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Jetzt kann jeder Leipzig, Borna, Delitzsch und Co. farbig gestalten

Malbücher für Erwachsene Jetzt kann jeder Leipzig, Borna, Delitzsch und Co. farbig gestalten

Und? Greifen Sie auch so gerne zu Pinsel und Buntstiften, könnten stundenlang Bilder von Schlössern, Blumen und Tieren ausmalen, um darin meditative Entspannung zu finden? Toll! Dann geht es Ihnen wie Millionen anderen Menschen. Malbücher für Erwachsene sind nämlich der Mega-Trend.

Dann mal los! Diese Straßenbahn-Szene am Leipziger Hauptbahnhof könnte mit ein wenig Farbe zum Leben erweckt werden.
 

Quelle: André Kempner/bearbeitet mit Sketch Master App von Benjamin Winkler

Region Leipzig.  Nichts bleibt ewig jung. Nicht einmal Malbücher. Denn auch die sind inzwischen erwachsen. Immer mehr Ältere entdecken den Freizeit-Spaß am Kolorieren von verschnörkelten Girlanden, floralem Dekor, niedlichen Tiermotiven und prächtigen Mandalas. Verlage, Stifte-Hersteller und Buchhändler jubeln, denn sie profitieren vom phänomenalen Ausmal-Trend.

Ein Hobby, das regelmäßig ausgeübt, Stressabbau, Erholung und Kreativität fördern könne, meint Beate Beyer von der Universität Leipzig. Wieso? Weshalb? Warum? Ganz einfach: Wer einen hektischen Alltag hat, sucht Entschleunigung und will abschalten. „Das Ausmalen versetzt uns in einen Zustand der Entspannung, in welchem wir alltägliche Dinge vergessen können“, so die Erziehungswissenschaftlerin. „Da viele Erwachsene nicht einfach nichts tun können, sorgen Ausmalbücher dafür, dass ein gewisser Fokus und eine klare Aufgabe vorhanden ist, wodurch die Aufmerksamkeit gelenkt wird, ohne zu überfordern.“

Von Döbeln bis Altenburg: Malen Sie mit!

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Einmal wieder Kind sein – wie Peter Pan! Beflügelt vom Mal-Rummel haben wir Fotos aus dem LVZ-Bildarchiv in Schwarzweiß-Vorlagen umgewandelt. Diese kleinteiligen Umriss-Zeichnungen von beschaulichen Stadtansichten und Sehenswürdigkeiten könnten mit ein wenig Farbe zum Leben erweckt werden.

Zur Bildergalerie

Verrückt! Malbücher sind wie Yoga, ergo die neuen Stress-Killer, fördern Konzentration sowie Inspiration und schaffen eine Alternative zur reizüberfluteten, digitalen Welt. Mit diesen Vorzügen wirbt zumindest die Marketing-Maschinerie. Positive Effekte gibt es durchaus, denn mit den Büchern wird in Therapien die Feinmotorik trainiert. Schon als Kind hieß es immer nur: Bloß nicht über den Rand malen!

Überraschungserfolg und Massenphänomen

Ausgelöst wurde der Hype übrigens durch die beliebte Künstlerin und Malbuch-Pionierin Johanna Basford (33). Ihr Debüt „Der geheime Garten“ (1,5 Millionen Mal verkauft) machte die begnadete schottische Illustratorin 2013 zum weltbekannten Star der Literaturszene. Entstanden war ein anspruchsvolles Werk mit denkbar einfacher Formel mit wenig Text, dafür umso opulenteren Grafiken mit feinen Konturen und wiederkehrenden Natur-Mustern – zu komplex für Kinderhände.

Jetzt wird’s farbenfroh

Jetzt wird’s farbenfroh: Warum nicht mal zum Bunstift greifen, sich Zeit nehmen und diese Stadtansicht von Borna zu Ende kolorieren?!

Quelle: Jens Paul Taubert

Anfangs, so verriet Basford in einem Interview, hatte sie Panik, dass sich das Buch nicht verkaufen würde. Tatsächlich aber schien sie auf eine Marktlücke gestoßen. Begeisterte jene – ob Frau, Mann oder Manager –, die eine originelle Solo-Beschäftigung zum Zeitvertreib suchten, für die es nicht viel Begabung braucht, ähnlich wie beim Malen-nach-Zahlen. Der Erfolg spricht für sich: Von ihren drei bislang erschienenen Malbüchern verkaufte sie 15 Millionen Exemplare, allesamt Bestseller.

Logo, dass es nicht lange dauerte, bis die Malbuch-Flut das europäische Festland erreichte. 2014 waren in Deutschland nur elf Erwachsenen-Malhefte, ein Jahr darauf bereits 80, voriges Jahr 321 Neuerscheinungen im Verzeichnis Lieferbarer Bücher gelistet. Und parallel zur Ausmal-Manie schickten zahllose Internetnutzer ihre abfotografierten Kunstwerke über Instagram in die Welt.

Schwarz auf weiß

Schwarz auf weiß: Der Altenburger Marktplatz samt Rathaus und Brüderkirche träumt von bunten Aussichten.

Quelle: Mario Jahn

Der Passage Verlag bietet etwa mit dem Büchlein „Male deine Stadt – Leipzig“ mehrere Motive aus der Messestadt – wie Völkerschlacht, Wave-Gotik-Treffen und Zoo-Szenen – zum Ausmalen. Allein in den Münchener Verlagen riva und mvg wurden seit 2014 über 30 verschiedene Malbücher veröffentlicht, darunter Trost- und Wutmalbücher für den Gute-Laune-Kick und zum Frustabbau und daneben noch Erotik-Malbücher, die knisterndes Papier-Vergnügen bescheren sollen.

