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Borna Frühschicht im Altenpflegeheim Regis-Breitingen
Region Borna Frühschicht im Altenpflegeheim Regis-Breitingen
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05:09 13.10.2018
Leben in der Großküche gehört zum Konzept des Heims. Bewohnerin Gertraut Stütz hilft gern mit, zum Beispiel beim Kartoffelschälen. Quelle: Jens Paul Taubert
Regis-Breitingen

„Ob der Ihnen passt?“ Heimleiterin Petra Mohr reicht mir einen lilafarbenen Arbeitskittel. Passt. „Na, dann kommen Sie mal!“ Eine Hilfe werde ich den Altenpflegerinnen nicht sein, im Gegenteil, sie werden mir alles zeigen und erklären müssen, was Zeit kostet. „Die Bewohner freuen sich bestimmt über Ihren Besuch“, meint die Chefin und lächelt.

Pflegebedürftige im Altenheim – darum dreht sich ihr Alltag seit langem. Die 60-Jährige stammt aus Regis-Breitingen, lernte Krankenschwester, war bis zur Wende Gemeindeschwester, danach Altenpflegerin – und das mit Leib und Seele.

„Wir leben in einer Zeit, in der es immer nur ums Jungsein geht“, sagt sie. „Alter, Krankheit und Tod sind für viele ein Tabu. Ich halte das für einen Fehler, denn diese Dinge gehören nun mal zum Leben dazu.“ Seit 2004 leitet sie das Heim der Diakonie in Regis-Breitingen. Würde im Alter spielt für sie dabei eine entscheidende Rolle.

Die Frühschicht startet 6.15 Uhr. Für mich ist das wirklich früh, in der Redaktion beginnen wir meist erst gegen 9 Uhr. Für Petra Mohr und ihre Kolleginnen ist es Alltag. Früh-, Spät- und Nachtschicht. „Da gewöhnt man sich dran“, sagt Schwester Kerstin Karte, die gerade über den Flur eilt.

Altenpflegerin: „Das Fürsorgliche liegt mir“

Seit es das Heim gibt, arbeitet die 55-Jährige hier und denkt nicht daran, das zu ändern. „Ich mache meine Arbeit sehr gerne, sonst wäre ich nicht so lange dabei“, meint sie. „Ja, es ist manchmal anstrengend, aber das Fürsorgliche liegt mir und es kommt viel Dankbarkeit zurück.“

Nach und nach werden die Bewohner geweckt und gewaschen. Es gibt keine einheitliche Frühstückszeit, manche wollen länger schlafen, andere sind zeitig munter. Frühstück bis 10 Uhr. Schwester Kerstin nimmt mich mit zu einer schwer demenzkranken Frau. Etwa drei Viertel der 50 Bewohner leiden an Demenz, unterschiedlich schlimm.

Heimleiterin Petra Mohr mag ihre Arbeit und hält Würde im Alter für ganz wichtig. Quelle: Jens Paul Taubert

Im Zimmer der Seniorin hängen Fotos einer glücklichen Familie. Diese Frau hat Kinder aufgezogen, war im Beruf erfolgreich, hat geliebt und wurde geliebt. Heute braucht sie immer Hilfe – weil sie alles vergessen hat.

„Na, ausgeschlafen?“, fragt die Schwester und streichelt die Patientin im Bett am Handgelenk. Erst ist sie unwillig, dann will sie doch aufstehen. Es ist schwierig, sie im Bad zu waschen. Immerzu beißt sie sich in die Hand. Kerstin Karte redet geduldig auf sie ein, hält ihre Hände fest. „Lass mich los, ich weiß nicht mehr“, ruft die Frau. Zusammenhanglos sagt sie: „Ich will kein Fett.“ – „Es ist alles gut, alles gut“, beschwichtigt die Altenpflegerin.

Treff in großen Wohnküchen des Heims

Dann hat die alte Dame sich beruhigt. Die Schwester lobt: „So ist es schön und jetzt waschen wir die Füße.“ Wieder eine Streicheleinheit. Die Demenzkranke sitzt vor dem Bad-Spiegel, aber sie erkennt sich wohl nicht. Ihr Blick ist leer. Als sie angezogen ist, sagt sie plötzlich ganz leise „Danke“.

Im Rollstuhl wird sie in die große Wohnküche gefahren, wo sie gefüttert wird. Das Altenpflegeheim hat vier Wohnbereiche. Die Idee ist, dass die alten Menschen wie in Großfamilien mit zwölf oder dreizehn Menschen gemeinsam leben und sich in der Küche treffen. Zum Frühstück sind schon vier Rentner da, darunter ein Charmeur, der gerade zu seiner Altenpflegerin sagt: „Schön, wenn man von so einer hübschen Frau geweckt wird!“ Allgemeines Gekicher.

Bewohnerin Ursula Räsler kümmert sich Tag für Tag um die beiden Wellensittiche. Quelle: Jens Paul Taubert

Das Haus erwacht, die Frühstücksplätze füllen sich. Bernhard Speer sitzt seit langem mit seinem Kaffee am Tisch: „Ich bin Frühaufsteher, schon immer.“ Wir kommen ins Plaudern. Früher arbeitete er als Schlosser in der Regiser Brikettfabrik. Damals stand er morgens um vier auf. Er kennt das Heim schon lange, kam einmal in der Woche zum katholischen Gottesdienst, manchmal auch zum Männerstammtisch.

Nach schwerem Sturz Einzug ins Heim

So fiel es ihm nicht schwer, hier einzuziehen. Allein leben konnte er nach seinem Sturz nicht mehr, ein Dreivierteljahr war er in der Klinik, konnte nicht mehr sprechen. „Ich musste wieder anfangen wie ein kleines Kind“, erinnert er sich.

