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Fälle der Kindeswohlgefährdung im Landkreis Leipzig gestiegen – Netzwerk schafft Hilfe

Kinderschutz Fälle der Kindeswohlgefährdung im Landkreis Leipzig gestiegen – Netzwerk schafft Hilfe

Fast 600 Mal erreichte im vergangenen Jahr das Jugendamt des Landkreises Leipzig eine Meldung auf Kindeswohlgefährdung. Die Zahlen steigen seit Jahren an. Sie zeigen aber auch, dass die Arbeit des Netzwerks für Kinderschutz viele Fälle aus der Dunkelziffer holt. Zehn Jahre Netzwerk – zehn Statements für Kinderschutz: Zum kleinen Jubiläum soll mit Veranstaltungen und Aktionen noch mehr für das Thema sensibilisiert werden.

„Heute Mama, morgen Papa ... und dabei habe ich doch euch beide lieb“, sagt der kleine Junge auf der Postkarte des Netzwerkes für Kinderschutz. Nach zehn Jahren sind zehn Karten zum Thema entstanden und zeigen die verschiedenen Facetten von Kinderschutz.

Quelle: Andreas Döring

Borna. Die Zeichnung ist einfach, erzählt aber viel. Eine Mutter schaut hilflos in die Welt, ihr kleiner Sohn sitzt traurig und verstört im Hintergrund. Ein vages Herz umgibt die beiden. Darüber die Sprechblase der offensichtlich überforderten Mama: „... dann ist mir die Hand ausgerutscht ... und jetzt tut es mir leid.“ Eine von zehn Postkarten, mit der das Netzwerk für Kinderschutz und Frühe Hilfen im Landkreis Leipzig auf Hilfsangebote aufmerksam machen möchte. Wer die Karte herum dreht, findet Telefonnummer und E-Mail-Adresse.

Das Netzwerk gibt es seit zehn Jahren. Die Aktion begann 2007, als das Kinderschutzgesetz in Sachsen erneuert wurde. Vorfälle, bei denen Kinder vernachlässigt, geschlagen oder gar getötet wurden, waren der Grund dafür. Die Idee sei damals gewesen, dass sich nicht nur Ämter und freie Träger von Kindertagesstätten mit dem Thema beschäftigen, „sondern die ganze Gesellschaft. Es sollte weiter gefasst werden, es ging um Frühwarnsysteme und um mehr Sensibilität“, sagt Ines Lüpfert, Jugendamtsleiterin im Landkreis Leipzig.

Das Muldental war von 2007 bis 2011 eine von fünf Modellregionen im Freistaat für besseren Kinderschutz. Kernpunkt dabei war, ein Netzwerk aufzubauen und Kinderschutz zu professionalisieren. Die damals 25 Jahre junge Psychologin Anke Thomas nahm das in die Hand, knüpfte Kontakte, informierte, lud zu Treffen ein. Nach der Kreisfusion wuchs das Netzwerk auch im Leipziger Land. Heute gehören dazu 40 Akteure. Neben Erzieherinnen und Lehrern sind es Ärzte, Polizisten, Richter, Sozialarbeiter, Hebammen, Beschäftigte von freien Trägern sowie Erziehungs- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen.

Fortbildungen auch in Kindergärten

Die Koordinatorin setzt bis heute vor allem auf Fortbildung. Sie besucht Dienstberatungen in Kindereinrichtungen und schult selbst Erzieherinnen zum Thema, auch Kurse an der Volkshochschule finden statt. Dort bekommen Fachkräfte Antworten auf Fragen wie: Was muss passieren bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung? Darf ich Eltern kritisieren: Sie schlagen regelmäßig ihr Kind? Wie führe ich überhaupt solch schwierige Elterngespräche? Wie kann ich mit einem Kind über häusliche Gewalt reden? Wen informiere ich, wenn ich das Gefühl habe, in einer Familie läuft etwas völlig aus dem Ruder? Inzwischen steht fast überall, wo mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, der dicke Ordner „Handbuch für Kinderschutz im Landkreis Leipzig“ mit sämtlichen Kontakten und Hilfsangeboten.

Es habe einige Jahre gedauert, bis all die Akteure vernetzt waren, die Schulungen im größeren Rahmen ablaufen konnten, berichtet Anke Thomas. „Heute ist es ein sehr lebendiges Netzwerk. Ich kann nur den Hut vor denen ziehen, die sich über die lange Zeit hier engagieren“, sagt die Jugendamtsleiterin.

