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Borna Espenhain: Eine Straße teilt einen Ort
Region Borna Espenhain: Eine Straße teilt einen Ort
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10:35 11.09.2018
Derzeit quasi eine Autobahn: Die vierspurige Straße teilt seit mehr als 40 Jahren den Ort Espenhain. Quelle: Claudia Carell
Espenhain

Es rauscht in Espenhain. Tag und Nacht. Laster und Autos düsen auf der vierspurigen Bundesstraße 95 durch den Ort. Sie lärmen und stinken und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass seit der Wende fast zwei Drittel der Einwohner wegzogen. In den 90ern lebten 2300 Männer, Frauen und Kinder in dem Dorf, heute sind es noch rund 800.

Eine davon ist Karin Rylke. Die 67-Jährige wohnt seit knapp einem halben Jahrhundert in dem Ort, rechts der Straße in Richtung Borna. Diese Bemerkung ist für Espenhainer wichtig: „Die Straße teilt den Ort“, sagt sie. Auf „ihrer“ Seite liegt das Altdorf und die Altneubauten, „drüben“ die Siedlung mit den einstigen Werkswohnungen. Zwischen den zwei Ortsteilen rauscht der Verkehr. Rylke: „Ja, es ist laut und seit der Wende ist es viel mehr geworden, aber irgendwie gewöhnt man sich an den Lärm.“

Laute Kohlebahn im Fünf-Minuten-Takt

Das meint auch Peter Petters von der anderen Straßenseite. Der Gastwirt der „Aspe“ und Linken-Kommunalpolitiker wurde 1942 in Espenhain geboren, in der Siedlung Nummer 71 – Espenhain hatte zu jener Zeit noch keine Straßennamen. Schon damals war es laut. Er wuchs gleich neben der Bahnlinie auf, wo im Fünf-Minuten-Takt die Kohlezüge ins Espenhainer Werk rollten.

Wenn er als Kind seine Großeltern in der Sächsischen Schweiz besuchte, kam er dort mit der Ruhe nicht klar. „Das war eine Totenstille, völlig ungewohnt. Ich musste nachts das Radio anstellen, sonst konnte ich nicht schlafen“, erinnert sich der 75-Jährige. Seine Großmutter kam immer nur kurz zu Besuch nach Espenhain. Sie fuhr spätestens nach zwei Tagen wieder in ihr stilles Dorf und meinte nur: „Ich kann den Krach hier nicht ertragen.“

Schon zu DDR-Zeiten, seit den 70er Jahren, führt die vierspurige Straße mitten durch den Ort. Damals hieß sie F 95. Quelle: privat
So sah die kleine Dorfstraße früher aus. Der Gasthof, den es heute noch gibt, ist auf dem Foto ganz hinten zu sehen. Quelle: privat

Früher waren es die Züge, heute ist es die Straße. Sie lärmt seit rund 40 Jahren. Zuvor war sie leise, führte als kleine gepflasterte Dorfstraße mit Birnenbäumen durch den Ort. Gegenüber des Gasthofs gab es einen Tante-Emma-Laden. Dort verdiente sich Peter Petters als Junge ein bisschen Geld. Er kehrte den Hof und sortierte Flaschen. Auch einkaufen ging er oft. Ohne Probleme kam er als Kind über die Straße, „rüber und nüber war gar kein Problem“.

In den 70er-Jahren wurde die vierspurige F 95 gebaut – genau durch Espenhain. Das Haus mit dem Tante-Emma-Laden musste weichen. Zur DDR-Zeit hielt sich der Verkehr noch in Grenzen, „nur zur Frühjahrs- und Herbstmesse in Leipzig gab es deutlich mehr Autos“.

Das änderte sich zur Wende. „Der Verkehr nahm schlagartig zu, man kam kaum noch über die Straße“, sagt Petters. Damals gab es nur die Fußgängerunterführung an der Bushaltestelle und ein Stück weiter den Tunnel für Autos mit Fußweg, um die Straße, die jetzt B 95 heißt, zu queren. Wer diese nicht nutzte, war in Gefahr.

Fünf Fußgänger starben bei Verkehrsunfällen

Der Gastwirt kennt persönlich fünf Menschen, die in den frühen 90er-Jahren auf dieser Asphaltpiste starben, als sie diese als Fußgänger überqueren wollten. Im April 1990 eröffnete er seine „Aspe“. Kurz vor Weihnachten desselben Jahres wurden innerhalb von drei Tagen zwei Männer überfahren, immer am frühen Abend, als es schon finster war. „Die Autos fuhren damals schon schnell, man war überrascht, wie schnell die da waren.“ Später wurden Leitplanken aufgestellt – seitdem gab es keine Todesopfer mehr.

Gastwirt Peter Petters kennt seinen Heimatort wie seine Westentasche. Auch über die Geschichte der lauten Straße kann er viel erzählen. Quelle: André Neumann

Wahrscheinlich lag es aber auch am immer dichter werdenden Verkehr. Egal ob morgens, mittags oder abends – es ist wirklich schwierig, als Fußgänger über diese Straße zu kommen. Wenn die Fahrbahn mal in einer Richtung frei ist, düsen Lkw und Pkw auf der anderen Seite entlang. Die Fußgängerunterführung reichte nicht mehr aus, am anderen Ende des Ortes wurde noch eine Ampel gebaut.