Nach dem Frühstück liest er Zeitung und löst sein Kreuzworträtsel. Später wird er wie jeden Tag mit anderen Bewohnern Rommé spielen. „Und wenn irgend eine Veranstaltung ist, gehe ich fast immer hin“, sagt der 81-Jährige. Bowling oder gemeinsames Singen. Leider könne er nicht mehr weit laufen, aber ein Stück mit dem Rollator im Garten, das geht schon.

Keine Angst vorm eigenen Tod

Seine Frau starb vor knapp sechs Jahren. Er denkt oft an sie. Nein, vorm eigenen Tod hat er keine Angst: „Ich habe so viele Jahre geschenkt bekommen. Eines schönen Tages wird es dann vorbei sein, das ist eben so.“ Sein Leben im Heim gefällt ihm, „wir haben es gut hier“.

Die Partner der meisten Heimbewohner sind gestorben. Doch wer nicht allein sein will, findet in der großen Küche immer jemanden zum Reden. Das ist auch im Wohnbereich bei Gertraut Stütz so. „Wir erzählen viel von früher und lachen gerne, das ist schön“, sagt die rüstige 90-Jährige.

Leben in Wohngemeinschaften, Kartoffeln schälen, Wäsche aufhängen, sich um Wellensittiche kümmern, an Schönes aus der Vergangenheit denken – das wird in diesem Altenpflegeheim groß geschrieben.

Sie kann allerdings nicht mit allen unbeschwert plaudern. Wer schwer demenzkrank ist, sitzt zwar oft mit am Tisch, kann aber der Unterhaltung nicht folgen, dämmert vor sich hin. „Ich rede aber trotzdem mit den Leuten, sie tun mir so leid. Ich denke, sie spüren es, wenn man sich mit ihnen beschäftigt und freuen sich darüber“, meint die Mitbewohnerin. „Wir müssen uns alle gegenseitig bisschen helfen.“

Gertraut Stütz will auch noch anderweitig mithelfen. So schält sie Kartoffeln, hängt Wäsche auf, hat auch schon Grießklößchensuppe gekocht, die ihre Familie immer so mochte. Und sie lobt die Schwestern in den höchsten Tönen: „Die jungen Frauen haben ja immer so viel zu tun und müssen rennen und sind trotzdem so lieb.“

Vom Fenster aus Kirche und Schule sehen

Seit vier Jahren lebt sie im Heim. Sie ist im einstigen Dorf Breitingen aufgewachsen. Es war ihr Wunsch, ein Zimmer zu haben, von dem aus sie die Kirche und die Schule sehen kann. „Es ist gut, im Alter in der Heimat zu sein. Hier kenne ich so viele Leute.“ Auch auf den Friedhof geht sie oft.

„Wir haben jetzt gleich Sport“, sagt Gertraut Stütz. „Wollen Sie mitkommen?“ Klar. Nur wenige Schritte, dann sind wir im kleinen Veranstaltungsraum. Acht Bewohnerinnen sind heute bei der Sitz-Gymnastik dabei. Von den Zehen bis zu den Fingerspitzen werden die Körper zu Volksmusikklängen von Herbert Roth gedehnt. Dabei plaudern und scherzen die Seniorinnen mit Alltagsbegleiterin Eileen Lichtenstein, welche die Gymnastik leitet.

Lokalteil in der LVZ beliebt

Danach sitzen alle am großen Tisch bei der gemeinsamen Zeitungsschau der LVZ. Lokalteil, Witz des Tages und Wetter sind beliebt. Plötzlich öffnet sich die Tür. Eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter samt Hund will die Oma zum Spaziergang abholen. Die alte Dame freut sich, steht lächelnd auf und sagt: „Tschüss, bis dann!“

Wer an gemeinsamen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann, wird einzeln in seinem Zimmer besucht. Ich begleite Eileen Lichtenstein nach der Zeitungsschau zu einer demenzkranken Patientin. In der Hand hat die Alltagsbegleiterin einen kleinen Computer. „Wir waren erst skeptisch, haben aber mit der modernen Technik gute Erfahrungen gemacht. Sie hilft bei der Erinnerungsarbeit sehr“, erklärt sie mir.

Redakteurin Claudia Carell begleitet Bernhard Speer im Heim. Quelle: Jens Paul Taubert

Schichtdienst in Regis-Breitingen

Mehrere Bildchen bieten der Bewohnerin unterschiedliche Themen an. Sie entscheidet sich heute fürs Backen, tippt und wischt über das „Tablet“ – und sieht all die Zutaten. Die alte Frau zählt auf, was sie zum Backen einst brauchte. Das nächste Bild zeigt ein handgeschriebenes Rezept. Sie hatte früher auch ein Backbuch, in das sie ihre Rezepte schrieb. Sie kann sich gut daran erinnern und Fragen beantworten. Als sie die Förmchen sieht, lächelt sie und sagt: „Ja, wir hatten auch solche Herzchen. Ich habe oft mit meinen Enkeln gebacken.“

Gleich ist Mittag. Heute gibt es Spaghetti mit Bolognese, von den Pflegerinnen selbst gekocht in den Wohnküchen. Schwester Kerstin und ihre Kolleginnen – die meisten von ihnen arbeiten Teilzeit – räumen noch fix auf, dann ist ihre heutige Schicht zu Ende. Fast alle Bewohner haben sich zum Mittagsschlaf hingelegt. Wenn sie munter werden, sind die Altenpflegerinnen der Spätschicht für sie da.

Von Claudia Carell

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