Das ist zum Beispiel Kerstin Kupfer, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses in Borna vom Wegweiser-Verein. „Durch das Netzwerk öffnen sich für uns ganz andere Türen. Die Wege werden kurz und unkompliziert. Das ist eine echte Bereicherung für unsere Arbeit“, lobt sie und erzählt dazu ein Beispiel.

Der Begriff Kinderschutz

Kinderschutz ist ein Sammelbegriff für rechtliche Regelungen sowie für Maßnahmen von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen, die dem Schutz von Kindern vor Schäden und Beeinträchtigungen dienen sollen. Dazu zählen altersunangemessene Behandlung, Übergriffe und Ausbeutung, Verwahrlosung, Krankheit und Armut, so das Online-Lexikon Wikipedia.

Die Anfänge des Kinderschutzes gehen ins 19. Jahrhundert zurück. Im Zuge der Reformpädagogik entstand in den 1960er-Jahren eine Diskussion um den Kinderschutz, die zusammen mit dem Gedanken der Kinderrechte dazu führte, dass sich das Konzept des „Neuen Kinderschutzes“ durchsetzte. Dies markierte eine Wende der Kinder- und Jugendhilfe. An die Stelle von Maßnahmen und Kontrolle soll der Aufbau eines demokratischen, an Solidarität und Verständnis orientierten Hilfeangebots treten, das sich an Kinder und an Eltern wendet. Die Qualität des Hilfesystems, der Zugang zur Klientel und Beratungsprobleme rücken in den Mittelpunkt. Die Jugendhilfe soll seitdem eine weitgehende Professionalisierung, Differenzierung der Angebote und Qualifizierung beratender Kompetenzen erfahren haben.

Eine junge Mutter, etwa 20 Jahre alt, kam mit zwei kleinen Kindern in das Frauenschutzhaus. Sie hatte sich von ihrem drogenabhängigen Mann getrennt, in der Vergangenheit auch selbst Drogen konsumiert. Ihr kleinstes Kind war schwierig, klammerte an der Mutter, schrie immerzu. Es war kurz vor Ostern. Da offenbarte sich die junge Frau einer Mitarbeiterin des Schutzhauses: Sie habe Angst, dass sie ihrem Kind etwas antut, wenn über die Feiertage keine Fachkräfte im Haus sind. Durch das Netzwerk kannte Kerstin Kupfer den Chefarzt der Kinderabteilung der Klinik. Sie rief ihn an und sie konnten das Problem klären: Über die Feiertage kam die Frau mit ihrem Kind in die Klinik, dabei wurde der Steppke auch noch mal eingehend untersucht, um herauszubekommen, warum er so viel schreit. Das ältere Kind konnte in der Zwischenzeit bei der Oma untergebracht werden. „Für die Frau war das eine große Entlastung. Und sie hat zudem die wichtige Erfahrung gemacht, dass ihr das Kind nicht gleich weggenommen wird, wenn sie ehrlich sagt, dass sie überfordert ist“, so Kupfer. Dank weiterer Kontakte fand die kleine Familie später wieder Halt im Leben und konnte das Frauenhaus verlassen.

Das Netzwerk trägt im Namen nicht nur Kinderschutz, sondern seit 2013 auch Frühe Hilfen. Dahinter verbirgt sich das Frühpräventionsprogramm Schritt für Schritt. „Hier geht es darum, möglichst zeitig einzugreifen und damit Kindern langfristig zu helfen“, sagt Amtsleiterin Lüpfert.

Auch sie kann dazu ein Beispiel erzählen: Eine 16-Jährige kommt in die Schwangerenkonfliktberatung und will finanzielle Hilfe beantragen. Sie ist in der 28. Woche, wird alleinerziehend sein, geht noch zur Schule. Die Beraterin hat das Gefühl, dass die junge Frau dringend Hilfe braucht – und vermittelt sie in dieses Programm. Das bedeutet, dass sie sofort eine Familienhebamme zur Seite hat, die sie begleitet und eventuelle Konflikte im Vorfeld lösen kann. „Das betrifft Vorsorgeuntersuchungen, aber auch, wie jemand während der Schwangerschaft mit seiner Nikotinabhängigkeit umgeht“, so Lüpfert.