An den Krach haben sich die Espenhainer, die dageblieben sind, mehr oder weniger gewöhnen müssen. Auswärtige haben damit oft ein Problem. So mancher Monteur, der in Espenhain nächtigte, sagte zum Gastwirt: „Ich kann hier nicht schlafen, das ist einfach zu laut!“

Leipziger zog nach „Bad Espenhain

„Seit es die A 72 gibt, ist es ganz schlimm. Wir haben hier jetzt eine Autobahn“, sagt Petters. Diese Straße sei generell für den Ort „ganz schlecht, sie teilt und hat vieles verändert“.

Das sieht auch Christian Schlegel so. „Die Laster fahren in Espenhain durchs Schlafzimmer“, meint der 65-jährige Vorsitzende der Siedlergemeinschaft des Ortes überspitzt. Der Leipziger zog 1995 mit seiner Familie in den Ort. Seine Freunde waren entsetzt: „Was, in dieses Drecknest?!“ Doch die angebotene Wohnung gefiel ihm und auch die Zukunftsaussichten für diesen Landstrich. Er entgegnete seinen Freunden: „Ich ziehe nach Bad Espenhain.“ Ein Stück davon ist Wirklichkeit geworden, die Seen seien eine Bereicherung.

Christian Schlegel zog 1995 nach Espenhain und engagiert sich in der Siedlergemeinschaft des Ortes. Quelle: André Neumann

Abwanderung schwächt den Ort

Doch die Straße ist ein gewaltiges Problem. „Espenhain ist dadurch ein geteilter Ort“, sagt er. Die Bewohner hätten untereinander auf „ihrer“ Seite mehr Kontakt. Die Siedlergemeinschaft hat bisher nur ein Mitglied von der „anderen“ Seite gewinnen können.

Die Abwanderung schwächt den Ort. Glücklicherweise gebe es noch die Grundschule, eine sehr aktive Feuerwehr und einen Sportverein, der aber auch schon glücklichere Zeiten erlebte. „Der Nachwuchs fehlt“, sagt Schlegel. Generell seien viele Dinge „schwierig“ in einem schrumpfenden Ort.

Sicher die Straße queren können Fußgänger nur durch den Tunnel. Quelle: Jens Paul Taubert

Lärmschutz nie realisiert

Anfang der 2000er Jahre machten sich die Espenhainer für Lärmschutz stark. Damals wurde ihnen entgegnet, dass doch 2006 die Autobahn fertig sein soll und es sich für „die kurze Zeit“ nicht mehr lohnt. „Daraus sind jetzt 15 Jahre geworden“, stellt Schlegel verärgert fest. Doch nun, endlich, ist Hoffnung in Sicht.

Der Bau der A 72 bringt Espenhain eine Ortsumfahrung. Die Autobahn wird in Richtung Borna rechts am Ort vorbei führen. In etwa einem Kilometer Abstand. Nach derzeitigem Plan wird 2019 mit dem Rückbau der B 95 begonnen, die dann nur noch zweispurig sein wird, eine ganz normale Ortsstraße eben.

„Das ist eine Chance“, sagt Christian Schlegel. Für mehr Kontakt und mehr Gemeinschaft, woran sich auch sein Verein aktiv beteiligen möchte. Es gebe allerdings auch Risiken für Händler und Gewerbetreibende an der stark frequentierten Durchgangsstraße wie Fleischer, Grillhaus und Gemüseverkauf. Die Vorteile würden jedoch überwiegen: „So kann der Ort wieder zusammen wachsen.“

Hintergrund: Espenhain

Espenhain ist ein alter Ort. Er entstand um 800 aus einem altsorbischen Dorf und erhielt um 1350 seinen Namen. Das kleine Bauerndorf war 1813/14 stark in die Kämpfe der Völkerschlacht einbezogen.

Zur DDR-Zeit wurde das Werk Espenhain einer der größten Betriebe, die Braunkohle verarbeiteten. Als einer der dreckigsten Orte der DDR erlangte er traurige Berühmtheit.

In den 60er-Jahren waren die Anlagen im Zusammenhang mit der Wirtschaftsorientierung auf die Erdölchemie massiv auf Verschleiß gefahren worden. Als Anfang der 70er-Jahre die Kohlechemie wieder an Bedeutung gewann, wurde die Produktion in den verschlissenen Anlagen auf maximale Leistung gesteigert. Dadurch und durch nicht ausreichende Investitionen im Bereich des Umweltschutzes stiegen die Schadstoffemissionen in Luft und Wasser sehr stark an. Über dem Ort und seiner Umgebung lag häufig eine Wolke von Phenolen, Schwefel, Ruß und Asche.

Eine Ascheschicht kehrten nicht selten die Bürger von Straßen und Gehwegen. Einwohner berichteten, dass gelegentlich die Sonne hinter Aschewolken verschwand und dass Autos tagsüber mit Licht fahren mussten.

Das hatte gesundheitliche Auswirkungen auf die Bewohner, heißt es weiter. Die Lebenserwartung habe einige Jahre unter dem landesweiten Durchschnitt gelegen. Vor allem Kinder litten stark unter Haut- und Atemwegserkrankungen. Auch heute noch seien Einwohner von Spätfolgen betroffen.

Seit dem 1. August 2015 gehört Espenhain zur Stadt Rötha.

Im nächsten Jahr soll der Rückbau dieser Straße beginnen. Die A 72 verläuft etwa einen Kilometer von Espenhain entfernt. Quelle: Jens Paul Taubert

Von Claudia Carell

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