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Inklusion zwischen Theorie und Praxis

Inklusion zwischen Theorie und Praxis

Das lateinische Wort „inclusio" verankert die Hoffnungen von Menschen mit Behinderungen, ein anerkannter Teil der Gesellschaft zu werden. Inklusion meint die Einbeziehung, das Eingeschlossensein und unbedingte Zugehörigkeit gehandicapter Menschen.

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Dustin Friedel (3.v.l.) und seine Schulbegleiterin Friederike Richter inmitten der fünften Klasse der Mittelschule Regis-Breitingen. Der autistische Junge hat einen sonderpädagogischen Lernbedarf.

Quelle: Thomas Lieb

Regis-Breitingen/Borna. In der UN-Behindertenrechtskonvention sind die Rechte von Menschen mit Behinderungen festgeschrieben. Seit 2009 hat es den Rang eines einfachen Bundesgesetzes und bindet Bund, Länder und Kommunen an die Umsetzung. Aber: Es gibt nur Einzelfälle, in denen Inklusion praktiziert wird. Einer heißt Dustin Friedel. Ist elf Jahre alt und besucht als Autist eine ganz normale fünfte Klasse in einer ganz normalen Mittelschule. Dustin. Ein cooler Typ. Im Millenniumsjahr geboren. Dunkelblonde Haare, ein Augenaufschlag zum Niederknien und Teenager mit Prinzipien. Er ist eine Granate in Mathe und zeigt noch jedem bei Computerspielen was eine Harke ist. Ein Fünftklässler aus Borna, der seine Macken hat und im Unterricht zu verstehen gibt, wenn ihm etwas nicht passt. Ein ganz normaler Junge. Und auch der bei ihm diagnostizierte Autismus macht ihn nicht zum Außenstehenden. Dustin ist ein Schüler, der - mit gezielter Hilfe - Leistungen bringt. Wie jeder andere auch.Nur vor dem Gesetz ist Dustin anders. Einer mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Seine Eltern Ines und Ronny Friedel müssen nach Umwegen über Sonderschulen darum kämpfen, dass er eine normale Schule besuchen kann. Sie bekommen Unterstützung bei der Autismus-Ambulanz in Leipzig, im Landratsamt, bei der Schulbehörde. Und in der Mittelschule Regis-Breitingen, wo man - trotz großem Respekt und „natürlich auch etwas Angst", wie Schulleiterin Dagmar Meißner zugibt - längst zu der Erkenntnis gekommen ist, die der steife Begriff der Inklusion meint: „Dustin gehört einfach dazu."Er geht schon in den Kindergarten, als seine Eltern ihrem Gefühl auf den Grund gehen, „dass mit ihm irgendetwas anders ist", berichtet Mutter Ines Friedel. Ein Kinderpsychologe diagnostiziert schließlich eine Form des Autismus. Dustin sollte seither auch die nächsten Jahre Schwierigkeiten in der Kommunikation haben. Abweichungen vom klaren Tagesablauf bereiten ihm in den ersten Jahren Schwierigkeiten. „Ein neues T-Shirt, dass er nicht kannte, hat er nicht angezogen", erinnert sich die Mutter. Dank eines Sprachtherapeuten bessert sich mit fünf Jahren das Sprechen. Auffällig ist den Eltern, dass Dustin eine Hingabe für Zahlen und Technik hat. Lego-Modelle baut er in Windeseile schon als Vorschulkind zusammen. Computerspiele spielt er schneller als geübte Erwachsene zu Ende. Die Förderschule in Borna sagt den Eltern nach der Kennlernwoche vor der Einschulung, dass Dustin die ersten vier Jahre nicht kommen braucht - „er weiß alles schon", hat Friedel damals gesagt bekommen. Die „normale" Grundschule lehnt es zunächst ab, Dustin aufzunehmen. Seine sprachlichen Defizite seien zu ausgeprägt. Lesen und gleichzeitiges Verstehen fällt ihm noch heute schwer. Nach der vierten Klasse soll er eine Sprachheilschule für Kinder mit einer geistigen Behinderung in Leipzig kennenlernen. „Schon die Fahrten machten ihn krank. Er wollte dort nicht hin", erzählt seine Mutter.Musikunterricht 5. Klasse. Regis-Breitingen. Dustin sitzt an seinem Platz. Nicht selbstverständlich. Manchmal läuft er durchs Zimmer. Wenn ihm eine Aufgabe zu schwer ist, liegt er auch mal auf dem Boden. Seine Mitschüler haben damit umgehen gelernt. An der Wand im Klassenzimmer der 5b hängt ein Plakat - „Tipps zum Umgang mit Dustin". Sie beschützen ihn. Unterstützen ihn. Als die Klasse eine Partitur mit Rhythmusinstrumenten durchspielt, will erst keiner mit Dustin tauschen. „Ich will Schellen", ruft er. Maria kennt ihn schon aus der Grundschule. Als der Elfjährige enttäuscht auf seinem Stuhl kauert, eilt sie zu ihm, reicht ihm den Ring. Dustin ist glücklich. Die Partitur spielt er so präzise wie kein anderes Kind.

Situationen, in denen Dustin Unterstützung braucht, gibt es viele. Wenn er etwas nicht will, dann will er nicht. Bekommt er eine schlechte Note, treibt ihn das um. Schulleiterin Dagmar Meißner spricht von Integrationsverordnungen, die „uns Möglichkeiten geben, Dustin anders zu beschulen als seine Mitschüler. Aufgaben können leichter verständlich formuliert sein. Aber die wichtigste Hilfe für uns Lehrer ist die Schulbegleitung. Ohne die geht es nicht." Friederike Richter und Heidrun Düsterhöfft von der Autismus-Ambulanz begleiten Dustin durch den Schultag. Stehen ihm zur Seite. „Wir sind eine Art Dolmetscher zwischen Dustin und den anderen Schülern. Wir erklären ihm viel. Zeigen ihm Möglichkeiten auf, wie er Situationen meistern kann. Regis ist ein Glücksfall für ihn. Die Lehrer geben sich unglaubliche Mühe. Die Schüler, egal welcher Altersstufe passen auf ihn auf. Er gehört dazu", berichtet Friederike Richter. Die Heilpädagogin sieht „einen klaren Entwicklungsfortschritt. Vor allem im sozialen Bereich. Wir hätten es vorher nicht für möglich gehalten, dass er so stark den Kontakt zu anderen sucht. Er geht auf alle zu und bekommt positive Rückmeldungen. Das war so nicht vorhersehbar".Dustins Mutter, die in ständiger Alarmbereitschaft steht und immer für die Schule erreichbar ist, hat ein gutes Gefühl, wenn das kleinste ihrer drei Kinder morgens nach Regis aufbricht. Der „besondere Sohn", den sie „nicht mehr, aber anders lieb" hat, als die beiden großen Geschwister Dominique (16) und Michel (21). „Ich habe ein ausgeprägteres Schutzbedürfnis bei ihm", beschreibt Ines Friedel ihre Liebe zu Dustin. Ein Mutter-Instinkt, der wohl normal ist. So normal, wie Dustin eine Mittelschule besucht.

Thomas Lieb

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