Alles ziele darauf ab, dass das Kind gesund zur Welt kommt und einen guten Start ins Leben hat. Das Präventionsprogramm sieht vor, dass die Familienhebamme die Frau zwölf Monate begleitet. Also auch, wenn das Baby da ist, die junge Mutter wenig Schlaf hat, eventuell gestresst ist. Ziel sei, Bindungen zwischen Kind und Mutter zu fördern, auch zu lernen, mal das Smartphone aus der Hand zu legen. „Wir haben damit gute Erfolge erzielt“, sagt die Amtsleiterin.

Mehr Fälle der Kindeswohlgefährdung

Das betreffe auch die Betreuung von jungen Müttern, die Crystal Meth konsumieren. Die Zahl der Neugeborenen, die immense Schäden durch diese Droge haben, ist in den vergangenen Jahren in Sachsen drastisch gestiegen, liegt weit höher als der Bundesdurchschnitt. Die betroffenen Babys sind zu klein, zu leicht, haben einen winzigen Kopf oder kommen zu früh zur Welt. Ärzte berichten, dass die Kinder unruhig und zappelig sind, Krampfzustände bekommen, eine spätere Drogenabhängigkeit sei oft vorprogrammiert. Durch die frühe Hilfe jedoch könnten die Schäden verhindert oder zumindest minimiert werden. Das Angebot „Schritt für Schritt“ ist freiwillig. Hilfe kommt nur bei Zustimmung der Betroffenen.

Das Projekt wird vom Bund mit rund 140 000 Euro pro Jahr im Landkreis Leipzig unterstützt. Seit 2013 wurden 245 Familien betreut, sagt die Statistik des Jugendamtes. 111 davon brachen die Betreuung vorzeitig ab. Als Gründe wurden vor allem angegeben: kein Interesse, nicht erreichbar, Hilfe wurde als nicht ausreichend eingeschätzt. In 77 Fällen wurde das Projekt bisher erfolgreich durchgeführt. Aktuell würden 50 Familien betreut, sieben stehen auf der Warteliste.

Fallzahlen in Sachsen

Das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen veröffentlichte im vergangenen Jahr die Zahlen zur Kindeswohlgefährdung von 2015:

In 5826 Fällen haben die Jugendämter 2015 in Sachsen Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes geprüft, 168 mehr als 2014. Davon betroffen waren 2953 Jungen und 2873 Mädchen. Die Gefährdungsrisiken wurden im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte und teils durch mehrere Kontakte zu den Kindern unter 18 Jahren, deren Familien oder Personensorgeberechtigten eingeschätzt. Diese ergaben in 1120 Fällen (19,2 Prozent) eine eindeutige, akute Kindeswohlgefährdung und 1569 Mal (26,9 Prozent) latente Kindeswohlgefährdungen. Bei den übrigen Verfahren (53,8 Prozent) stellten die Fachkräfte keine Gefährdung fest, jedoch bestand bei über der Hälfte dieser Fälle ein weiterer Hilfe-und Unterstützungsbedarf.

In 1478 Fällen (25,4 Prozent), bei denen Anhaltspunkte einer Kindeswohlgefährdung geprüft wurden, waren die Kinder noch keine drei Jahre alt, darunter 582 im ersten Lebensjahr. 1249 Kinder waren drei, vier oder fünf Jahre alt, 1352 im Alter von sechs bis unter zehn Jahren, 995 von zehn bis unter 14 Jahren und 752 Jugendliche waren 14 Jahre und älter.

Bei den akuten und latenten Kindeswohlgefährdungen lagen in 2062 Fällen Anzeichen von Vernachlässigung vor, des Weiteren gab es Anzeichen für psychische (460) beziehungsweise körperliche Misshandlung (427) und 88 Fälle sexueller Gewalt.

Das Interesse am Kinderschutz ist groß. „Wir veranstalten einmal im Jahr eine Fachtagung mit vielen Workshops, es wollen so viele teilnehmen, dass wir Leuten leider absagen müssen“, berichtet die Amtsleiterin. Dies sei sein Thema, „mit dem wir nie fertig werden“. Die Meldungen zur Kindeswohlgefährdung im Landkreis Leipzig steigen seit Jahren stetig an: 2008 waren es 140 Fälle, 2010 schon 297, 2012 bereits 387, 2014 lag die Zahl bei 497, im vergangenen Jahr gab es 597 Meldungen, so das Jugendamt. Die Gründe dafür sind vielfältig, oft entstehen die Konflikte in zerrütteten Familien, so Lüpfert. Doch die Statistik spiegele auch die Arbeit des Netzwerks wider: Viel mehr Fälle, die noch vor Jahren in der Dunkelziffer verschwanden, tauchen heute dort auf.

Von Claudia Carell

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