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Borna Katzen-Alarm im Tierheim
Region Borna Katzen-Alarm im Tierheim
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05:12 10.10.2018
Tierheim Oelzschau: Elvira Henkel,Vorsitzende im Tierschutzverein Leipziger Land, in einem der Katzenzimmer. Quelle: Claudia Carell
Oelzschau

Elke Burat bringt die erste Katze des Tages morgens halb zehn. „Wir haben sie gestern Abend gefunden“, sagt die Tierliebhaberin. „Ich schätze, sie ist drei bis vier Monate alt, leider können wir sie nicht auch noch behalten.“ Die Frau kennt sich mit Katzen gut aus. Schon einige Male haben sie und ihre Familie Fundkatzen liebevoll wieder aufgepäppelt, wie sie erzählt.

Ihre erwachsene Enkelin Desirée hat sie ins Tierheim nach Oelzschau begleitet. „Wir mögen Tiere sehr und haben schon rumgefragt, aber es hat sich niemand gefunden, der sie aufziehen kann“, erzählt die junge Frau. Sie selbst kann sie nicht nehmen, weil sie in der Stadt in einer Neubauwohnung wohnt und den ganzen Tag arbeiten muss, „da geht es leider nicht“.

Tierheim-Leiter Oliver Fasse kümmert sich. Vorsichtshalber zieht er Handschuhe an, als er die Katze aus dem tragbaren Käfig nimmt. Doch die kleine Schwarz-Weiße kratzt und beißt nicht, sie maunzt ein bisschen ängstlich. Der Heimchef sucht sie nach Flöhen und Zecken ab, dann kommt sie in die Quarantäne, wird später vom Tierarzt untersucht, entwurmt und geimpft – und kann vermittelt werden.

Tierschützerin fordert Kastrationspflicht

Alltag eines Tierheimes. Nur gerade eben sind es sehr viele Katzen. Eigentlich ist Platz für zwanzig Tiere, derzeit sind es oft um die vierzig. „Es sind einfach zu viele“, meint Elvira Henkel, Vorsitzende des Tierschutzvereins Leipziger Land. Seit 18 Jahren engagiert sie sich in diesem Heim. „Ich verstehe das nicht. Das Problem ist seit Jahren bekannt, Kastration wird inzwischen überall groß geschrieben und trotzdem werden es immer mehr Katzen!“

Stichwort Kastrationspflicht

– Um das Problem der immer weiter anwachsenden Katzenpopulationen einzudämmen, schlägt der Deutsche Tierschutzbund eine möglichst flächendeckende Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für Katzen vor. Immer mehr Kommunen reagieren: Derzeit soll es in rund 670 Städten und Gemeinden solche Verordnungen nach § 13b Tierschutzgesetz geben. Viele Bundesländer sind schon dabei – Sachsen noch nicht.

– Auch die Tierschutzorganisation Peta schlägt Alarm: Schätzungsweise zwei Millionen Katzen würden durch Deutschlands Parks, Parkhäuser, Hinterhöfe und Gartenanlagen streifen – doch die domestizierten Tiere seien nicht für ein Leben in der Natur gerüstet, ohne menschliche Fürsorge sterben sie frühzeitig und oft qualvoll. Jedes Jahr landen etwa 300.000 Tiere in deutschen Tierheimen. Halter müssten in die Verantwortung genommen werden. – Eine unkastrierte Katze und ihre Nachkommen können rein rechnerisch in nur sieben Jahren bis zu 370.000 Nachkommen zeugen, so Peta weiter. Auf all diese Katzenkinder warte ein entbehrungsreiches und leidvolles Leben.

– Die Deutschen halten laut dem Statistik-Portal statista rund 34 Millionen Haustiere. Im europäischen Vergleich bedeutet das Platz zwei hinter Russland – mit einer ungleich höheren Bevölkerung. Insbesondere Katzen erfreuen sich nach diesen Zahlen steigender Beliebtheit.

