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Generell Tempo 30 vor Schulen und Kitas: Stimmen aus dem Kreis Leipzig

Verkehr Generell Tempo 30 vor Schulen und Kitas: Stimmen aus dem Kreis Leipzig

Kinder brauchen einen besonderen Schutz – das gilt auch im Straßenverkehr. Insbesondere vor Grundschulen und Kindergärten ist besondere Vorsicht geboten. Das Verkehrsministerium des Bundes schafft jetzt den Rahmen, damit die Straßenverkehrsbehörden ohne größere bürokratische Hürden Tempo 30 vor Schulen und Kindergärten auch an Hauptverkehrsstraßen anordnen können. Im Interesse der Sicherheit der Kinder. Dazu gibt es Meinungen aus dem Landkreis Leipzig.

Mehr Sicherheit für Schüler soll eine neue Tempo-30-Regelung schaffen.

Quelle: Leipzig report

Landkreis Leipzig. So mancher Autofahrer winkt genervt ab: „Noch mehr Tempo 30 innerorts? Da geht’s ja gar nicht mehr vorwärts!“ Doch das Thema spielt seit Jahren eine gewisse Rolle, wird hier und da immer mal wieder diskutiert. Jetzt gibt es Rückenwind von einer hohen Institution: Die Verkehrsministerkonferenz will Tempo 30 fördern. Dieses Gremium koordiniert die Verkehrspolitik der Bundesländer, hat seinen Sitz beim Bundesrat und trifft sich zweimal im Jahr.

Bei der jüngsten Zusammenkunft heißt es in einem der Beschlüsse: „Die Verkehrsministerkonferenz ist der Auffassung, dass gerade vor Schulen, Kindertagesstätten, Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern in der Regel von einer besonderen Gefahrenlage auszugehen ist.“ Sie fordere den Bund daher auf, die Straßenverkehrsordnung so anzupassen, dass das „Regel-Ausnahmeverhältnis“ an diesen Stellen „umgekehrt“ wird. Will heißen: Vor einer Schule gilt eher Tempo 30 als 50 und nicht anders herum. Außerdem sollen Geschwindigkeitsbegrenzungen generell in Ortschaften bei bestimmtem Bedarf erleichtert werden.

Tempo 30

Befürworten Sie die Pläne des BMVI, Tempo-30-Zonen an Schulen, Kitas und Altenheimen generell zu ermöglichen?

All dies fordert die Deutschen Verkehrswacht (DVW) schon lange. „Kindern gebührt eine Schutzzone gerade an den Orten, die sie regelmäßig besuchen“, sagte DVM-Präsident Kurt Bodewig. Man verspreche sich von einer Änderung mehr Verkehrssicherheit, auch für ältere Fußgänger und Radfahrer, die wegen „körperlicher und mentaler Einschränkungen mehr Schutz benötigen“.

Sonja Hiller engagiert sich seit fünf Jahren für die Gebietsverkehrswacht im Landkreis Leipzig mit Sitz in Böhlen. Sie ist Moderatorin von vielen Verkehrsteilnehmerschulungen, hat mit Steppkes in Kindergarten und Grundschule, aber auch mit Senioren zu tun. „Wir sind im Landkreis zum Teil recht gut aufgestellt. 30er Zonen sind vielerorts eingerichtet. Allerdings gibt es noch einige Lücken, besonders in Kleinstädten und Dörfern“, sagt Hiller. Und ein Problem sei, dass einige Autofahrer diese Begrenzung völlig missachten. Kontrollen und Geschwindigkeitsanzeigen seien daher sinnvoll. „Viele bekommen nicht mit, dass an der Straße ein kleiner Kindergarten liegt“, so die Moderatorin.

Groitzsch hat die 30er-Zone schon

Davon kann Heidrun Koch aus Wiederau bei Pegau ein trauriges Lied singen. Mehr als 30 Kinder werden Tag für Tag von ihren Eltern in die kleine Kita Zwergenstübchen gebracht. Gelegen an einer Straße mit Tempo 50, für LKW Tempo 30. Seit Monaten führt durch das Dorf eine zwar nicht offizielle, aber emsig genutzte Umleitungsstrecke. „Viele Autos fahren so schnell! Manchmal stehe ich selbst zehn Minuten an der Straße, bis ich rüber komme“, erzählt die Leiterin. Für Eltern mit kleinen Kindern sei es extrem gefährlich. Zwar gebe es ein Hinweisschild „Vorsicht Kinder“, auch eine Anzeige, die bei der richtigen Geschwindigkeit lacht und ansonsten weint, habe man angebracht. „Aber das bringt alles nichts. Da rauschen die Autos und die großen LKW vorbei. Es kann einem angst und bange werden! Wenn unser Tor mal nicht richtig zu ist!“, so Koch. Spaziergänge mit den Kleinen haben die Kindergärtnerinnen inzwischen eingeschränkt. Auch nach der Umleitung halte sie Tempo 30 für alle Fahrzeuge vor dem Zwergenstübchen für „ganz wichtig“.

