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Häftling zeigt Kunstprojekt im Leipziger Tapetenwerk

Kunst im Knast Häftling zeigt Kunstprojekt im Leipziger Tapetenwerk

Es ist eine Premiere: Ein Häftling aus der Jugendstrafvollzugsanstalt in Regis-Breitingen, der dort an dem Programm „Ästhetische Erziehung und Bildung“ teilnimmt, zeigt Ergebnisse außerhalb der Gefängnismauern. Seine künstlerische Installation füllt einen kleinen Raum im Leipziger Tapetenwerk. Dort steht sein Bett.

An die hundert mal dreht sich Jonny P. auf seinem Bett in der Justizvollzugsanstalt in Regis-Breitingen um.
 

Quelle: André Neumann

Regis-Breitingen/Leipzig.  Johnny P. ist 18 Jahre alt. Er hat zugeschlagen und ist ohne Fahrerlaubnis Auto gefahren. So oft, dass er zwei Jahre und zehn Monate bekommen hat. Mehr als die Hälfte der Strafe hat er abgesessen. Wegen guter Führung genießt er die so genannte Lockerung, darf in Begleitung raus, und er kann im Februar frühzeitig entlassen werden. Und dann das: Jonny P. beschreibt sein Bett, das heißt, die Holzplatte, die im Gefängnis anstelle des üblichen Lattenrostes auf dem Bettgestell ruht. Das ist eigentlich Sachbeschädigung. Zum Glück für ihn erkennt Bianca Gröger, die die ästhetische Erziehung im Knast leitet, dass ihr Schützling in bester Absicht gehandelt hat. Der erklärt es so: Im Tagebuch, das er regelmäßig schreibt, waren alle Seiten voll, neues Papier sei im Knast schwer zu bekommen, also hat er das Bett beschrieben. Auch, weil er denen, die nach ihm kommen, ein paar Gedanken als Botschaft hinterlassen wollte.

Dass Johnny P. nun der erste aus dem Ästhetik-Kurs ist, der nach draußen darf, erklärt Bianca Gröger kurz und knapp: Kunst als Strafe. Deswegen steht P.`s Bettplatte jetzt auf vier provisorischen Pfosten in einem kleinen Raum am Tapetenwerk Leipzig, der in etwa so groß ist wie eine Gefängniszelle. Die grün-weiß karierte Bettwäsche ist zurückgeschlagen, an eine Wand darüber ist ein gutes Dutzend Fotos gepinnt. Die zeigen den 18-Jährigen auf seinem Bett, auf dem er sich den lieben langen Tag lang hin und her dreht und abends betet. „Bitte umdrehen“ steht auf einem Zettel, der an einem Faden von der Decke hängt. In einer Fensternische liegen ein paar kleine Tonarbeiten, eine Bleistiftzeichnung zeigt einen Wasserdrachen, der das Gespenst von Loch Ness sein könnte, an einer anderen Wand hängt ein größeres zweifarbiges Bild: Mein gekleckstes Ich, eine Selbstreflexion aus dem Kunst-Kurs. Komplettiert wird das Gesamtkunstwerk Zelle mit dem Gespräch zwischen Bianca Gröger und dem jungen Häftling, das aus auf dem Boden in einer Kiste versteckten Lautsprechern zu hören ist.

Ist ein eng beschriebenes Gefängnisbett schon Kunst

Ist ein eng beschriebenes Gefängnisbett schon Kunst?

Quelle: André Neumann

Ist ein eng beschriebenes Gefängnisbett schon Kunst? Oder wird es das erst, indem man es öffentlich zeigt? Was hat Jonny P.`s Ausdrucksform mit der Enge des Raumes zu tun, was mit Freiheit.? Der Jurist Phillip Dieterich sinniert in seiner Eröffnungsrede über solche Fragen. Er spricht über Jonny P. als einen jungen Mann, der über das Leben nachdenkt, der an einem intimen Ort – so weit eine Gefängniszelle das sein kann – öffentliche Botschaften hinterlässt und lässt die Besucher selbst nach Antworten suchen. Die Besucher, das sind vor allem Angehörige des jungen Mannes, die dessen Mutter mitgebracht hat. Die staunen über ihren Angehörigen, über dessen Mut und darüber, dass er ein Buch liest, wie auf den Bildern zu sehen ist.

Von Mut spricht auch Willi Schmied, Abteilungsleiter im Justizministerium und einer, der vor rund 15 Jahren mit versucht habe, Kunst und Ästhetik als Therapieansatz Eingang in den Strafvollzug zu verschaffen. „Damals sind wir dafür belächelt worden“, sagt er. Jonny P. profitiert jetzt vielleicht davon. Er hat ein Buch für seinen kleinen Sohn geschrieben, der elf Monate alt ist und denkt über das Leben nach dem Knast nach: „Hier kommt alles von selbst, Essen, Arbeit, Freizeit“, sagt er. Draußen muss er sich selbst kümmern, das mache ihn nervös. Er könnte es schaffen. Einen Therapie- und einen Ausbildungsplatz hat er schon. Und das Wortspiel, mit dem er seinen öffentlichen Auftritt überschrieben hat, klingt zuversichtlich: Ich bin untröstlich. Die Vorsilbe un ist durchgestrichen.

Von André Neumann

Leipzig, Lützner Straße 91 51.333494 12.326317
Leipzig, Lützner Straße 91
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