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Flüchtlinge und Helfer werden im Kreis Leipzig immer öfter zur Zielscheibe von Rassisten

Fremdenfeindlichkeit Flüchtlinge und Helfer werden im Kreis Leipzig immer öfter zur Zielscheibe von Rassisten

Es geschehen mehr fremdenfeindlich motivierte Übergriffe gegen Flüchtlinge im Landkreis Leipzig als vermutet. Darüber klärte jetzt der Landkreis Leipzig und die Opferberatung RAA Sachsen in Borna auf.

Diskussion im Stadtkulturhaus Borna: Matthias Burdukat, Kerstin Köditz, Markus Bergforth, Michael Kraske (Moderation), Lena Nowak und Markus Schott-

Quelle: Jens Paul Taubert

Borna. Vier junge Flüchtlinge wohnen in einer Wohngemeinschaft in Wurzen. In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar knallt es plötzlich. Gegen drei Uhr morgens wird von Unbekannten mit einem Verkehrsschild ein Fenster der Erdgeschosswohnung zerstört. Ein Böller fliegt in das Zimmer und steckt ein Bett in Brand. Das ist einer der jüngsten Angriffe auf Asylsuchende in der Region. Aber längst nicht der einzige.

„Allein im vergangenen Jahr gab es 44 gewalttätige Übergriffe mit rassistischer Motivation“, sagt Lena Nowak von der RAA Sachsen, die sich mit der Beratung der Opfer befasst. Am frühen Dienstagnachmittag steht sie gemeinsam mit anderen Engagierten, die sich zur landesweiten Initiative Runder Tisch Migration zusammengefunden haben, bei eisiger Kälte am Rande des Bornaer Marktes. Die Initiative hat zu einer zweiteiligen Veranstaltungsreihe zum Thema Alltag und Rassismus im Landkreis Leipzig geladen.

Eine Ausstellung mit anschließender Kundgebung ist der Anfang. In der Innenstadt stehen dazu Aufsteller, die schlichte Plakate fassen. Darauf werden nüchtern diverse rassistisch motivierte Übergriffe geschildert. „Die Fallzahl hat zugenommen und wir hatten das Gefühl, dass das im Landkreis nicht wirklich sichtbar ist“, so Nowak. Es gehe zum einen darum, darauf aufmerksam zu machen. Aber man wolle auch für die Situation sensibilisieren, in der die Opfer sich befinden. „Sie stehen am Rand der Gesellschaft, sind arm und haben kein Netzwerk. Und dazu kommt diese Angst“, erläutert Nowak. Sie wünscht sich Schutzräume für die Betroffenen. „Die Opfer wollen raus aus dieser Umgebung. Aber oft heißt es aus dem Amt, dass sie dort bleiben müssen“, kritisiert sie im Laufe der Kundgebung, der rund 30 Zuhörer beiwohnen.

Petra Köpping (SPD), Staatsministerin für Integration, ist nach der Installation eines kontrovers diskutierten Kunstwerks in Dresden nach Borna gekommen, um sich ebenfalls an der Kundgebung zu beteiligen. Sie dankt den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Unterstützern für ihren unermüdlichen Einsatz und betont, dass auch diese längst zur Zielscheibe geworden sind, wie etwa der Anschlag gegen das Büro des Bornaer Vereins Bon Courage zeigte.

Bei der Podiumsdiskussion zum Umgang mit dem Rassismus am Mittwochabend steht die Politik des Freistaates am Pranger. Besonders mit Blick auf die Qualität der sächsischen Polizei. Einigkeit herrscht bei den Referenten – darunter Kerstin Köditz, Linken-Landtagsabgeordnete, und Markus Bergforth, Vorsitzender des SPD-Kreisverbands Leipzig – darüber, dass es so nicht weitergehen kann. „Die Polizisten sind demotiviert, haben kein Herzblut mehr“, so Köditz. Das falle ihr insbesondere bei den Anhörungen zum NSU immer wieder auf. „Da ist kein Interesse, keine Empathie“, bedauert sie.

Neben den Problemen mit der Polizei, die immer wieder auch unter Verdacht gerät, rechts durchsetzt zu sein, kritisiert insbesondere Tobias Burdukat (Freie Wähler), Kreisrat und Sozialarbeiter, die Arbeitsbedingungen und Ausbildung in seinem Fach. „Es gibt viel zu wenig Sozialarbeiter, die viel zu viel arbeiten. Bezahlt werden vielleicht 25 Stunden pro Woche, gearbeitet werden soll doppelt so viel“, prangert er an. Der beste Weg, um Rassismus zu begegnen – da sind sich alle einig – ist Aufklärung. Aber dafür fehlen die Ressourcen. „Eine solche Diskussion kann die Probleme leider nicht lösen, aber sie kann eine Schlagrichtung vorgeben“, schließt Moderator Michael Kraske ab. Viel wurde an dem Abend diskutiert, die Referenten waren sich meist einig.

Ganz zum Schluss wird hautnah deutlich, was Rassismus im Alltag für die Betroffenen bedeutet. Ein kleines Mädchen nimmt all ihren Mut zusammen und erzählt den rund 40 Zuhörern von den Anfeindungen, denen sie in der Schule regelmäßig ausgesetzt ist. „Ich finde das blöd, dass ich immer als Ausländerin bezeichnet werde und geärgert werde, weil ich eine andere Hautfarbe habe.“ Betroffenheit bei den Referenten und Gästen. Sprachlosigkeit beim Moderator, der dem Mädchen nur wünschen kann, dass sie ihren Mut behält und sich die Zeiten ändern.

Von Nathalie Helene Rippich

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