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Borna Gewinner und Verlierer der verlängerten Autobahn 72
Region Borna Gewinner und Verlierer der verlängerten Autobahn 72
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16:31 19.05.2015

Seit 68 Jahren wohnt er hier in Altmörbitz. Er ist Schmied, wie schon sein Vater und Großvater. Laute Werkstattgeräusche ist er gewohnt. "Aber was da draußen jeden Tag abgeht, zehrt schon an der Substanz." Vor allem Tschechen hätten es mit ihren langen Lastern eilig, den Schmiedeberg rauf- oder runterzukommen. "Ich bin froh, wenn das Wochenende naht und die LKW-Karawanen nachlassen. Normale PKW höre ich schon gar nicht mehr."

Dabei ging es schon mal ruhiger zu in dem Ortsteil von Kohren-Sahlis im südlichen Landkreis Leipzig. "Wenn sich früher beladene LKW den Berg hochquälten, machten sich verwegene Jungs aus dem Dorf einen Jux daraus, aufzuspringen und Kohlen abzuwerfen", erinnert sich Müller. Auch zu DDR-Zeiten habe ihn der Fernverkehr kaum gestört. "Aber seit 20 Jahren werden die Fahrzeuge immer mehr und immer größer. Das ist nicht mehr lustig." Wenn ein Großteil des Verkehrs bald weiter östlich auf der A 72 rollt, gewinnt Meister Müller "viel Ruhe und Gelassenheit".

"Auf gewonnene Zeit" hoffen indes Kraftfahrer wie Alfons Boldt. Der 58-Jährige fährt täglich mit seinem Truck von Neukirchen aus durchs ganze Land. "Mit der Autobahn mache ich allein zwischen Chemnitz und Leipzig jedesmal fast 'ne halbe Stunde gut." Und seine empfindliche Ladung - Tausende rohe Eier - werden nicht mehr so durchgerüttelt.

Gerade auf die dicken Brummer ist Hanni Matuschak aus Zedtlitz nicht so gut zu sprechen. "Hier vorm Haus schalten sie und geben ordentlich Gas, um den Anstieg hochzukommen", sagt die 91-Jährige. Ihr Zaun reicht direkt bis an die Fernstraße heran. "Früh um vier geht das schon los und dauert den ganzen Tag. Ich bin völlig fertig mit den Nerven." Am Mauerwerk zeigen sich etliche Risse. "Kein Wunder, wenn hier laufend 30 Tonnen vorbeidonnern." Tochter Erika und deren Mann Gerhard Wolf helfen zwar, das Grundstück in Schuss zu halten. "Aber bei dem Dreck, den die Karreten aufwirbeln, kann man Fenster und Türen gar nicht mehr aufmachen." Ginge es nach ihnen, sollte die Autobahn lieber heute als morgen fertig werden.

Ganz so eilig hätte es Thomas Pommer nicht. "In meiner Brust schlagen zwei Herzen", sagt der 58-jährige Pächter der Total-Tankstelle in Frohburg. "Als Anwohner bin ich heilfroh, dass es hier bald ruhiger wird. Aber als Geschäftsmann befürchte ich, bei weniger Durchreisenden auch weniger Personal beschäftigen zu können." Bisher halten acht Mitarbeiter den 24-Stunden-Betrieb aufrecht. "Wenn nichts mehr los ist, machen wir nachts zu", sagt Pommer.

Ähnliche Befürchtungen hat auch Tilly Vockert aus der gleichnamigen Fleischerei in Espenhain, deren Imbissverkauf an der B 95 unter der Woche richtig brummt. "Wenn irgendwann keiner mehr vorbeikommt, lassen sich keine Geschäfte mehr machen", schwant der 66-Jährigen.

Bis zu 31 000 Fahrzeuge verkehren täglich auf der 105 Kilometer langen B 95, die von Oberwiesenthal bis zur B 2 bei Leipzig reicht. Sobald die A 72 zwischen Chemnitz und Borna befahrbar ist, trifft die ganze Verkehrswucht das Nadelöhr Espenhain. "Das wird noch mal eine extreme Belastung für die knapp 1000 Einwohner, die schon lange unter Lärm und Dreck leiden", sagt Bürgermeister Jürgen Frisch. "Jetzt darf es keine Bauverzögerungen mehr geben." Bis Ende nächsten Jahres soll die Autobahn - nach optimistischen Schätzungen - an Espenhain vorbei bis nach Rötha geführt werden. Danach geht das Sächsische Landesamt für Straßenbau und Verkehr von einer Senkung der Verkehrsbelastung auf bis zu 2500 Fahrzeuge am Tag aus, das wäre weniger als ein Zehntel. Durch Rückbau einer Richtungsfahrbahn, neue Kreuzungen, Übergänge und viel Grün soll die jahrzehntelang getrennte Gemeinde wieder zusammenwachsen. "Dann werden auch wir zu Gewinnern des Autobahnbaus", verbreitet der 56-Jährige Bürgermeister Hoffnung. "Die Lebensqualität wird spürbar steigen."

Auf die Frage, wann die A 72 bis nach Borna freigegeben wird, mogeln sich Verkehrsplaner, Bauleute und Politiker weiter um einen genauen Termin herum. Unisono heißt es "in diesem Sommer". Und der dauert bekanntlich bis 21. September.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.07.2013

Winfried Mahr

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