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Elterntaxi: Chaos vor Schulen im Landkreis Leipzig

Schulweg mit Auto Elterntaxi: Chaos vor Schulen im Landkreis Leipzig

Parken im Halteverbot, Wenden auf dem Gehweg, oft ist die Straße komplett verstopft: Vor so mancher Schule spielen sich montags bis freitags chaotische Szenen ab – wenn die sogenannten Elterntaxis im Einsatz sind. Auch im Landkreis Leipzig ist dies vielerorts Alltag. In Borsdorf entstand deshalb etwas abseits ein Fleckchen für den Abschiedskuss, Neudeutsch heißt das Kiss-and-go-Zone.

Da kann’s auch schon mal eng werden. Wenn zum Schulbus noch das Elterntaxi im Berufsverkehr Platz sucht, wie hier an der Oberschule Groitzsch.

Quelle: Jens Paul Taubert

Landkreis Leipzig. Das Kind soll sicher zur Schule und wieder nach Hause kommen. Das liegt Eltern am Herzen. Oft wird Sohn und Tochter deshalb mit dem Auto gefahren, zumal im ländlichen Raum die Wege mitunter weit sind. Doch manch einer will seinen Sprössling direkt an der Schultür absetzen. Das führt nicht selten zu chaotischen Verhältnissen am frühen Morgen.

„Vor Jahren war das bei uns ein wirkliches Problem“, sagt Waltraud Voigt, Leiterin der Grundschule Borna-West. Der Haupteingang war zugeparkt, Autos von Eltern standen auf dem Schulhof, es gab Ärger ohne Ende. Die Pädagogen entschieden deshalb, das Haupttor morgens zu schließen. Alle Schüler und Lehrer betreten das Haus nun über den Hintereingang. Dort gibt es einen Parkplatz. Das würde im Großen und Ganzen recht gut funktionieren. Doch manchmal eben auch nicht – mitunter seien einzelne Eltern recht uneinsichtig, wenn man sie darauf anspricht, so die Schulleiterin.

Groitzscher Engstelle: Jede Menge Schulbusse und viele Elterntaxis

Auch in Groitzsch ein Dauerthema. Grund- und Oberschule sowie ein Kindergarten liegen dort dicht beieinander, es halten jede Menge Schulbusse und Tag für Tag viele Autos. „Die Eltern verhalten sich vorsichtig und umsichtig, aber es ist nun mal eine Engstelle“, sagt Schulleiter Christian Jauer. Er wollte mit seinen Kollegen hier eine Änderung, es fanden Ortsbegehungen statt. So gab es die Idee, dass die Schulbusse am nahen Wasserturm halten, damit sich die Situation in der Straße entspannt. Aber das sei alles schwierig, zum Beispiel mit der Vorschrift, dass eine Bus-Haltestelle 80 Meter Platz braucht – am Wasserturm gibt es nicht so viel Raum. Deshalb habe sich hier leider nichts getan.

Selbst im Dorf, zum Beispiel in Neukirchen bei Borna, wird des manchmal eng. Die Grundschule liegt in einer Sackgasse. Wenn dort mehrere Autos parken, ist die Gasse verstopft. Am Nachmittag, wenn die Steppkes aus dem Hort abgeholt werden, sei dies manchmal der Fall, berichtet Schulleiterin Silvia Ehritt. Morgens würden die allermeisten den Parkplatz, etwa 200 Meter entfernt, nutzen. Über eine kleine Straße gelangen die Kinder dann zum Schulhaus. Ein Großteil der Neukirchener Grundschüler seien ohnehin Buskinder. Hier gebe es allerdings mitunter nachmittags das Problem: Der letzte Bus fährt 15.15 Uhr. Vor allem Eltern, die länger arbeiten müssen, würden dann ihre Kinder lieber mit dem Auto abholen.

Kiss+Ride-Zone wird als Lehrer-Parkplatz missbraucht

In Grimma, größte Flächenkommune im Landkreis, verhalten sich die Eltern in der Regel am Straßenrand vor den kommunalen Schulen recht vernünftig, informiert Stadtsprecherin Michaele Wächter. „Wunderbar klappt das Ein- und Aussteigen am Morgen vor der Oberschule Böhlen“. Hier fahren auch kaum Elterntaxis vor. 85 bis 90 Prozent der Schüler kommen laut Wächter mit dem Bus. „Disziplininert verhalten sich die Eltern größtenteils auch vor der Grundschule Bücherwurm in Grimma-West“, informiert sie weiter. Hier würden viele Eltern am Dienstleistungsgebäude parken und den Fußgängerüberweg nutzen.

„An Punkten, an denen es zu Gedrängel kam, reagierte die Stadt“, so die Sprecherin. So habe sich die Einbahnstraßenregelung am Prophetenberg am „Haus Seume“ des Gymnasiums St. Augustin bewährt. „Um die Lage hier weiter zu entspannen, wird in naher Zukunft das absolute Haltverbot in ein eingeschränktes Haltverbot umgewandelt.“ Das Ein- und Aussteigen sei damit möglich.

