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Geraubte Kinder – vergessene Opfer: Ausstellung in Kohren zeigt Schicksale

Lebensborn-Heime Geraubte Kinder – vergessene Opfer: Ausstellung in Kohren zeigt Schicksale

„Geraubte Kinder – Vergessene Opfer“. Die Wanderausstellung des gleichnamigen Vereins aus Freiburg im Töpfermuseum Kohren-Sahlis zeigt die Geschichte der Lebensborn-Heime im Nationalsozialismus. Junge Menschen aus Kohren und Umgebung erinnern außerdem an das Heim „Sonnenwiese“, das 1941 in der Töpferstadt eröffnet worden war.

Leander Lätzsch, Antonia Wagner und Carolin Steitmann (von links) vor dem Entwurf eines Erinnerungstafel für das Heim „Sonnenwiese“. Zusammen mit anderen Schülern des Internationalen Gymnasiums in Geithain haben sie diese entwickelt. Sie soll am ehemaligen Platz des Heimes aufgestellt werden.

Quelle: Peter Ruf

Kohren-Sahlis. „Darüber ist bisher kaum geredet worden. Ich habe mich immer wieder gefragt, was da passiert ist“, so der 38-jährige Kohrener Daniel Ludewig. In der Ausstellung „Geraubte Kinder – Vergessene Opfer“ im Töpfermuseum Kohren-Sahlis hat er Antworten gefunden. Die Wanderausstellung des gleichnamigen Vereins aus Freiburg zeigt die Geschichte der Lebensborn-Heime im Nationalsozialismus. Junge Menschen aus Kohren und Umgebung erinnern außerdem an das Heim „Sonnenwiese“. Es war in dem jetzt vom DRK-Wohnheim genutzten Komplex in Kohren untergebracht und wurde 1941 eröffnet. Kinder von norwegischen Frauen und deutschen Besatzungssoldaten, die auf Druck der norwegischen Familien in Lebensborn-Entbindungsheimen abgegeben und nach Deutschland gebracht wurden, lebten dort, aber auch geraubte Kinder aus Osteuropa, die „germanisiert“ werden sollten. Ziel war, „rassenhygienisch wertvolle“ Menschen für die Nazidiktatur heranzuziehen.

Dass in Kohren öffentlich an das Lebensborn-Heim erinnert wird, ist auch jungen Menschen zu verdanken. „Ich bin zufällig auf das Thema gestoßen. Und bald habe ich gemerkt, dass mehr dahinter steht, als man denkt. Durch die Aufarbeitung kann man älteren Menschen helfen, offen zu ihrer Geschichte zu stehen“, sagt die 19-jährige Antonia Wagner aus Altmörbitz. Im letzte Jahr hat sie darüber eine Arbeit für die Schule geschrieben. Im Januar 2017 haben dann rund 20 Schüler des Internationalen Gymnasiums Geithain in einer Projektwoche das Thema aufgearbeitet und Zeitzeugen befragt.

Einer der Zeitzeugen ist Arno Kaube aus Neukirchen. 1941 in Norwegen geboren, kam er dort sofort in ein Lebensborn-Heim und 1944 nach Kohren. Bei der Auflösung des Heims 1945 hatten sich interessierte Paare ein Kind „rausgesucht“ – Arno Kaube fühlte sich bei seinen Pflegeeltern sehr gut aufgenommen. Mit fünf Jahren erfuhr er dann, dass er der Sohn einer norwegischen Mutter ist. Dies ging ihn nie aus dem Kopf. Nach der Wende lernte er sie kennen. Doch die Mutter wollte keinen Kontakt zu ihm. „Lebensborn ist und bleibt eine Narbe auf unserer Seele. Jeden Tag denke ich daran.“ Kaube ist froh, dass Kohren nun zu dieser Geschichte steht. Denn immer wieder kamen ehemalige Kinder oder deren Angehörige in die Kleinstadt und haben nirgends einen Hinweis auf das Heim gefunden. Sie mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. „Das ist ein Frevel“, meint der 76-Jährige.

Der stellvertretende Bürgermeister von Kohren-Sahlis, Manfred Schott, widerspricht nicht. „Die Stadt Kohren hat es bisher aus unterschiedlichen Gründen nicht geschafft, sich konstruktiv in den Aufarbeitungsprozess der Geschichte des Lebensborn-Heims einzubringen. Durch diese Initiative haben wir Antworten auf Fragen zu Lebensborn erhalten.“ In der Ausstellung erfährt man auch von Hermann Lüdeking aus Polen. Weil er blauäugig und blond war, wurde er in einem Assimilierungsheim des Lebensborns zwangsgermanisiert und sein polnischer Name ausradiert. 1942 wurde er von der SS nach Deutschland entführt und kam über das Heim „Sonnenwiese“ zu hitlertreuen Pflegeeltern. Kaube und Lüdeking – zwei von bis zu 200 000 Kindern in Lebensborn-Heimen.

Für Doris Häßler aus Kohren ist es höchste Zeit für diese Ausstellung: „Es gehört zu unserer Geschichte. Bald können keine Zeitzeugen mehr davon berichten.“ Die Jugendlichen wollen die Erinnerung daran wachhalten. In ihrer Projektwoche haben sie eine Infotafel und eine Stolperschwelle entwickelt. Zusammen mit einer Projektgruppe aus Kohren-Sahlis wollen sie erreichen, dass beides in der heutigen Wohnstätte des DRK aufgestellt wird. Für die Kosten werden Spender gesucht.

Die Ausstellung ist bis 8. April im Töpfermuseum zu sehen. Die Ergebnisse der Recherche der Jugendlichen stehen im Internet unter www.lebensbornheim-sonnenwiese.tk. Am 3. Mai um 19 Uhr informiert Buchautor Georg Lilienthal in der DRK-Wohnstätte über das Heim „Sonnenwiese“.

Von Peter Ruf

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