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Erinnerungen nach 60 Jahren

Erinnerungen nach 60 Jahren

Sie waren die Ersten, die nach den Schrecken des Krieges eingeschult wurden: Die Abgänger des Jahrgangs 1953 trafen sich am Sonnabend in ihrer alten Böhlener Schule wieder - nach 60 Jahren.

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Achtklässler des Jahrgangs 1953 trafen sich am Sonnabend zum Klassentreffen in der Böhlener Schule.

Quelle: Jakob Richter

Böhlen. Als sei kaum Zeit vergangen, war eine Vertrautheit sofort wieder da, hatten sich die 73- und 74-Jährigen jede Menge zu erzählen.

 

 

Diamantenes Treffen nannte Lothar Heider, bis zur Rente Instandhaltungsingenieur in Leipzig, das Wiedersehen der Böhlener Achtklässler von 1953. Die Parallele zum 60. Ehejubiläum war kaum zu dick aufgetragen, denn: "Es ist schön sich wiederzusehen. Wir treffen uns wieder regelmäßig" - seit der Initialzündung 2003, dem Klassentreffen nach einem halben Jahrhundert.

"Wir haben uns immer viel zu erzählen", bestätigte Barbara Fritzsche, Elektrikerin, später vor allem Krippenerzieherin in Böhlen. Gerade die schwere Zeit der ersten Nachkriegsjahre habe die Klasse zusammengeschweißt.

Wobei sich korrekterweise am Sonnabend Schülerinnen und Schüler dreier achter Klassen trafen. Von den mehr als einem Hundert Eingeladenen waren knapp 40 gekommen. Als 2003 das allererste Wiedersehen nach so vielen Jahren und Umbrüchen anstand, sei es schwer gewesen, die Adressen zusammenzubekommen, berichtete Peter Hessel, der das Treffen 2013 zusammen mit Barbara Fritzsche und Gregor Kaufmann vorbereitet hatte. Damals reiste Brunhilde Kaschik sogar aus dem fernen Kanada an, und mit den Herren Mäding (Mathematik, international aktiver Fußball-Schiedsrichter) und Paul (Erdkunde, Musik) waren sogar zwei Lehrer von einst dabei. Dieses Mal blieb man unter sich - das Alter. Frisch und lebendig bleiben die Erinnerungen, etwa an Fräulein Lenk. "Die rannte schon in solchen Miniröcken rum", meinte Hessel und zeigte mit der Hand die gefährliche Kürze. Mit dem Rad fuhr Böhlens erster Nachwende-Bürgermeister Siegfried Wittmann vor. "Von den Jungs in unserer Klasse hießen vier Siegfried", erzählte er mit Blick auf seinen Namen.

Klaus Jung, Richtmeister im Stahlbau, fand sein Glück in Duisburg. Im Böhlener Werk hatte er nach der Schule Schmied gelernt, doch keine attraktive Arbeit bekommen: "Ich bin auf Wanderschaft gegangen" - und im Ruhrpott fündig geworden. Ganz anders der Grund für Rita Mais' Übersiedlung in den Westen: "Mein Vater wurde politisch verfolgt. Bei Nacht und Nebel sind wir rüber zu Verwandten nach Köln." Seit sie Witwe sei, meinte die Säuglingsschwester, komme sie häufiger an den Ort der Kindheit zurück: "Trotz aller Probleme hatten wir eine schöne Zeit."

Roland Scheerer, der aus Garmisch-Partenkirchen anreiste, hatte als Wirtschaftsdiplomat die DDR 1981 via Jugoslawien verlassen. Als sich am Sonnabend alle vor dem Schulgebäude versammelten, hatte er eine Szene vom April 1945 wieder vor Augen: Ein US-amerikanischer Soldat habe im Schulkorridor einen deutschen Offizier erschossen. Scheerer war da noch kein Erstklässler, "aber wir haben gegenüber in der Fröbelstraße gewohnt".

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto auf dem Schulhof und vor dem gemütlichen Teil in der Gaststätte "Jahnbaude" folgte der Gang durch die Räume der Schulzeit. "Für uns ist das Öffentlichkeitsarbeit im besten Sinn", sagte die stellvertretende Schulleiterin Waltraud Friedel, die sich Zeit für die Ehemaligen nahm - nicht zuletzt, weil die Mecklenburgerin im Juni selbst ein Klassentreffen hat: das 40. Im ersten Stock wies Gregor Kaufmann, Diplomingenieur, auf jene Stelle, an der nach Stalins Tod Jungpioniere vor der Büste des Diktators Ehrenwache halten mussten: "Sie durften keine Miene verziehen, aber wir haben versucht, sie zum Lachen zu bringen."

In den ersten Schuljahren nach 1945 wurden Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet. Dass das schließlich aufgeben wurde, dafür hatte Barbara Fritzsche eine einleuchtende Erklärung parat: "Die Jungs sollten ein bissel Anstand lernen..." Durchaus erfolgreich, wie sich an den Lebenswegen ablesen lässt. "Das Bedürfnis, die Mitschüler von einst wiederzusehen, kommt wohl erst mit dem Alter", meinte Gerd Hornawsky, Chemiker aus Berlin. Ob Klassentreffen nach 50 oder 60 Jahren wichtig seien, wollte er nicht beurteilen. "Auf jeden Fall aber sind sie außerordentlich angenehm!"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.05.2013

Ekkehard Schulreich

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