Vorbildlich läuft es in Groitzsch. Grund- und Oberschule sowie Gymnasium stehen dort dicht beieinander, 900 Kinder und Jugendliche sind auf der Straße unterwegs. Sie laufen, fahren Rad oder nehmen den Bus. „Wir haben schon seit langem eine Tempo-30-Zone und das ist gut so“, sagt Grundschulleiter Christian Jauer. Die allermeisten Autofahrer würden sich daran halten, ein paar Raser gebe es leider immer wieder. Seiner Meinung nach könnte noch härter durchgegriffen werden, denn auch 30 km/h sei bei einem Unfall schnell. „Eine langsamere Geschwindigkeit oder bestimmte Aufpflasterungen, wo Autos nicht schnell fahren können, wären Möglichkeiten“, so Jauer.

Argumente des ADFC

Radfahrer mögen naturgemäß keine Autos, die an ihnen vorbei rasen. In Deutschland gibt es laut Statistik pro Jahr mehr als 70 000 verunglückte Radler, rund 400 von ihnen sterben bei einem Unfall. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) macht sich seit Jahren für Tempo 30 innerorts stark. Seiner Meinung nach sind die derzeit geltenden Anforderungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen vorzuschreiben, viel zu hoch.

Hier einige Argumente des ADFC für Tempo 30:

– Kürzerer Anhalteweg: Bei Tempo 50 verdoppelt er sich gegenüber Tempo 30. Fährt zum Beispiel ein Kind mit dem Fahrrad 14 Meter vor einem Auto auf die Fahrbahn, so kann das Auto bei Tempo 30 gerade noch rechtzeitig zum Stehen kommen. Ist es aber schneller, verlängert sich auch die Strecke, die es in der „Schrecksekunde“ seines Fahrers zurücklegt. Das heißt: Der Autofahrer fängt bei Tempo 50 nach 14 Metern gerade erst an zu bremsen. Er kollidiert also mit dem Kind mit nahezu 50 Stundenkilometern.

– Geringere Unfallschwere: Die kinetische Energie von Fahrzeugen nimmt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zu und ist im Kollisionsfall direkt proportional mit der Unfallschwere. Kollidiert ein Kfz mit einem Fußgänger, beträgt die Wahrscheinlichkeit für den Fußgänger, getötet oder schwer verletzt zu werden, bei 30 Stundenkilometern Kollisionsgeschwindigkeit unter 50 Prozent, bei 50 Stundenkilometern bereits über 80 Prozent. Die Unfallfolgen sind bei Tempo 30 auch für Radfahrer deutlich geringer.

– Lärm- und Schadstoffbelastung: Geschwindigkeitsreduzierungen sind anerkannte Maßnahmen zur Lärmminderungen und zur Verringerung von Luftschadstoffemissionen. Dabei gilt die Formel: langsamer + gleichmäßiger = schad-stoffärmer. Tempo 30 kann seine Wirkung zur Verbesserung der Lärm- und Schadstoffbelastung derzeit nicht in vollem Umfang entfalten. Denn aufgrund der aktuellen Rechtslage wird es auf Hauptverkehrsstraßen nur punktuell angeordnet. Dies verringert die Wirksamkeit der Maßnahmen.

– Beispiel Graz: Die Stadt Graz in Österreich hat Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in der Praxis umgesetzt. Als erste Stadt in Europa legte sie 1992 für alle Straßen mit Ausnahme der Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit fest. Dort unterstützen heute 80 Prozent der Einwohner und 65 Prozent der Autofahrer diese Regelung.

Die Grundschule West in Borna liegt an der Deutzener Straße mit recht viel Verkehr, die Autos dürfen 50 fahren. In etwa hundert Meter Entfernung gibt es eine Ampel, direkt vor der Schule einen Fußgängerüberweg. „Manchmal müssen die Kinder eine ganze Weile dort warten, bis die Autos anhalten“, sagt Schulleiterin Waltraud Voigt. Der sichere Weg zur Schule soll mit den Eltern geübt werden, aber auch für die Lehrer sei es ein Thema. „Wir sagen den Kindern immer wieder: Erst wenn das Auto steht, geht ihr los!“ Ob das Schild „Achtung Kinder“ oder Tempo 30 die Situation verbessern würde? „Man sieht die Schule, es ist ganz offensichtlich“, meint die Leiterin. Solch ein Schild sei ihrer Meinung nach überflüssig. Ja, vielleicht wäre es besser, wenn die Autos generell langsamer fahren würden...

Von Claudia Carell

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