle: LVZArchiv

Pegau/Groitzsch. Einige haben bisher noch keine staatliche Unterstützung erhalten.

 

 

Agrar GmbH Auligk: "So schlimm war es noch nie", sagt Bernd Barfuß, Geschäftsführer der Agrar GmbH Auligk bei Groitzsch mit 70 Beschäftigten. Felder standen unter Wasser, Kuhställe mussten evakuiert werden. Wintergerste, Weizen und Silo-Mais gingen in Massen verloren. Kühe konnten nicht besamt werden, daher kamen später einen Monat lang keine Kälber zur Welt. Gesamtschaden 585 000 Euro. Die Hochwasserrichtlinie sieht vor, dass 50 bis 80 Prozent der Schäden erstattet werden, "aber wir haben noch kein Geld erhalten", so Barfuß. Das Unternehmen stellte Investitionen zurück, um dies erst mal finanzieren zu können.

"Das war ein Jahrhunderthochwasser, eine Naturgewalt. Aber was uns ärgert, sind die häufigen kleinen Hochwasser, die uns immer wieder betreffen", meint der Landwirt. Wenn der Elster-Pegel bei Zeitz nur 3,20 Meter anzeigt, stehen Bereiche der Agrar GmbH schon unter Wasser. Ja, seine Felder würden in der Aue liegen, "aber es gibt durchaus Möglichkeiten hier etwas zu machen, das ist vermeidbar". Indem zum Beispiel Gräben beräumt oder ein 30 bis 40 Zentimeter hoher Damm aufgeschüttet werden. "Aber das dürfen wir nicht", ärgert sich der Geschäftsführer.

 

 

Gartenbaubetrieb Schladitz: Steffen Schladitz vom gleichnamigen Gartenbaubetrieb in Pegau hat die staatliche Förderung schon. Der Schaden bei ihm war enorm. Seine 16 Hektar große Anbaufläche war vor einem Jahr fast vollständig überflutet. Und das gerade, als die Ernte begonnen hatte. Erdbeeren, Kohlrabi, Blumenkohl, Salat - alles weg. Er hatte noch versucht, selbst einen Damm an seine Felder zu bauen - vergeblich. Auch die Folienzelte hatte es erwischt. Nur ein Drittel der Gurkenpflanzen überlebte, "die haben wir wieder hochgepäppelt". Zudem erwischte es das Wohnhaus der Familie. Eine schwere Zeit, "die Hilfe der vielen Leute war damals unser einziger Trost", erinnert sich der Pegauer. Schnell rappelte sich sein Familienunternehmen mit zehn Saisonkräften wieder auf und bepflanzte die Felder ein zweites Mal im Jahr 2013. Achtzig Prozent der Schadenssumme bekam der Betrieb ersetzt. "Darüber sind wir sehr froh, ich weiß nicht, wie es weiter gegangen wäre, wenn es nur 50 Prozent gewesen wären", so Schladitz.

 

 

Familie Nötzold: Diesen Anblick werden Karla und Jochen Nötzold nie vergessen: Das Wasser stand an ihrem Haus in der Pegauer Ratsziegelei bis knapp unter den Fenstern, der Zaun war vollständig verschwunden. Umgestürzte Möbel, alles lag kreuz und quer. Bücher, Bilder, viele Dokumente, persönliche Erinnerungen, für immer verloren. Und überall dieser fürchterliche Gestank - das Hochwasser hatte auch die Ölheizung im Keller zerstört. Zunächst dachte die Familie, ihr Heim sei noch zu retten. Doch der Ölschaden war so immens, dass der Gutachter den Abriss anordnete. Dabei hatten sie doch ihr Haus gerade Stück für Stück saniert, sagt Karla Nötzold. Obwohl dies alles schon ein Jahr her ist, nimmt sie die Sache emotional immer noch mit. Nun läuft der Neubau. "Wir hätten uns doch nicht träumen lassen, in unserem Alter noch mal zu bauen!", sagt die Pegauerin. Beide sind Mitte 60.

"Weil die Ratsziegelei nicht als Hochwasser-Gebiet ausgewiesen ist, konnten wir nicht woanders bauen", erklärt ihr Mann. Das Paar ärgere sich über die großen Worte der Politiker nach der Flut. So viele hätten Unterstützung angekündigt. "Aber die versprochene Hilfe, zum Beispiel aus dem Landratsamt, ist nicht eingetroffen. Wir sind darüber sehr enttäuscht." So sollte zum Beispiel Umsiedlungswilligen mit einem Totalschaden am Haus unter die Arme gegriffen werden - nichts sei passiert. Das Haus an anderer Stelle zu bauen, sei schlichtweg nicht zu finanzieren. Auch die Unterstützung durch die SAB sei bisher gleich Null. Dabei hat das Ehepaar beim Neubau auf so viele Dinge geachtet, was die Nachhaltigkeit und den künftigen Schutz gegen Hochwasser betrifft. "Wir haben das Haus auf einen Sockel gestellt. Wer seine Heizung höher baut, bekommt eine Förderung. Aber wer sein Haus samt Heizung höher baut, der nicht. Das soll einer verstehen!", ist Jochen Nötzold frustriert. Doch noch sei die Sache nicht entschieden.

