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Borna Gegen Staub im Landkreis Leipzig: Hubschrauber überfliegen Tagebau
Region Borna Gegen Staub im Landkreis Leipzig: Hubschrauber überfliegen Tagebau
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10:29 06.03.2018
Ein Helikopter überfliegt den Tagebau Schleenhain bei Deutzen und versprüht eine klebrige Flüssigkeit. Quelle: Andreas Döring
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Deutzen

Der graue Hubschrauber kreist über der Mondlandschaft des Tagebaus Schleenhain in der Nähe der kleinen Ortschaft Deutzen. Im Cockpit sitzt Pilot Florian Kirschbaum. Er „verklebt“ zehn Hektar, also rund zwanzig Fußballfelder, Tagebaugebiet. Damit soll vermieden werden, dass der Kohlestaub in Wohnsiedlungen bläst, zum Beispiel nach Deutzen, das in der Hauptwindrichtung liegt.

Nur jeweils drei Minuten dauert eine Flugrunde. Dann ist der Behälter, der unter dem Hubschrauber hängt, leer. Der Pilot schwenkt deshalb wieder zum Landeplatz ganz in der Nähe. Dort wartet schon Nachschub. In zwei so genannten Hydroseedern mit jeweils 6000 Liter Inhalt stellen vier Leute in weißer Schutzkleidung die Spezialmischung aus Bodenfestiger, Holzfasermulch und Wasser her. Ein gelb-schwarzer Radlader bringt flugs die neue Lieferung zum Helikopter und befüllt dessen Kanister mit 800 Litern. Der Pilot bleibt mit seiner Maschine indessen in der Luft. Ist das große Fass unter ihm gefüllt, hebt er wieder ab.

Pilot aus Düsseldorf absolviert 120 bis 150 Flüge am Tag

„Am Tag sind es 120 bis 150 Flüge“, sagt Kirschbaum. Ein Navigationscomputer zeichnet auf, wo er schon gewesen ist, „außerdem sieht man die hellere pappmachéartige Masse auf dem dunklen Untergrund recht gut“. Kompliziert bei diesem Job sei das hügelige Gelände, „es ist gar nicht so einfach, alle Seiten der kleinen Berge abzudecken“.

Der 38-Jährige kommt aus Düsseldorf und arbeitet für die Firma Koopmann Helicopter. Fliegen sei seine Leidenschaft. Nach dem Abitur absolvierte er die Flugschule und verdient nun sein Geld mit „Arbeitsfliegerei“, wie er es nennt. Er verteilt Kalk in Wäldern und meistert Montageflüge, zum Beispiel auf Hochhäusern, wo kein Kran hin kommt. „Das ist faszinierend, weil man da sehr präzise sein muss“, meint er. Die Fliegerei mit Kleber im mitteldeutschen Tagebau ist ihm seit Jahren vertraut, „ich war schon paar Mal hier“. Er erlebt die Entwicklung des Bergbaus hierzulande auf seine Weise: Vor fünf Jahren sprühte er das Gemisch noch auf Gelände etwa 500 Meter von hier entfernt.

Mibrag: Verkleben ist die wirksamste Methode

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) setzt schon lange auf das Verkleben von ausgekohlten Flächen. „Das Verfahren hat sich als die wirksamste Methode bewährt und sorgt sofort für mehr Staubschutz“, sagt Sebastian Krellig, Leiter Tagebautechnologie. Drei Tage lang, von Dienstag bis zum heutigen Donnerstag, sollen pro Hektar bis zu 20 000 Liter dieses Spezialgemischs gesprüht werden. Das Unternehmen investiere dafür „eine sechsstellige Summe“. Aktuell gehe es darum, die Ortschaft Deutzen besser vor Staub zu schützen.

Die getrocknete Substanz sieht wirklich aus wie eine Art hellbraune Pappmaché, sie ist leicht gewellt, hat kleine Öffnungen. „Dies verfestigt die Oberfläche und bleibt trotzdem wasserdurchlässig“, so Krellig. Zudem werde der Stoff organisch abgebaut. In etwa einem Jahr soll dieses Tagebaugelände verkippt werden, später entstehen Felder, Wald und ein Wassertümpel.

Hundertprozentiger Schutz ist trotz aller Maßnahmen nicht möglich

Drei Methoden wendet die Mibrag an, um Staub zu binden. Neben der Verklebung des Bodens ist es die Zwischenbegrünung. Konventionell verteilen Trecker dabei verschiedene Gräsersamen, in diesem Jahr nach Angaben des Betriebes auf zwanzig Hektar im Tagebau Schleenhain. Außerdem werden Randböschungen und Fahrwege mit Beregnungsanlagen bewässert.

Der Hauptschwerpunkt beim Staubproblem ist der Sommer, vor allem nach langer Trockenheit und plötzlichem Wind bei Gewitter, so der Tagebauingenieur. Vor etwa einem Monat gab es aus Deutzen wieder Beschwerden, derzeit sei die Situation entspannt. Verkleben, begrünen und beregnen – trotz all dieser Aktionen des Unternehmens: Einen hundertprozentigen Schutz könne es nicht geben, sagt der Fachmann.

Früher wischten Deutzener zweimal am Tag Kohlestaub vom Fensterbrett

Am Deutzener Aussichtspunkt ist jede Menge Betrieb, sogar ein Reisebus parkt. Mit Handys filmen die Leute, wie der Helikopter seine Kreise zieht. Auch Gerhard Schiller stützt sich aufs Geländer und beobachtet das Geschehen. Der 73-Jährige wohnt in Deutzen und kennt das Staub-Problem genau. Früher musste man morgens und abends den Kohledreck vom Fensterbrett wischen, erzählt er, „der Staub knirschte sogar unter den Schuhsohlen“. Er ist ein „alter Bergmann“, arbeitete als Betriebsschlosser in der Brikettfabrik Regis und war E-Lok-Fahrer. „Hier war ja mal überall Tagebau“, sagt er und lässt seinen Arm in alle Himmelsrichtungen kreisen. Das sei mit heute nicht zu vergleichen – auch was den Staub betrifft: „Dass hier was gemacht wird, das bringt schon was, das merkt man.“ Sicher gebe es immer noch Zeiten, in denen sein Heimatdorf den nahen Tagebau unangenehm spürt, „aber mit früher ist das überhaupt nicht zu vergleichen“.

Claudia Carell

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