– Alarm schlägt auch der Naturschutzbund, was den Vogelschutz betrifft: Bis zu 200 Millionen Vögel sollen jedes Jahr in Deutschland Katzen zum Opfer fallen.

– Unter Kastration versteht man die operative Entfernung der Keimdrüsen. Bei Katern werden die Hoden entfernt, bei Katzen die Eierstöcke. Diese Tiere werden bereits mit wenigen Lebensmonaten fortpflanzungsfähig. Der beste Zeitpunkt für die Kastration sollte mit einem Tierarzt besprochen werden. Die Kosten werden für Kater mit reichlich 50 Euro und für Katzen mit knapp 100 Euro angegeben. Grund des Unterschieds: Die Kastration bei Katzenweibchen ist komplizierter ist als bei Katern.

Allein das Heim in Oelzschau kastriert im Jahr mehr als hundert Katzen. Die Tierschützerin hält das für unbedingt notwendig. Zu häufig würden Katzen krank und unter Qualen irgendwo verenden. Einige Regionen in Deutschland führten bereits die Kastrationspflicht ein, „das sollte überall gelten“, so Henkel. Und dies müsse ihrer Meinung nach einhergehen mit registrierten Mikro-Chips für die Tiere. Nur so könne man der Katzen-Flut Herr werden.

Personal an der Belastungsgrenze

Denn offensichtlich sei die schwierige Lage doch noch nicht hinreichend bekannt. Zum Beispiel würden Besitzer von Katern mitunter meinen, ihre Tiere bringen ja keine kleinen Katzen mit nach Hause. „Aber der Kater deckt zwanzig Katzen“, hält Elvira Henkel dann dagegen.

Das Heim stoße an Kapazitätsgrenzen. Nicht nur was den Platz betrifft. Die Tiere brauchen Futter, die Arztkosten sind hoch. Und es sei eine große Belastung für das Personal. Vier Tierpfleger, ein Heimleiter, ein Hausmeister und zwei junge Leute vom Freiwilligen Ökologischen Jahr arbeiten in dem Heim, wo neben den mehr als vierzig Katzen noch 43 Hunde und zwei Hasen leben.

200 Katzenkinder mit der Flasche aufgezogen

Problematisch wird es bei Baby-Katzen, die abgegeben werden. „Wenn sie jünger als vier, fünf Wochen sind, müssen wir sie mit der Flasche aufziehen“, sagt Elvira Henkel. Sie hat schon mehr als 200 Katzenkinder auf diese Weise gefüttert. Bis heute nimmt sie die Kleinen mit nach Hause, „das ist im Tierheim gar nicht zu schaffen“. Die Babys brauchen alle zwei, drei Stunden Milch. Kleine Katzen könne man auch nicht so einfach in eines der vier Katzenzimmer des Heims geben, „sie sind dauernd krank und stecken die anderen an“.

Chemie zwischen Tier und Mensch muss stimmen

Glücklicherweise werden fast alle Tiere vermittelt. Auf das Alter komme es dabei nicht an, ältere Leute würden gern ältere Katzen nehmen, die nicht mehr so wild sind. „In der Regel ist eine Katze bei uns drei bis vier Wochen und findet dann ein neues Zuhause“, so Elvira Henkel.

Es gibt nur wenige Ausnahmen. Mia war eine davon. Die Besitzer brachten das Tier verzweifelt ins Heim und sagten, dass sie damit nicht mehr klar kommen. Mia würde sie regelrecht anfallen. Im Heim war die Katze das liebste Tier, die Pfleger wunderten sich. Dreimal wurde Mia vermittelt – und kam jedes Mal wieder zurück. „Wir waren ratlos“, erinnert sich die Tierschützerin. Schließlich fand sich doch noch eine Familie, wo Mia seither lebt. Die Chemie zwischen Tier und Mensch müsse eben stimmen. Bei Mia hat’s länger gedauert.

Von Claudia Carell

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