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Borna Investruine Cult – Kein Zeichen vom Eigentümer
Region Borna Investruine Cult – Kein Zeichen vom Eigentümer
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00:52 28.04.2018
Hier tanzten einst Tausende junge Leute – doch die großen blauen CULT-Buchstaben leuchten schon lange nicht mehr. Quelle: Andreas Döring
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Borna

Verlassen, trostlos und vermüllt sieht es heute auf dem Gelände der alten Brikettfabrik im Bornaer Ortsteil Neukirchen aus. Lediglich die Kneipe Zeche II hat noch am Wochenende geöffnet, zweimal im Monat finden Konzerte statt. Dabei gab es einst so viele Ideen und Pläne, was auf dem riesigen Industrieareal einmal passieren sollte.

Es galt eins als Vorzeigeobjekt bei der Umgestaltung des Leipziger Südraums – heute ist die Brikettfabrik Neukirchen eine Investruine

Viele Pläne Mitte der 90er Jahre: Der Bornaer Hans-Peter Hofmann erinnert sich, wie Mitte der 90er-Jahre sein damaliger Freizeitsportverein Zedtlitz an einem Konzept für die Brikettfabrik feilte. Geplant war ein großes Sportzentrum für Fitness, Squash, Tennis, Boxen, Judo, Fahrrad- und Motocross. Am 75 Meter hohen Schornstein sollten Kletterer trainieren. Hotel, Erlebnisgastronomie und Indianerdorf waren im Gespräch. Vom Braunkohleunternehmen Mibrag gab es schon Geldzusagen, um das kaputte Dach zu reparieren, sagte der 60-Jährige und ist heute noch sauer, dass sein Verein nicht zum Zug kam.

Sanierung 1997 bis 1999: Stattdessen bekam die Wyhrataler Entwicklungsgesellschaft den Zuschlag. Unter Federführung von Ideengeber und Projektentwickler Hartmut Rüffert begann 1997 die Sanierung mit Fördermillionen. 1999 eröffnete die Tanzfabrik Cult, die schnell bekannt wurde. Tausende junge Leute strömten nach Neukirchen. Auch der Fitnessklub in der einstigen Kaue zog eine ganze Weile viel Publikum an. Die Gaststätte Zeche II ergänzte das Angebot.

Rüfferts Pläne reichten jedoch weiter. Autohof mit großem LKW-Parkplatz, Motel, Tankstelle und Kino waren geplant. Die Brikettfabrik galt als Vorzeigeprojekt bei der Umgestaltung des Leipziger Südraums.

Probleme ab 2002: Doch schon Anfang 2002 gab es erste Probleme. Gerüchte kursierten, dass der Tanztempel einsturzgefährdet sei. Der Betreiber der Diskothek dementierte das vehement, die Deckenbelastung in der Brikettfabrik sei auf 1500 Kilogramm pro Quadratmeter ausgelegt gewesen. Er bestätigte jedoch einen massiven Besucherrückgang.

Im September des gleichen Jahres wurde spektakulär der Abschluss der Sanierung gefeiert. Europas größte Hochseilshow war engagiert. Beim gigantischen Feuerwerk „Cult in Flammen“ wurden 3,8 Tonnen Sprengkörper verbraucht. Begeisterte Besucher sagten damals gegenüber der LVZ: „Was hier gewachsen ist, sucht seinesgleichen.“

Brikettfabrik Neukirchen

Die Brikettfabrik ist eines der letzten Zeugnisse der Braunkohlenindustrie im Südraum Leipzig. Der Vorgängerbau wurde als erste Brikettfabrik im Bornaer Revier errichtet. Inhaber war der Leipziger Unternehmer Rudolf Bleichert. In der angeschlossenen Braunkohlengrube begann durch die Bleichert’schen Braunkohlenwerke Neukirchen-Wyhra im mitteldeutschen Raum der Übergang zur Kohlenförderung mit Großtechnik. Bis 1971 wurden hier Braunkohlenbriketts hergestellt. Das zur Fabrik gehörende Kraftwerk wurde bis 1991 betrieben.

Doch es kriselte. 2004 bewegte sich kaum etwas. Investoren und Betreiber hielten sich in der Wirtschaftskrise zurück. Am Truckerhof ruhten die Arbeiten. Auch der Ausbau der Esse zum Kletterschornstein ging nicht voran. Im Juli 2005 besuchte Ministerpräsident Georg Milbradt das Cult und tauchte im Disko-Nebel ab. Verbunden war die Visite mit Hoffnung auf Gelder vom Freistaat. Doch die Dinge gestalten sich weiterhin nicht einfach.

Versteigerung 2010: Die Brikettfabrik wechselte den Eigentümer. 2010 ersteigerte die Immobilie die Firma DE-Invest aus Leipzig. Der Preis soll 450 000 Euro betragen haben. Als Verkehrswert wurden damals 700 000 Euro angegeben. Die Stadt Borna war nicht am Erwerb interessiert. „Für uns zu teuer“, hieß es damals aus dem Rathaus.

