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„Ich bleibe dabei: Nicht die Schüler haben sich geändert, sondern die Umstände“

Oberschule Kitzscher verabschiedet Schulleiter Rainer Reichenbach „Ich bleibe dabei: Nicht die Schüler haben sich geändert, sondern die Umstände“

Eigentlich wollte Rainer Reichenbach (63) nur drei Jahre als Lehrer an der heutigen Oberschule in Kitzscher bleiben. Es wurden 38, davon war er 27 Jahre Schulleiter. Mit der LVZ sprach er über seine Zeit als Pädagoge in Kitzscher.

Nach 38 Jahren verlässt Schulleiter Rainer Reichenbach die Oberschule Kitzscher. Am Donnerstag wird er im Rathaus feierlich verabschiedet.

Quelle: Andreas Döring

Kitzscher. Eigentlich wollte Rainer Reichenbach (63) nur drei Jahre als Lehrer an der heutigen Oberschule in Kitzscher bleiben. Es wurden 38, davon war er 27 Jahre Schulleiter. Am Donnerstag, einen Tag vor Schuljahresende, wird er im Rathaus von Kitzscher feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Mit der LVZ sprach er über seine Zeit als Pädagoge in Kitzscher.

War Lehrer Ihr Traumberuf, Herr Reichenbach?

Eigentlich schon. Ich hatte einen Onkel, der war Lehrer und den fand ich gut. Und außerdem: In der Schule kannte man sich ja aus. Ich wollte Biologie und Chemie studieren, aber auch mit meiner Frau zusammen in Leipzig. Dort gab es diese Fächer an der pädagogischen Hochschule nicht, deswegen wurde es Deutsch und Geschichte.

Nach dem Studium unterrichteten Sie beide an der Neubauschule, der heutigen Oberschule in Kitzscher. Da wollten Sie nicht lange bleiben. Warum?

Wir wohnten damals in Leipzig und hatten uns gesagt: drei Jahre. Meine Frau hatte schon vor mir in Kitzscher begonnen, ich am 1. August 1979. Die Stadt kannte ich bis dahin nur als junger Fußballer meiner Heimatstadt Groitzsch – nach dem Punktspiel ein Fischbrötchen im „Wilden Mann“. Viel mehr gab es hier nicht, außer einer Kaufhalle und vieler guter Neubauwohnungen mit Bad. In Leipzig wohnten wir in einem Abrisshaus.

Das war der Grund, zu bleiben?

Auch, aber vor allem fanden wir hier Kollegen, mit denen es in- und außerhalb der Schule gut passte. Wir haben uns wohl gefühlt. Und wir waren eine Gruppe von Leuten, die ihr Ding gemacht haben, egal, was man uns über die große Politik erzählte.

Die blieb doch aber in einer DDR-Schule nicht außen vor?

Die politischen Dinge hat man, wie soll ich sagen, ertragen. Bestimmte Sachen musste man eben machen. Wir haben versucht, die Kinder zu erziehen, nicht zu indoktrinieren.

Das wurde nach Grenzöffnung und politischer Wende einfacher?

In der DDR war der Lehrer ja tatsächlich jemand, dem man nicht zu widersprechen hatte. Nach der Wende hatten wir die Chance, Dinge, die vorher nicht gingen, die man nicht laut sagen konnte, als Werte zu behandeln und zu vermitteln.

Zum Beispiel?

Dass man seine Meinung sagt, dass man gegenseitig versucht, offen zu sein und einen vernünftigen Umgang pflegt. Dass man Schüler durchaus auch zum Widerspruch erzieht. Dafür steht auch unser Schullmotto: Offen, sozial, kreativ.

Wie wurden sie Schulleiter?

Ich war damals Mitglied im Neuen Forum und beteiligt an den Gesprächen am Runden Tisch Bildung. Eigentlich hatten wir uns auf Wolf Hentschel als Schulleiter geeinigt, ich sollte Stellvertreter werden. Doch dann kam am Runden Tisch der Vorschlag, Hentschel solle Kreisschulrat werden, so stellte ich mich vor der Schulkonferzenz zur Wahl als Schulleiter. Mit Wolf Hentschel bin ich noch immer befreundet.

Sie waren fast vierzig Jahre Lehrer an einer Schule in zwei gesellschaftlichen Systemen. Haben sich die Kinder und Jugendlichen geändert?

Auch wenn mich manche dafür steinigen, bleibe ich bei meiner Ansicht: Die Schüler haben sich nicht geändert, aber die Umstände um sie herum. Die meisten sind immer vernünftige und verständige Schüler, ein paar fallen aus dem Rahmen. Und Kinder lassen sich immer begeistern, wenn man sie ernst nimmt.

Wann waren Sie als Lehrer am glücklichsten?

Eigentlich in jedem Jahr, wenn man Schüler nach der zehnten Klasse entlässt. Wenn man sich sagen kann: Ist doch ganz gut, was aus denen geworden ist, da steckt viel Kraft drin und daran hat man auch selbst einen Anteil. Ein besonderer Moment war auch 2014, als der Kampf um die Erhaltung der Schule noch nicht zu Ende war und wir den sächsischen Schulpreis bekamen.

Der Erhalt der Schule stand ja über Jahre auf der Kippe.

Da erinnere ich nochmal an unser Schulmotto: Wenn wir als Schule nicht kreativ gewesen wären, würde es uns heute nicht mehr geben. Wir haben alle miteinander viel dafür getan. Aber ich muss auch sagen: Der dauernde Kampf und die Unsicherheit waren belastend und nervtötend.

Jetzt ist nicht nur die Schule gesichert, auch Ihre Nachfolge ist mit Ihrer bisherigen Stellvertreterin Dagmar Schulz schon geregelt. Was geben Sie ihr mit auf den Weg?

Immer offen bleiben für Neues, immer vernünftig und respektvoll im Umgang mit Schülern und Kollegen sein. Und Dingen, die einen ärgern, mit einer Spur Gelassenheit begegnen. Frau Dr. Schulz wird vieles anders machen als ich. Ein Neuanfang ist immer auch eine neue Chance für die Schule.

Welche Chancen öffnen sich Ihnen mit dem Ruhestand?

Ich habe zwei Enkel, das sagt alles. Darüber hinaus denke ich in Projekten. Vielleicht werde ich bis 2021, wenn die Schule 50 Jahre alt wird, einiges aufschreiben. Ich habe mein Leben lang Sport getrieben und möchte das fortsetzen, der Schwerpunkt liegt auf dem Radfahren, dabei will ich Neues entdecken und viel fotografieren. Mit meiner Frau werde ich fünf Wochen auf dem Jakobsweg gehen, egal, wie weit wir es schaffen. Und ich freue mich auf weitere Touren mit einem Freund, mit dem ich seit 50 Jahren Rad fahre.

Von André Neumann

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