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Borna Greenpeace rebelliert mit Hausreparaturen gegen Abriss von Pödelwitz
Region Borna Greenpeace rebelliert mit Hausreparaturen gegen Abriss von Pödelwitz
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20:00 27.03.2017
Mit Plakat und Baumaterialien gegen die Mibrag-Pläne: Greenpeace-Aktivisten greifen für den Kampf um den Erhalt von Pödelwitz zu ungewöhnlichen Mitteln und reparieren Häuser des Unternehmens. Quelle: Julia Tonne
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Groitzsch/Pödelwitz

„Bewahren statt zerstören! Zukunft statt Braunkohle“ – unter diesem Motto sorgten mehr als 30 Greenpeace-Aktivisten am Montag im Groitzscher Ortsteil Pödelwitz für eine spektakuläre Aktion. Zunächst ohne das Wissen der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) haben sie deren Häuser repariert, um diese nicht dem Verfall preiszugeben. Nach den ersten drei Stunden ungestörter Arbeit rückten Vertreter der Mibrag und Polizeikräfte an.

Es war bereits Tag zwei für die Umweltschützer in dem kleinen Dorf, das abgebaggert werden soll. Erst am Sonntag hatten zahlreiche Umweltvereine und die Bürgerinitiative (BI) „Pro Pödelwitz“ 1000 Osterglocken in Form eines X gepflanzt, um gegen die geplante Devastierung zu protestieren. „Wir sind gleich über Nacht geblieben, haben aber niemanden gesagt, was wir heute hier vorhaben“, sagt Karsten Smid von Greenpeace. Hintergrund für die Verlängerung des Aufenthalts sei, dass die Mibrag bereits etliche Häuser und Höfe in dem Ort aufgekauft und laut BI und Umweltschützern „Löcher in denkmalgeschützte Gebäude gebohrt“ habe. Dieser Vorwurf war, wie berichtet, auch Bestandteil eines offenen Briefes sowohl an die Mibrag selbst als auch an Sachsens Ministerpräsidenten Tillich (CDU).

Für Smid und seine Mitstreiter steht fest, dass das Unternehmen die Pödelwitzer Häuser „aktiv verfallen“ lässt. Denn die Probebohrungen und zum Teil kopfgroßen Öffnungen, die laut Mibrag der Dokumentation und Bausicherung dienen, sind für die Aktivisten eine „unsaubere Methode“, um den Verfall zu beschleunigen. „Die Gebäude sind offen, Wasser kann überall eindringen und riesige Schäden verursachen“, erklärt Smid. Aus dem Grund seien er und seine Kollegen mit Zementmischer, Baugerüst und Beton angerückt. Da aber Hoftore geschlossen waren, ließen die Aktivisten die Baumaterialien per Kran ans Haus hieven und nutzten selbst Leitern, um an die Orte des Geschehens zu kommen. Ganz unter dem Motto: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.

„Die Mibrag setzt mit der Vorgehensweise an den Häusern ein Zeichen, dabei liegt immer noch keine Genehmigung für die Erweiterung des Tagebaus vor“, macht Jens Hausner von der Bürgerinitiative deutlich. Die Initiative selbst beteiligte sich am Montag nicht an der Aktion, allerdings hatten die verbliebenen Pödelwitzer das Dorfgemeinschaftshaus von der Stadt gemietet, damit die Greenpeace-Aktivisten dort ihr Domizil aufschlagen konnten. Am Montag hat die Kommune ihnen den Schlüssel für das Haus entzogen.

Dass sich die Stadt Groitzsch ansonsten weder am Sonntag noch am Montag in Pödelwitz blicken ließ, begründet Hausner damit, dass der Verwaltung wohl in Anbetracht des Umsiedlungsvertrages mit der Mibrag die Hände gebunden seien. Zwar setze sich die Stadt mittlerweile vehement für den Erhalt des Ortes Obertitz ein, der ebenfalls ins Tagebau-Gespräch gerückt ist, „aber hier will sie sich aus juristischen Gründen nicht einmischen“, vermutet der BI-Sprecher.

Nach den ersten drei Stunden ungestörter Arbeit an einem Dreiseiten-Hof rückten zahlreiche Polizeikräfte und auch Mibrag-Vertreter an. Geschäftsführer Bernd-Uwe Haase war persönlich vor Ort. Das Unternehmen hatte die Polizei wegen Hausfriedensbruchs gerufen, Beamte beschlagnahmten Baumaterialien und Geräte. „Nachdem mehrere Personen ein Mibrag-Grundstück in Pödelwitz am 27. März 2017 unberechtigt betreten hatten, stellte Mibrag eine Strafanzeige bei der Polizei. Weitere rechtliche Schritte hält sich das Unternehmen offen. Mibrag hat im Rahmen der freiwilligen Umsiedlung von Pödelwitz mehrere Grundstücke erworben, an denen derzeit bauhistorische Untersuchungen durchgeführt werden“, teilt das Unternehmen auf Anfrage schriftlich mit.

Die Aktion am Montag fand zahlreiche Zuschauer, vorrangig aus dem Ort. „Ich bin hier geboren, lebe seit 60 Jahren hier und will nicht weg“, sagt ein Anwohner. Dass sich Greenpeace mit einer solchen Aktion am Widerstand gegen die Mibrag-Pläne beteiligt, kann er nur befürworten. Denn nur mit Gesprächen seien die Pödelwitzer bisher nicht weit gekommen. „Wir brauchen Öffentlichkeit“, macht der Bewohner deutlich. „Anders werden wir ja nicht gehört.“

Von Julia Tonne

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