Ende 2012 gehen Lichter im Cult aus: Am 24. Dezember war noch einmal Bescherung. Seit 1999 gehörte die Party in der Heiligen Nacht zum festen Programm der Tanzfabrik. Doch danach gingen die Lichter aus. Der Betreiber begründete dies damit, dass Diskotheken dieser Größenordnung kaum noch eine Chance hätten, zumindest nicht auf dem Land.

Die Firma DE Invest hielt sich damals über ihre Pläne bedeckt. Die Rede war von Schnaps- und Schaubrennerei, von Whisky- und Wodkaproduktion.

„Hier ist in den letzten Jahren gar nichts passiert“, sagte Günther Gerdes. Der Neukirchener wohnt nicht nur in der Nähe, er erlebte den Wandel der Brikettfabrik vor Ort, als rechte Hand von Rüffert, aktiv mit. So überwachte er die Arbeiten, organisierte Geländepflege, Wartung und Reparaturen und führte zeitweilig ganze Heere von ABM-Kräften. „Es tränt einem das Herz, wenn man sieht, wie das heute hier aussieht“, meinte er bedauernd.

Kein Zeichen vom Eigentümer: Nach Angaben von Bornas Stadtsprecher Hans-Robert Scheibe soll die Leipziger Firma bis heute der Eigentümer sein. „Neue Entwicklungen dazu sind uns nicht bekannt“, so Scheibe. Das Immobilienunternehmen war für die LVZ weder telefonisch noch per Email zu erreichen. Seit Wochen heißt es auf dessen Homepage: „Our website is under construction“ (Unsere Website ist im Aufbau).

Die Seite listet drei Objekte auf, die dem Unternehmen gehören sollen. Darunter auch eins in Borna mit 58 650 Quadratmeter Grundstück, 7970 Quadratmeter Nutzfläche. Als Nutzungsart wird „teils vermietet“ angegeben. Eine Adresse wird nicht genannt. Es ist wahrscheinlich, dass es sich um die Brikettfabrik handelt.

Problem-Immobilien

Wenn Privateigentümer an ihren Immobilien nichts tun, ist es für Kommunen schwierig. So lange der Eigentümer seine Grundsteuer zahlt und keine Ziegel vom Dach fliegen, kann er auf seinem Grundstück tun und lassen, was er will. Auch wenn Gebäude verfallen und Freiflächen verwildern. „Wenn sich über Jahre nichts tut, versuchen wir zunächst mit dem Eigentümer ins Gespräch zu kommen“, sagt der Groitzscher Bürgermeister Maik Kunze (CDU). Sollte der Besitzer keine Möglichkeiten haben, auf seinem Gelände etwas zu bewegen, sei die Stadt interessiert, es selbst zu erwerben.

Ein Beispiel in Groitzsch sei dafür ein Kreuzungsbereich in der Innenstadt, wo die Kommune ein Haus abreißen ließ und das gesamte Areal neu entwickelte. Auch kaufte die Stadt vor einiger Zeit das Volkshaus und will dies mit Hilfe von Fördergeldern sanieren. Auch wenn das Projekt einige Zeit brauchen wird, sei dies der richtige Weg, so der Stadtchef.

Das sieht man auch in Frohburger Rathaus so. Ein Beispiel ist der große Betrieb Wäscheunion, der mitten im Ort stand. Die Kommune kaufte die Immobilie, ließ sie abreißen und entwickelte das weiträumige Gelände als Bauland und Grünfläche, wie das Liegenschaftsamt mitteilte. Auch den Bahnhof erwarb die Stadt, um das Park&Ride-Konzept anbieten zu dürfen und sucht für das Bahnhofsgebäude nun einen Investor.

Grimma verfolgt eine ähnliche Strategie. „Wir schreiben die Leute regelmäßig an und sind an Lösungen interessiert“, sagt Sebastian Bachran, Pressesprecher der Stadtverwaltung. „Zur Not kaufen wir es selbst und entwickeln das Gelände.“ Das sei bei klammen kommunalen Kassen nicht einfach, aber dennoch ein sinnvoller Weg.

Der Sprecher verweist in diesem Zusammenhang aber auch auf ehrenamtliches Engagement. So wird die alte Spitzenfabrik am Mulde-Ufer seit mehreren Jahren von jungen Leuten Stück für Stück in ein Dorf der Jugend verwandelt. Regelmäßig finden dort Arbeitseinsätze statt. Es gibt ein Container-Café in einem umgebauten alten Schiffscontainer, eine Fahrradwerkstatt, Graffiti-Projekte. Konzerte finden statt, in diesem Jahr auch ein großes Festival. Finanziert wird dies alles durch einen Mix aus Sach- und Geldspenden, ehrenamtlicher Unterstützung, Eigen- und Fördermitteln.

Von Claudia Carell

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