Leider würden Eltern nicht immer die Möglichkeiten für den Elterntaxiparkplatz annehmen. An der Grundschule Hohnstädt etwa sei extra eine „Kiss+Ride-Zone“ eingerichtet worden. „Leider wird diese Kurzzeitparkzone oft auch von Lehrern zugeparkt“, kritisiert Wächter. Auch an der Grundschule Großbothen würden die Kurzzeitplätze nicht für den eigentlichen Zweck genutzt und dafür die Buswendeschleife zugeparkt. Das Ordnungsamt gerade zum Schulbeginn verstärkt an den Schulen präsent und kontrolliere das Parkverhalten, informiert Wächter. „An der Grundschule Nerchau sollen ein absolutes Halteverbot und Poller das Verhalten der Eltern regeln.“

Wächter verweist auch auf Schulwegbetreuer. Auf dem Stundenplan der Schulanfänger stünden in den ersten Wochen das sichere und angemessene Verhalten im Schulbus und auf dem Schulweg. Mit der gemeinnützigen Gesellschaft für Kriminalprävention und Verkehrssicherheit führten die Grundschulen zudem das Projekt zur Verkehrserziehung „Auf die Bremse, fertig, los!“ durch. Gemeinsam mit dem Ordnungsamt durften die Kinder blitzen.

Saure Gurken für Eltern, wenn sie zu schnell fahren

Stress mit Elterntaxis vor Schulen ist nicht nur ein Problem von größeren Städten, sondern auch im ländlichen Raum Alltag, sagt Kathrin Querengässer von der Gebietsverkehrswacht Leipziger Land. Sie empfiehlt, mit dem Nachwuchs den Schulweg und damit auch die Selbstständigkeit zu üben. Wenn Eltern ihr Kind nicht allein losschicken möchten, gebe es die Möglichkeit, mit dem Grundschüler an der Hand die letzten Meter zu laufen und so das morgendliche Verkehrschaos zu verhindern.

Ein Problem sei zudem, dass die Autos vor Schulen oft zu schnell fahren. Manchmal würde eine mobile Geschwindigkeitsanzeige aufgebaut. Kinder stehen daneben und zeigen mit dem Daumen nach unten oder nach oben, um gestresste Mütter und Väter für das Thema zu sensibilisieren. Auch saure Gurken verteilten Schüler schon gemeinsam mit Verkehrswacht und Polizei, wenn es zu argen Verstößen am Morgen kam.

Mit Fingerspitzengefühl geht die Polizei hier vor, betonte Pressesprecher Uwe Voigt von der Polizeidirektion Leipzig. Bei diesem Thema sei man in Kontakt mit den Stadtverwaltungen und greife ein, wenn es Probleme oder Beschwerden gibt. Ein Verwarngeld sei die Ausnahme. Es gehe eher darum, dass die Beamten mit den Eltern ins Gespräch kommen und darauf hinweisen, dass es hilfreich ist, wenn das Kind zumindest die letzten Meter allein geht – Vater oder Mutter könnten von der Ferne beobachten, wie es sicher ins Schulhaus einbiegt.

Kritik: Immer mehr Helikoptereltern kreisen über ihrem Nachwuchs

Den Schulweg alleine meistern – das ist seit Jahren ein umstrittenes Thema. Josef Kraus greift es als kritischer Geist auf. Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hat ein Buch mit dem Titel „Helikoptereltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ geschrieben. Seiner Meinung nach greift das Phänomen der sogenannten Helikoptereltern, die besorgt über ihrem Nachwuchs kreisen, mehr und mehr um sich.

Kraus, der das deutsche Bildungswesen seit Jahren mit polternder Kritik und ehrlicher Sorge begleitet, unterscheidet dabei Transport-, Rettungs- und Kampfhubschrauber. „Transporthubschrauber“ sind für ihn die Elterntaxis, die morgens die Schule zuparken. Die „Rettungshubschrauber“ sind diejenigen Eltern, die mit Sporttasche und Brotbüchse dem Nachwuchs zu Hilfe eilen. Die „Kampfhubschrauber“ seien Mütter und Väter, die sich ständig beschweren, sei es über Noten, Stundenpläne oder Disziplinarmaßnahmen. Das Gros der vernünftigen Eltern sollte sich dagegen verwahren, fordert der 68-Jährige aus Niederbayern, der immer noch hundert Vorträge im Jahr hält.

Pädagogin: Nichts pauschalisieren, Eltern reagieren unterschiedlich

Die Bornaer Pädagogin Voigt will nichts pauschalisieren. Es gebe Eltern, die ihr Kind bis zur vierten Klasse mit dem Auto bringen und andere, da läuft der Erstklässler schon allein los, „das ist ganz unterschiedlich“. Außerdem komme es auf die jeweilige Situation der Familie an. Wenn die Leiterin um Rat gefragt wird, empfiehlt sie, den Schulweg mit dem Kind zu üben. Eltern könnten das Kind auch mal allein loslaufen lassen und ihm mit Abstand folgen, um zu sehen, wie es sich verhält. Bei längeren Schulwegen sei es gut, wenn zwei Kinder gemeinsam unterwegs sind.

Der Groitzscher Schulleiter Jauer hat erst kürzlich eine Veröffentlichung des ADAC zu dem Thema gelesen. Auch dort wurde empfohlen, die Grundschüler zumindest in einer Nebenstraße abzusetzen, damit sie die letzten Schritte allein gehen. Wenn einige Eltern dies beherzigen, würde sich zudem das Verkehrschaos entspannen – auch in der Groitzscher Engstelle.

Von Claudia Carell

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Bundesland: Sachsen

Landkreis: Leipzig

Fläche: 62,44km²

Einwohner: 20.382 Einwohner (Dezember 2016)

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