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Klavierlehrer Joachim Rose unterrichtet jugendliche Straftäter im Regiser Jugendknast

Jugendgefängnis Klavierlehrer Joachim Rose unterrichtet jugendliche Straftäter im Regiser Jugendknast

Seit rund fünf Jahren unterrichtet Joachim Rose Häftlinge im Jugendgefängnis in Regis-Breitingen am Klavier. Der einstige Schulleiter und Musiklehrer möchte ab September etwas kürzer treten, aber seine Schützlinge danken ihm die Abwechslung vom Knastalltag.

Klavierunterricht im Regiser Jugendgefängnis. Joachim Rose mit seinem Schüler David H. (v.r.)

Quelle: André Neumann

Regis-Breitingen. Zweimal die Woche fährt Joachim Rose mit seinem Motorrad an der Justizvollzugsanstalt (JSA) in Regis-Breitingen vor. Er passiert die Schleuse, schnappt sich ein paar Schlüssel und holt ein paar Häftlinge in ihren Zellen ab. Die warten meistens schon auf ihn, freuen sich auf eine Stunde Abwechslung im Haftalltag: Joachim Rose bringt ihnen das Klavierspielen bei. Demnächst möchte der 70-Jährige etwas kürzer treten, wollte eigentlich schon Ende September aufhören, macht aber nun doch noch weiter. Zur Freude der Jungs.

Vor fünf Jahren war der umtriebige einstige Musiklehrer und Regiser Schulleiter, der leidenschaftliche und studierte Pianist und mehrfache Chorleiter von einer Mitarbeiterin der Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation angerufen worden. Für ein Musikprojekt im Regiser Gefängnis suchte die in München ansässige Stiftung einen einheimischen, gut ausgebildeten Pianisten. Joachim Rose, der in Regis-Breitingen zu Hause ist, war sozusagen der Volltreffer. Er sagte zu.

Mittlerweile gehört er in der JSA gewissermaßen zum Personal. Man kennt ihn, er kennt sich aus und vor allem seine Jungs. Weiß, wie die ticken und kann damit umgehen, wenn statt der üblichen fünf Schüler am Nachmittag des Gruppenunterrichts mal nur zwei mitmachen. Weil einer gerade eine Drogentherapie angetreten hat, ein anderer für den offenen Vollzug in ein anderes Gefängnis verlegt wurde oder jemand gerade zur Zeit der Klavierstunde einen die Haft betreffenden Termin hat.

An diesem Tag im Sommer sind es nur Philipp S. (26) und David H. (20), die sich mit Joachim Rose im Kultursaal an das Klavier setzen. Das steht normalerweise in einem der Gefängnisblöcke, jetzt, wenige Tage nach einem Konzert, aber noch im Saal. Alle paar Monate bei Konzerten und beispielsweise bei der jährlichen Zeugnisausgabe spielen Roses Schüler hier vor Publikum.

Natürlich könne er keine Meister aus ihnen machen. Das ist in den maximal anderthalb Jahren, die ein Häftling im Durchschnitt bei ihm üben kann, überhaupt nicht möglich. Aber er kann Begeisterung wecken und Grundlagen legen. Greifen die Jungs anfänglich nach dem Klavierunterricht wie nach jedem Strohhalm, der Abwechslung verspricht, so sind die meisten Feuer und Flamme, wenn Joachim Rose ihnen erst ein paar Lieder vorgespielt hat. Auch Philipp S. und David H. wollten am liebsten gleich losspielen, wollten ganz schnell das Instrument beherrschen. Doch da muss Rose passen. Während er aus dem Effeff den Klassiker „Lady Madonna“ von den Beatles in die Tasten haut, erzählt er von fünfeinhalb Jahren Studium und 45 000 Stunden am Klavier.

Seine Schüler lassen sich davon nicht entmutigen. Packen ihre Notenblätter aus und schlagen die Tasten an. „Freude schöner Götterfunken“ klingt bei Philipp S. noch etwas holprig, lässt aber für einen Moment vergessen, wo sich die kleine Gruppe befindet. Wenn sein Lehrer aufhört, möchte er schon längst entlassen und wieder zu Hause in Bayern sein. „Ich hoffe, dass dann ein geeigneter Nachfolger weitermacht“, sagt er. David erzählt, er habe zwar schon mal versucht, ein Instrument zu spielen, es aber nie geschafft. Und sagt: „Herr Rose ist der erste, der das mit den Noten bei mir geschafft hat.“ Er sitzt erst seit fünf Monaten in Regis ein und ist seit einigen Wochen in der Klavier-Gruppe. „Ich muss noch kräftig üben. Wenn Herr Rose dann weg ist...“, grübelt er laut und sagt zum Lehrer: „Ich werde Sie auf jeden Fall besuchen.“

Wäre nicht das erste Mal, dass Joachim Rose sich auch außerhalb des Gefängnisses um seine Schützlinge kümmert, die Vertrauen zu ihm gefasst haben. Einen nahm er zwischen Entlassung und Therapiebeginn bei sich auf, einem anderen half er, als der nach der Entlassung vor der Tür stand und nicht wusste, wie er nach Hause kommen soll, weil die Bahn gerade streikte. Einem anderen besorgte er für wenig Geld ein Klavier. „Ich hoffe, dass er noch spielt. Rauschgift war bei dem die größte Gefahr“, sagt Rose. Wenn die Musik für seine Häftlinge zur neuen und einzigen Droge geworden ist, hätte der Regiser viel, sehr viel erreicht.

Von André Neumann

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