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Exportware im Ex-Kaufhaus Britania

Exportware im Ex-Kaufhaus Britania

Borna. Sie ist eine Zeitzeugin der besonderen Art. Helga Lorentz war jahrzehntelang Betreiberin des bekannten Herrenbekleidungsgeschäfts in der Roßmarktschen Straße.

Dort befand sich bis zum November 1938 das Kaufhaus Britania, das von den jüdischen Familien Carl und Abraham Rose geführt wurde.

Als Helga Lorentz nach Borna kam, war sie 18. Da lag die Reichspogromnacht vom November 1938 ein knappes Jahr zurück. Ihr Vater, zu dieser Zeit Geschäftsführer einer Leipziger Bekleidungsfirma, war aufgefordert worden, das Geschäft in der Roßmarktschen Straße zu übernehmen. "Daran hatte die Stadt Borna ein Interesse", erzählt die 92-Jährige, die seit acht Jahren im nördlichen Leipziger Ortsteil Lindenthal wohnt. Dass das Geschäft lange Jahre zuvor im Besitz der Familien von Carl und Abraham Rose war, wussten die neuen Eigentümer. Mit den schrecklichen Geschehnissen, als das Kaufhaus Britania ebenso durch Brandstiftung verwüstet wurde wie das andere jüdische Bekleidungsgeschäft der Familie Motulsky in der Kirchstraße, hatte die junge Frau nichts zu tun. Die gebürtige Potsdamerin lebte zu dieser Zeit noch mit ihrer Familie in Leipzig, wo sie freilich auch mitbekam, was im November 1938 geschah.

Unter dem Namen Marks wurde das Geschäft für Herrenbekleidung eröffnet, "und am ersten Tag hatten wir Einnahmen von 700 Reichsmark", erinnert sich die alte Dame. Eine Wahnsinnssumme. Schließlich kostete ein Anzug mit zwei Hosen damals gerade einmal 29 Mark und ein Wintermantel 30 Mark, erinnert sich die gelernte Kontoristin. Wegen des Geschäfts musste die jungen Frau nicht in irgendeiner Form Kriegsdienst leisten. Helga Lorentz galt als unabkömmlich. Nach dem Krieg wurden die Zeiten nicht leichter. Im Jahr 1946 musste die Familie die Wohnung über dem Geschäft in der Roßmarktschen Straße 23 verlassen,, weil die Russen reinwollten. "Anderthalb Jahre haben wir dann im Laden gewohnt."

Bis 1972, sagt Helga Lorentz, die das Geschäft nach dem Tod ihres Vaters 1950 übernahm und mit ihrem Mann Hans weiterführte, konnten die Textilien direkt bei den Herstellern gekauft werden. Dann beschloss Erich Honecker, dem Sozialismus in der DDR einen gewaltigen Entwicklungsschub zu geben und ließ die noch existierenden kleinen Privatbetriebe verstaatlichen. Die Materialbeschaffung wurde daraufhin nicht einfacher. Dennoch, betont Helga Lorentz, wurde keineswegs schlechte Ware über den Ladentisch gereicht. Später bot sich dann für die umtriebige Händlerfamilie die Möglichkeit, bei der Firma Herrenmoden Dresden einzukaufen. Dort wurde immerhin Exportware produziert. Zuvor gab es allerdings eine spezielle Krise. "In den Jahren 1982 und 83 gab es gar keine Anzüge mehr." Für einen Herrenausstatter eine mittlerer Gau.

Im Jahr 1985 beschlossen Helga Lorentz und ihr Mann, ihr Geschäft zu schließen. Zu dieser Zeit standen sie längst in Kontakt mit Frederick Rose, einem Nachkommen der früheren jüdischen Betreiber des Kaufhauses Britania. Der Mann, der Borna als Zwölfjähriger verlassen musste, war inzwischen in Kanada gelandet. Weil er als Ingenieur für Verpackungswesen regelmäßig eine Messe in Düsseldorf besuchte, nutzte er den Aufenthalt in Europa zu Abstechern in seine Heimat Borna. Zu den ersten Kontakten, erinnert sich Helga Lorentz, kam es 1975 - per Brief, "wobei klar war, dass jedes Schreiben von West nach Ost und umgekehrt kontrolliert wurde". Frederick Roses Geschwister hatten das Dritte Reich ebenfalls überlebt und landeten in New York, Norwegen und Israel. Nach der Wende nahmen zwei Schwestern ebenfalls Kontakt zur Familie Lorentz auf. In den 90er Jahren bekam Frederick Rose das Haus seiner Familie zurück. Familie Lorentz zog in die Reichsstraße und im Jahr 2005 nach Leipzig-Lindenthal. Ihr Mann Hans starb vor sieben Jahren, und Helga Lorentz wird von ihrem Sohn, der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt, betreut.

An Borna hat sie gute Erinnerungen ("Das war eine sehr schöne Zeit"), auch wenn sie sich als Potsdamerin fühlt. Hin und wieder kommt sie nach Borna, um Freunde zu besuchen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.12.2013
Nikos Natsidis

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