Zudem sind bei den beiden Verlagen 58 Ausmalhefte mit regionalem Charakter erschienen, speziell auf Städte zugeschnitten, darunter auch einige aus Mitteldeutschland. Bei „Mein Zwickau“, „Mein Bernburg“ oder „Mein Freital“ lassen sich in schlaflosen Nächten eine Vielzahl heimatlicher Motive kunterbunt ausgestalten. Am Ende eint alle Publikationen ein Zweck: „Sie können uns in unserer schnelllebigen Welt ein paar ruhige Momente bescheren, in denen man sich zurückzieht und vielleicht sogar in eine andere Welt eintaucht“, meint Sina Arndt, Sprecherin der Münchner Verlagsgruppe.

Nebenbei-Zeichnungen schon immer beliebt

Mit dem Mal-Boom schnellte auch die Nachfrage nach Ausmalutensilien durch die Decke. Faber-Castell, Deutschlands größter Produzent von Kreativzubehör, verzeichnete im Geschäftsjahr 2015/16 den höchsten Umsatz seiner Unternehmensgeschichte. Konkurrent Staedtler stemmte sich ebenso gegen den Digital-Trend, steigerte seinen Umsatz um 14 Prozent. Auch bei Schwan-Stabilo brummt mit einem deutlichen Umsatzplus von 18 Prozent das Geschäft – dank des „weltweiten Ausmaltrends bei Erwachsenen“, so Konzerngeschäftsführer Jörg Karas.

Diese kleinteilige Umriss-Zeichnung einer Luftansicht von Döbeln bietet der Fantasie und Kreativität viele Möglichkeiten zum Gestalten

Diese kleinteilige Umriss-Zeichnung einer Luftansicht von Döbeln bietet der Fantasie und Kreativität viele Möglichkeiten zum Gestalten.

Quelle: Wolfgang Sens

Wen wundert’s? In jedem von uns steckt doch ein Künstler – aber wehe, er will raus. Zwei Drittel der Deutschen kritzeln bei einem Anflug von Langeweile gerne beim Telefonieren oder öden Vorträgen nebenbei kleine Zeichnungen. Egal, ob das nun einfache Strichmännchen, ausschraffierte Karo-Kästchen oder mit dem Zirkel selbstentworfene Mandalas sind. „Diese Form der Nebenbei-Beschäftigung gab es schon immer“, meint auch Marlies Uhde von der Buchhandlung „Bücherwurm“ in Grimma.

„Das Thema Malbücher hat uns das ganze vergangene Jahr über begleitet“, sagt sie. Heiß begehrt waren in ihrem Laden vor allem Malhefte mit anspruchsvollen impressionistischen Gemälden. „Allerdings“, so sagt sie, „klingt die Nachfrage nun langsam ab.“ So ist das eben mit diesen Mode-Erscheinungen. Nichts währt ewig. Nicht einmal der Ausmal-Trend.

Mal, mei Sachsen, mal

Grafikerin Karina-Marie Hinz bei ihrer Arbeit.

Grafikerin Karina-Marie Hinz bei ihrer Arbeit.

Quelle: Andreas Döring

Na, gugge an! Malbücher vielfältigster Couleur – mit Tieren, Mandalas und Schimpfworten – gibt es bereits. Im Oktober 2016 erschien zudem eines, das typisch sächsische Ausdrucksweisen wie Kladderraddatsch (Sammelsurium), Deesbaddl (Tollpatsch) und Bliemchengaffee (dünner Kaffee) bebildert. Auch klassische Ost-Ikonen wie ein verzierter Trabi und ein Schwibbogen sind Teil der Bilderwelten. „Schon lange wollte ich ein Malbuch gestalten, das mir persönlich gefällt, unabhängig von der Trendbewegung“, sagt Karina-Marie Hinz.

Als Grafikerin entwirft sie mit ihrer Online- und Printagentur „Seefeuer Leipzig“ normalerweise Zeichnungen und Logos für T-Shirts, Webseiten und Werbeplakate. Mit einem ihrer Kunden, der Handelsagentur ivenia trading, hat sie nun ein Malbuch herausgebracht und illustriert, das Begriffe aus dem sächsischen Sprachraum – vom Erzgebirge übers Vogtland bis zur Lausitz – vereint.

Die Entwürfe für die Ausmalbilder skizzierte sie zunächst mit Bleistift. Um beispielsweise dann den Schriftzug „Kladderadatsch“ auszugestalten, fotografierte sie das floral-gemusterte Porzellan ihrer Oma ab und nutzte es als Füllmuster oder griff auf ihr Bildarchiv zurück. Die Konturen bearbeitete sie mittels einer Software und feinem Pinselstrich an ihrem Tablett-PC digital nach. Gewusst wie!

Wichtig war es ihr, mit Details sparsam umzugehen, um der Fantasie des Ausmalenden ausreichend Freiraum zu lassen. Und warum malen gerade Erwachsene sich ihre Welt bunt? „Durch das langsame Ausmalen der Motive kann der Gestresste für Minuten oder Stunden in eine andere Welt eintauchen, ohne den Drang zur Perfektion“, meint Hinz. „Der eine sieht eben fern, um zu entspannen, der andere malt.“

Typisch sächsisch, 54 Seiten, Verlag: crownstudio.de

Von Benjamin Winkler

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