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Borna Großzössener verzweifeln am Denkmalschutz
Region Borna Großzössener verzweifeln am Denkmalschutz
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00:36 10.05.2018
Ines Goldmann und ihre Mann Wilfried versuchen vergeblich, ihr altes Haus in Großzössen abzureißen. Doch das Bauaufsichtsamt fordert dafür kostspielige Gutachten und Nachweise. Quelle: Jens Paul Taubert
Neukieritzsch/Grosszössen

Manchmal wissen Ines (52) und Wilfried Goldmann (58) nicht, ob sie vor Ärger lachen oder weinen sollen. Auf jeden Fall haben die Großzössener ordentlich Wut im Bauch, wenn sie an ihr denkmalgeschütztes Lehmwellerhaus in der Straße des Friedens 10 und an die deutsche Bürokratie denken.

Amt fordert Berg von Unterlagen

Bevor an dem baufälligen Haus auch nur ein Stein verändert oder abgerissen werden kann, wie es die Familie vor hatte, verlangt der Gesetzgeber einen Berg von Unterlagen. „Für normale Menschen wie wir, die keine öffentlichen Gelder zur Verfügung haben oder fachkompetente Berater und Gutachter an der Seite, ist das ein Ding der Unmöglichkeit“, meint die 52-Jährige und kapituliert vor den Auflagen. „Wir haben weder die Zeit noch das Geld, um so etwas durchzuziehen.“

Das einst von Bergarbeitern bewohnte Kulturdenkmal liegt in einem archäologischen Relevanzbereich unweit der Großzössener Kirche. Jede kleinste Veränderung bedarf einer denkmalschutzrechtlichen Genehmigung, heißt es in einem Schreiben aus dem Bauaufsichtsamt in Grimma.

„Können gar nicht alles erbringen“

Der Gesetzgeber verlangt zum Abrissantrag deshalb ein Bauschadensgutachten durch einen denkmalpflegerisch erfahrenen Fachmann, gegebenenfalls ein Holzschutzgutachten, Angaben zu Umfang und Eingriffstiefe, eine Fotodokumentation, Kopien der historischen Zeichnungsunterlagen, einen Nachweis der Unzumutbarkeit der Erhaltung des Denkmals unter Berücksichtigung öffentlicher Fördermittel mittels Wirtschaftlichkeitsberechnung sowie einen Nachweis über Verkaufsbemühungen.

„Wir wollen aber gar nicht verkaufen“, muss Ines Goldmann stark an sich halten. „Somit können wir niemals alle Unterlagen erbringen und werden immer wieder zurückgewiesen.“ Das Grundstück werde vielmehr gärtnerisch bewirtschaftet und das soll auch so bleiben. „Natürlich könnten wir mit enormen Aufwand die Gutachten auftreiben. Aber warum? Wir möchten doch nur unser runtergewirtschaftetes ungenutztes Eigentum abreißen.“

Denkmalgeschützte kommunale Häuser sind abgerissen

In einem Antwortschreiben spielt die Familie deshalb den Ball an die Behörde zurück und versteigt sich in Zynismus. „Der verkohlte Dachstuhl schreibt eine eigene Geschichte, der blühende Salpeter und die schiefe Stiege ins Obergeschoss sind ein außergewöhnliches Konstrukt von damals. Der bröselnde Lehmstrohputz wirkt verzaubernd. Man schwelgt förmlich in der Welt von einst, wo Pferd und Kutsche vor dem Tor standen.“

Auf der anderen Seite seien im Umkreis bereits viele denkmalgeschützte kommunale Gebäude abgerissen worden, registrierten die Goldmanns mit Verwunderung. Vermutlich habe die Kommune kompetente Bauleute an der Seite, mutmaßt das Paar, oder könne unendliche Expertengutachten einbringen. „Als Otto Normalverbraucher hat man da eher schlechte Karten“.

Ursprünglich sollte das Haus ausgebaut werden

Geplant war alles ganz anders: Mitte der 80er Jahre hatten die Krankenschwester und der Kfz-Meister das leerstehende Gebäude gleich neben ihrem Wohnhaus in der Straße des Friedens 7 in Großzössen gekauft. Es gehörte vermutlich zu einem Dreiseitenhof, über den jedoch keinerlei Unterlagen mehr existieren.

Die jungen Eltern wollten es ursprünglich für ihre beiden Kinder sanieren und ausbauen, doch daraus ist nie etwas geworden. Später richteten sie das Objekt soweit her, dass weder von oben noch von unten Nässe eindringen konnten und das Lehmhaus auch sonst keinen Schaden nahm.

Sturm hat großen Schaden angerichtet

Doch dann kam Friederike. Das Orkantief zog im Januar mit roher Gewalt über diese Region und spielte auch mit den Dachziegeln des alten Lehmwellerhauses Domino.

Das notdürftig gesicherte kaputte Dach des alten Hauses. Quelle: Jens Paul Taubert

Reihenweise fielen die Ziegel auf ein öffentliches Grundstück und stellten damit eine Gefahr dar. Spätestens jetzt stand für die Goldmanns fest: Hier ist nichts mehr zu retten, da hilft nur noch ein Abriss. Rund 12 000 Euro sollte das Vorhaben kosten.

Großzössener kapitulieren

Nach dem ernüchternden Briefwechsel geben sich die Großzössener nun geschlagen und nehmen freiwillig Abstand von ihren Abrissplänen. „Der Wille war da, aber nun treten wir den Rückzug an und lassen den Dingen ihren Lauf“, meint die 58-Jährige resigniert.

Ihrer Meinung nach sei es nur eine Zeitfrage, bis das Haus von alleine zusammenfällt, ihm der Denkmalschutz aberkannt wird und der Abriss „normal“ erfolgen könne. Doch zunächst geht es um die Gefahrenabwehr: Vor wenigen Tagen spannte das Paar ein schützendes Netz über das Dach, damit Passanten nicht durch herunterfallende Ziegel zu Schaden kommen.

Von Kathrin Haase

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