Beide sind bis heute zu Tränen gerührt, wenn sie an die private Hilfswelle in jenen Juni-Tagen denken. Seit einem Jahr nun schon wohnt das Ehepaar nicht mehr zu Hause. Karla Nötzold steht vor ihrem halbfertigen Haus und sagt: "Wir wollen einfach wieder heim." Im Herbst soll Einzug sein.

 

 

Familie Bischoff: Schlimm betroffen war ebenfalls Familie Bischoff aus der Ratsziegelei. Im Wohnzimmer reichte das Wasser bis zu den Fenstern, in der Tiefgarage stand es fast bis zur Decke. Kein Möbelstück blieb den Pegauern. Waschmaschine, Kühlschrank, alles Schrott. Das Haus musste von Grund auf saniert werden, die Einfahrt ist frisch gepflastert. "Wir haben alles neu gemacht", sagt der Rentner. Am 23. September zog er mit seiner Frau wieder ein. Auch er denkt dankbar an die Hilfe fremder Privatleute aus Leipzig, Borna und Naunhof zurück. Ein Leipziger Helfer-Paar war kürzlich zum Grillen bei ihm im Garten.

 

 

Pegauer Karnevalklub: Ausgerechnet im 50. Jubiläumsjahr erwischte es den Pegauer Karnevalsklub so heftig. Fassungslos mussten die Vereinsmitglieder zuschauen, wie in ihrem Tanztrainingszentrum das Wasser stieg und stieg. Danach hob sich der komplette Fußboden, Schimmel kroch an den Wänden hoch, auch die Sanitärräume waren betroffen. 140 kleine und große Tänzer hatten plötzlich keine Trainingsmöglichkeit mehr. Die Karnevalisten schufteten aus Leibeskräften, "doch ohne unsere Sponsoren hätten wir in unserem TTZ nicht wieder tanzen können", sagt Präsident Heiko Günther. 35 000 Euro umfasst der Schaden, "aber wir haben vom Staat noch keine müde Mark bekommen". Zwar sei alles schon ewig beantragt, aber es gebe nach wie vor keine Rückmeldung von der SAB. "Das ist besonders für Vereine, die weder Geld noch Eigentum haben, sehr bedauerlich", meint der Pegauer. Ein "riesengroßes Dankeschön" schickt er deshalb an die Sponsoren und alle Helfer.

 

 

DRK-Ortsverein Pegau: "Wir hatten echt Glück", resümiert Oliver Gentsch vom DRK-Ortsverein. Zwar gibt es noch kein neues Vereinsheim, aber die Sache ist auf gutem Wege: Das alte Haus in der Schloßstraße 6, früher bekannt als "Fisch-HO", wird mit Geldern aus dem Flut-Fördertopf für das DRK ausgebaut. Die Pläne sind so gut wie fertig. Das frühere Domizil am Poetenweg war vor einem Jahr "völlig abgesoffen". Weil es im Überschwemmungsgebiet stand, kam ein Wiederaufbau nicht in Betracht.

 

 

Stadt Pegau: Die Elsterstadt war von diesem Hochwasser extrem betroffen. Kommunale Brücken, Häuser, Straßen und Wege wurden zerstört oder beschädigt. Fast 40 Baustellen für mehr als fünf Millionen Euro stehen an. "Es zeichnet sich ab, dass die Kosten höher liegen als die anfänglichen Schätzungen", sagt Bürgermeister Peter Bringer (parteilos). Wie berichtet, hatten die Kommunen nach dem Hochwasser nur wenig Zeit, ihre Schadenshöhe in Dresden zu melden. Nicht nur in Pegau, auch in anderen Städten, stellte sich heraus, dass die Schätzungen der Planungsbüro oft zu niedrig lagen. "Es ist eben schwierig, den Bau einer Brücke oder eines Schulhorts so schnell zu veranschlagen", meint Bringer. Er wünscht sich hier Änderungsmöglichkeiten. Ärgerlich sei, dass sich in punkto Hochwasserschutz für Pegau "gar nichts tut". Sei es der geplante Wall an der Probsteisiedlung oder Veränderungen an der B 2 in Audigast: "Wir hören darüber nur Phrasen, wie zum Beispiel dass eine 'ganzheitliche Betrachtung' notwendig ist. Und wir sind darüber allesamt unzufrieden."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.05.2014
Carell-Domröse, Claudia

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