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Investruine, lange Wartezeiten und die Pilze fürs Interhotel Merkur

Investruine, lange Wartezeiten und die Pilze fürs Interhotel Merkur

Menschenmassen im hoffnungslos überfüllten Stadtkulturhaus: So geschehen vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert, als die bisherigen Oberen auch in Borna Farbe bekennen mussten.

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Die LVZ berichtet über die Rathausgespräche vor 25 Jahren. Auch die Zeitung veränderte sich seinerzeit.

Quelle: Thomas Kube

Borna. Rathausgespräch hießen die Veranstaltungen, die am 29. Oktober und am 2. November 1989 in Borna stattfanden. Eine Zeit, in der selbst der LVZ-Reporter (nicht identisch mit dem Autor dieses Beitrages) den Wind des Wandels zu spüren bekam. Konnte der doch bis dato bei politischen Veranstaltungen beruhigt den Stift fallen lassen, weil es ohnehin immer wieder dieselben Wiederholungen gab. Nicht so am 29. Oktober, einem Sonntag, als in drei Stunden 40 Leute zum Mikrofon strömen.

Im Podium sitzen Bürgermeister Rudolf Urban und die Vorsitzende des Rates des Kreises Bornas, Brigitte Beyer (nicht zu verwechseln mit der heutigen Vorsitzenden des Wyhrataler Ortschaftsrates). Und weil die Bürger wollen, dass auch jemand aus der "führenden Partei", wie sich die SED immer selbst sah, Verantwortung übernimmt, muss auch Wilfried Schneider, Zweiter Sekretär der SED-Kreisleitung mit ins Podium. Moderator der Veranstaltung ist Thomas Claus, der für die Liberaldemokratische Partei Deutschlands (LDPD) in der Bornaer Stadtverordneten Versammlung sitzt. Claus machte sich nach den ersten freien Kommunalwahlen einen Name als souveräner Vorsteher der nunmehr freigewählten Stadtverordnetenversammlung.

Dass auch ein Vertreter des Neuen Forums mit im Podium sitzen darf, ist der geschockten Frage von Dietmar Matze zu danken. Der damalige Künstlerische Leiter des Stadtkulturhauses, Dietmar Matzke, fragt Bürgermeister Urban, ob er auch bereit sei, einen Vertreter der neuen Massenorganisation mit nach vorn zu lassen. Dessen Antwort mutet aus heutiger Sicht (allerdings nur aus dieser) putzig an: Wenn er bereit ist, die sozialistischen Grundlagen mit erneuern zu helfen.

Urban geht es um Standpunkte, Ideen und Vorschläge zur weiteren Entwicklung der Kreisstadt auf allen Gebieten, insbesondere Sozialpolitik, Handel und Dienstleistungen, aber auch Umweltbelastungen und Baukapazitäten. Die Bürger, die ans Mikrofon gehen, packen ihre Probleme auf den Tisch: die DDR-typischen alltäglichen Versorgungsschwierigkeiten, lange Wartezeiten in der Kaufhalle in der Karl-Liebknecht-Straße und das schlechte Angebot an Fleischwaren. Für Unmut sorgt, dass die Pilze aus der Pilzzucht in der Röthaer Straße ins Leipziger Interhotel "Merkur" landen und nicht in Borna. Gefordert wird, die Daten der Umweltbelastungen an der Fernstraße 93 öffentlich zu machen. Das Feierabendheim, soll ins Stadtzentrum verlegt werden

Ähnlich sieht es eine knappe Woche später aus, als der Andrang im Stadtkulturhaus so groß ist, dass selbst der Platz im Foyer nicht reicht und Besucher unverrichtetet Dinge wieder ziehen. Diesmal geht es um Spielplätze für die 250 Hortkinder in Gnandorf und die Schülerspeisung. Der Zustand der Gaststätte "Altstadt" wird kritisiert und der schlimme Zustand der "Investruine Sportplatz Borna-Ost". Neben Bürgermeister Urban stehen auch der Erste Sekretär der SED-Kreisleitung, Saarfried Thiele, und FDJ-Kreischef Hans-Herrmann Liebrich Rede und Antwort. Liebrich verweist darauf, dass es in Borna nur 59 Jugendklubplätze für 1000 Jugendliche gibt. Üblich seien in der DDR 159. Und wie schon beim ersten Rathausgespräch gehen die Besucher keineswegs zufrieden nach Hause.

Auch in Borna ändert sich mit dem Mauerfall am 9. November so gut wie alles. Bei der Tagung der Stadtverordneten am 11. November bleibt etwa die Hälfte der Sitzplätze im Stadtkulturhaus leer. Viel Bornaer hatten sich aufgemacht, am Ku`damm oder anderswo ihr Begrüßungsgeld abzuholen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.11.2014
Nikos Natsidis

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