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Borna Im Interview: Uwe Hinz, Chef vom Jugendgefängnis in Regis-Breitingen
Region Borna Im Interview: Uwe Hinz, Chef vom Jugendgefängnis in Regis-Breitingen
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08:00 03.04.2016
Uwe Hinz (52) leitet seit ihrer Eröffnung 2007 die Jugendstrafanstalt in Regis-Breitingen. Quelle: André Neumann
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Regis-Breitingen

Am 9. April lädt die Jugendstrafanstalt (JSA) Regis-Breitingen zu einem Tag der offenen Tür ein. Im Interview äußert sich der Leiter der Einrichtung Uwe Hinz ( 52) über Strafvollzug als Teil der Gesellschaft, das Buch seines Zeithainer Kollegen, die abnehmende Zahl jugendlicher Häftlinge und den Ausländeranteil unter den Gefangenen.

Herr Hinz, man muss etwas schmunzeln, wenn von einem Tag der offenen Tür in einem Gefängnis die Rede ist...

...nun ja, die Tür geht natürlich nur in eine Richtung auf.

Warum holen Sie die Öffentlichkeit ins Gefängnis?

Wir erleben, dass Bürger nach einem Urteil zufrieden sind, weil der Straftäter weggeschlossen wird. Was dann passiert, wird gern ausgeblendet. Doch Strafvollzug ist ein Teil unserer Gesellschaft und wir setzen auf Transparenz, wir wollen zeigen: Was passiert im Strafvollzug, warum passiert es, welche Möglichkeiten hat der Strafvollzug. Wir wollen aber auch zeigen, an welche Grenzen wir stoßen.

Die da wären?

Bevor ein straffällig gewordener junger Mann hier landet, vergeht sehr viel Zeit. Wir haben nur ein sehr begrenztes Zeitfenster, um mit den Jugendlichen zu arbeiten. Die durchschnittliche Haftdauer beträgt 14 Monate. Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten in den 14 Monaten richten, was vorher in 16 bis 20 Jahren passiert ist.

Ein Kollege von Ihnen, der Leiter des Gefängnisses in Zeithain Thomas Galli, stellt in einem Buch den Sinn von Haftstrafen in Frage. Was halten Sie davon?

Ich möchte mich von den Aussagen distanzieren. Insbesondere mit dem Wissen darum, was wir hier leisten, was die Mitarbeiter für eine schwierige Aufgabe haben und wie sie sie erfüllen. Herr Galli vergisst, dass ein Gefängnis ein fester Bestandteil dieser Gesellschaft ist. Er verkennt auch, dass es neben der Sicht auf die Straftäter und die Arbeit mit denen auch eine Opferperspektive gibt. Man kann auch nicht im Raum stehen lassen, dass das alles, was man hier tut, nichts bringen soll.

Was tun Sie?

In aller Kürze: Wir müssen die Jugendlichen hier drin drauf vorbereiten, was sie nach der Entlassung draußen erwartet. Das geschieht auf vielfältigste Weise, mit Schul- und beruflicher Ausbildung, mit Angeboten zur Lebenshilfe, für soziale Kompetenz, mit sportlichen, kulturellen und künstlerischen Angeboten. Nach einer umfassenden Eingangsdiagnostik werden für jeden Gefangenen das passende Elemente ausgewählt. Das alles wird seit einigen Jahren von einer kriminologischen Forschung begleitet, die ermitteln soll, wie die Arbeit mit den Jugendlichen fruchtet.

Wie viele Ihrer Häftlinge erreichen Sie wirklich mit ihren Angeboten und bei wie vielen haben Sie bei der Entlassung das Gefühl: Den sehe ich bald wieder?

Ich würde schon sagen, dass wir die Jugendlichen in der Breite erreichen. Achtzig Prozent nehmen an schulischer oder beruflicher Ausbildung teil, das ist das Maximale für eine solche Einrichtung. Und ja, natürlich gibt es eine Rückfallquote. Aber das möchte ich differenziert betrachten. Wenn ein Gewaltstraftäter nach seiner Entlassung keine Gewaltstraftaten mehr verübt, aber wieder verurteilt wird, weil er beim Schwarzfahren erwischt wird, dann hat der Strafvollzug aus meiner Sicht schon etwas gebracht.

Wie viele Häftlinge sitzen derzeit in Regis-Breitingen ein?

Wir haben 245 Gefangene hier. Davon sind 150 reguläre Jugendstrafgefangene im Alter bis zu 24 Jahren. Um das Gefängnis auszulasten, wird es mit jungen Erwachsenen bis 27 Jahre aufgefüllt. Damit befindet man sich noch in einem zueinander passenden Altersbereich.

Warum gibt es so wenige jugendliche Straftäter?

Deren Zahl hat sich in den letzten beiden Jahren nahezu halbiert. Das liegt im wesentlichen in der demografischen Entwicklung begründet. Womöglich liegen Gründe auch in einer angepassteren Rechtssprechung und darin, dass sich das eine oder andere bei den Ermittlungsverfahren angestaut hat.

Spielen Flüchtlinge unter Ihren Häftlingen eine spürbar zunehmende Rolle?

Wir haben hier niemanden im Status eines Flüchtlings. Der Ausländeranteil ist leicht gestiegen, beträgt elf Prozent, aktuell sind hier 26 ausländische Gefangene. Unter denen hat der Anteil an Nordafrikanern zugenommen. Darin spiegelt sich aber schon allein aus zeitlicher Sicht noch nicht die Flüchtlingsproblematik wider. Zum Vergleich: In Altbundesländern beträgt der Ausländeranteil teilweise 40 Prozent. Wir müssen uns auch hier auf einen steigenden Anteil einstellen. Damit will ich nicht sagen, dass Flüchtlinge in stärkerem Maße kriminell sind, aber ihr Anteil in der Bevölkerung steigt. Das heißt auch für uns, wir müssen die Qualifikation der Mitarbeiter auf die neue Situation einstellen, beispielsweise in Bezug auf Deutschunterricht und den Umgang mit den Kulturen.

Von André Neumann

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