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Borna Hermann Göthel – Gefängnisseelsorger mit Bodenhaftung
Region Borna Hermann Göthel – Gefängnisseelsorger mit Bodenhaftung
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00:29 04.06.2018
Pfarrer Hermann Göthel in seinem Garten am Elstertrebnitzer Haus. Quelle: Jens Paul Taubert
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Elstertrebnitz

„Ich war der Schlimmste“, sagt Göthel, der in Chemnitz zur Welt kam und dort auch aufwuchs. Weil er es mit seinem Verhalten schließlich übertrieb, landete der junge Hermann in einer anderen Jungen Gemeinde, sozusagen auf Bewährung. Und das bekam ihm außerordentlich gut. „Ich war Stotterer“, ein Schicksal, das einen vor allem im jugendlichen Alter eher ausgrenzt. Nicht so aber in der Jungen Gemeinde, in der ein anderer Pfarrer den Ton angab. Göthel erlebte eine Offenheit, die er bis dahin nicht kannte und wurde akzeptiert. Was sozusagen als Strafe gedacht war, wurde für ihn zur Berufung. „Von da an war mir klar, dass ich Pfarrer werden wollte.“

Pfarrer mit technischem Verstand

Das machte er auch seinen Vorgesetzten klar, als er nach der Schule eine Ausbildung im Elektromaschinenbau machte. Eine ganz normale Lehre, wie sie Hunderttausende Jugendliche in der DDR absolvierten, und die ihren Teil dazu beigetragen haben dürfte, dass Göthel später nicht nur diverse Bauarbeiten in seiner Kirchgemeinde gut managen konnte, sondern ihn auch zu einem jener geerdeten Geistlichen machte, die ganz genau wissen, wie ihre – Ost- und DDR-typische – kirchenferne Umwelt tickt.

Das half dem jungen Pfarrer, als er 1973 nach Elstertrebnitz kam. Nach dem Theologiestudium an der Leipziger Karl-Marx-Universität und auch einem Jahr an der dortigen Thomaskirche und jung verheiratet mit Kind. Die Familie suchte nach einem Ort mit kleiner Schule. Das passte auf Elstertrebnitz. Allerdings landete die junge Pfarrersfamilie damit auch in einem Dorf, aus dem viele gern freiwillig verschwunden wären, aktiv betriebener Tagebau und ein riesiger stinkender Schweinestall inclusive.

900 Gemeindeglieder zur besten Zeit

Dass Göthel dort dennoch heimisch wurde, lag an den Besonderheiten seiner Kirchgemeinde. Die zählte zu Beginn seiner Zeit immerhin beachtliche 900 Mitglieder, und mit durchschnittlich 42 Besuchern im sonntäglichen Gottesdienst lag die Kirchgemeinde Elstertrebnitz weit über allen anderen im damaligen Kirchenbezirk Borna. Der Pfarrer Göthel profitierte dabei nicht zuletzt von zahlreichen Vertriebenen aus einem schlesischen Dorf. Die waren nahezu geschlossen in Elstertrebnitz gelandet und sorgten dafür, dass der junge Pfarrer nicht nur ankam, sondern bis zum heutigen Tag blieb. Und es trug den Seelsorger, wenn der auch angesichts von persönlichen Schicksalsschlägen selbst Hilfe brauchte.

Dazu gehörten Reibungen oder besser gesagt Kämpfe mit der sozialistischen Staatsmacht. So etwa, als der damalige Schuldirektor in Elstertrebnitz gezielt auf die Eltern seiner Schüler zuging, um die davor zu warnen, ihre Sprösslinge zur Konfirmation zu schicken. Göthel fuhr zu einer Veranstaltung der DDR-CDU nach Grimma, an der auch der damalige stellvertretende Vorsitzende der Blockpartei, Wolfgang Heyl, teilnahm und beschwerte sich. Wenig später war der Direktor aus Elstertrebnitz verschwunden.

Stasi war Göthel immer auf den Fersen

Härter wurde es für den Pfarrer, als ihm ein Freund 1980 steckte, dass ihm die Stasi auf den Fersen war. Göthel bekam es mit der Angst zu tun, fuhr nach Hause und vernichtete alle seine Predigttexte. Schließlich hatte er bereits zuvor in einer Predigt die Massenerschießungen von Christen in den Anfangsjahren der Sowjetunion thematisiert, in der Tat mehr als ein nur riskanter Tabubruch.

Mit einem Bein im Gefängnis stand Hermann Göthel dann, als er sich Mitte der 70er-Jahre zum zweiten Mal weigerte, seinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) anzutreten. Auch nicht als Bausoldat, denn Göthel verweigerte den Militärdienst aus prinzipiellen Gründen. Zwei Tage, bevor der zweifache Familienvater abgeholt werden sollte, kam der erlösende Anruf von der Dresdner Landeskirchenleitung, dass ihm Knast und Wehrdienst erspart bleiben würde.

Gefängnisseelsorge ist seine Herzenssache

Gefängnis und Haft – das wurde dann aber in der Tat zu seinem Lebensthema. Es begann in den 80er-Jahren, als er aus der Bundesrepublik gebeten wurde, sich um eine Häftling im Brandenburger Gefängnis zu kümmern. Ein Mann, der bei einem Fluchtversuch geschnappt worden war. Mit der Wende, die Göthel auch neun Jahre lang in den Bornaer Kreistag brachte, wurde er dann Gefängnisseelsorger. Eine Aufgabe, in der er bis zum heutigen Tag aufgeht. „Dafür schlägt mein Herz noch heute.“ Dabei kümmert sich Hermann Göthel, der lange Zeit auch Vorstand des Diakonischen Werks im Leipziger Land war, um Gefangene ebenso wie um die Mitarbeiter, die heutzutage angesichts überbelegter sächsischer Haftanstalten „fix und fertig“ sind.

An Aufgaben und Arbeit mangelt es dem Geistlichen, der 2008 offiziell Rentner wurde und über all die Jahre immer auf seine Ehefrau Christine („Meine Mitkämpferin.“) bauen konnte, keineswegs. Was prinzipiell gut und für jemanden wie Hermann Göthel schlichtweg unverzichtbar ist. Der Mann, für den die 75 eben nur eine Zahl ist, braucht sie – die vielen Rädchen, die ihn nach wie vor in Bewegung halten.

Von Nikos Natsidis

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