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Fledermäuse oder bezahlbare Lebensmittel

Fledermäuse oder bezahlbare Lebensmittel

Rötha/Pötzschau. Gelegenheit zu Besichtigung, Flurfahrten und Technikschau bot der Sonnabend auf dem Gelände der Agrargenossenschaft Pötzschau.

Das Unternehmen feierte mit rund 250 Gästen – darunter Geschäftspartner, Pächter, Landeigentümer, Mitglieder und Mitarbeiter – sein 20-jähriges Betriebsjubiläum. Zwei Jahrzehnte voller Aufgaben, die Herausforderungen der Gegenwart aber sind nicht einfacher.Landwirte feiern, wenn es ihre Zeit zulässt. Vor der Ernte natürlich. „Es war ein schönes Fest", sagte Wolfram Rühle, der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Pötzschau. Selbige wurde im November 1991 gegründet – Nachfolger der LPG Pötzschau. Nach 30 Jahren unter Chef Werner Döge, ein Mann, der untrennbar mit der Bornschen Zwiebel verbunden ist, musste diese LPG privatisiert werden. Das Landwirtschaftsanpassungsgesetz schrieb das bis 31. Dezember 1991 vor. Wichtige Entscheidungen waren damals zu treffen: Welche Rechtsform sollte das zu gründende Unternehmen haben, welche Kulturen künftig angebaut werden? Die Pötzschauer entschieden sich die Genossenschaft und für die Zwiebel, deren Anbau weiterentwickelt werden sollte. Einigkeit herrschte auch darüber, dass der Betrieb nicht aufgeteilt werden sollte. Personelle Veränderungen prägten den Neuanfang: 300 Mitarbeiter hatte die LPG bis 1989, die Gründung der Agrargenossenschaft wurde von 163 Mitgliedern vollzogen. Ein Prozess, der im Wesentlichen durch Vorruhestandsregelungen „sozial abgefedert" werden konnte, so Rühle. Schließlich hatte sich durch bessere technische Möglichkeiten die Arbeit komplett verändert. Abfindungen der Mitglieder mussten gezahlt beziehungsweise neue Geschäftsanteile ermittelt werden. Sukzessive wurde die Technik auf modernsten Stand gebracht. Flächen wurden durch langfristige Pachtverträge gesichert und schließlich auch in die Modernisierung der Gebäude investiert. 2005 entstand die neue Zwiebelvermarktungshalle, 2008 das moderne Zwiebellager, 2009 das Getreidelager. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen einen Stamm von rund 25 Mitarbeitern. „Wenn wir unsere Flächen halten können, haben diese Mitarbeiter eine Perspektive", sagt Rühle und ist bei den Problemen der Gegenwart angelangt. Eines ist Flächenverlust: „Durch das Highfield Festival haben wir 40 Hektar Ackerland verloren", sagt der Vorstandschef. Die geplante A 72 würde weitere 30 bis 40 Hektar landwirtschaftlicher Fläche kosten, wenn sie so gebaut wird wie momentan von den Behörden favorisiert. Die Landwirte plädieren bekanntlich für eine Variante, die wertvolles Ackerland verschont (die LVZ berichtete). „Fledermäuse oder bezahlbare Lebensmittel – wir müssen uns entscheiden", bringt es der promovierte Landwirt auf den Punkt. Bei der Anhörung zur A 72 vorige Woche in der Landesdirektion Leipzig musste er zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch offenbar nicht als wichtigstes Schutzgut betrachtet wird. Bei der Planung für Anpflanzungen werde für den Lebensraum der Fledermäuse auf 50 Jahre gedacht. Bei Wirtschaftswegen hingegen beziehen sich aktuelle Planungen auf Vorgaben von 2005. Eine darin angenommene Breite von drei Metern plus Borde reiche für die Fahrzeuge nicht aus. „Die Vorgaben sind überholt." Schwierige Zeiten sind angebrochen. Zeiten einer „gläsernen Landwirtschaft", in der nach EU-Recht alles – von der Düngung bis zum Saatgut – kontrolliert wird. Die aber zugleich investieren muss, um den wachsenden Anforderungen des Verbrauchers Rechnung zu tragen. Wetterbedingte Einbußen haben die Preise explodieren lassen. Der Preis für Weizen hat sich zum Vorjahr verdoppelt. Auch Gerste ist teuer geworden. Laut einer Studie des Deutschen Bauernverbandes gingen von 1992 bis 2009 rund 800 000 Hektar Ackerland durch Siedlungs- und Verkehrsmaßnahmen verloren. Dadurch fehlte statistisch in Deutschland alle zehn Jahre eine komplette Getreideernte. Ein Fakt, der nach dringenden Entscheidungen verlangt. „Japan und China kaufen Land in Afrika. Bei uns wird immer mehr vernichtet."

Saskia Grätz

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