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Borna Klimacamper leben autark in Pödelwitz
Region Borna Klimacamper leben autark in Pödelwitz
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20:33 29.07.2018
Das Blasorchester Tuba Libre aus Weimar hat am Sonntag ordentlich Stimmung beim Dorffest gemacht und ist dann mit Gesang in Richtung Klimacamp gezogen. Quelle: Kathrin Haase
Groitzsch/Pödelwitz

Das erste Klimacamp im Leipziger Land startete am Sonnabend nach der Demonstration in Leipzig mit einer kalten Dusche. Nach der Hitze und Trockenheit der letzten Wochen wirkte der Regenschauer fast wie eine Befreiung. Menschen und Tiere leiden derzeit unter der Glut, Flüsse und Seen trocknen aus. Die Ernte auf den Feldern verdorrt teilweise, Feuer sorgen für weitere Verluste. Für die Organisatoren des Camps sind das deutliche Signale für die brennenden Themen Klimawandel, Energiewende und Nachhaltigkeit.

Das Klimacamp in Pödelwitz hat am Wochenende begonnen. Am Sonnabend ist vor allem aufgebaut worden, am Sonntag gab es ein Dorffest.

Im Schneckentempo nahm die Veranstaltung am Sonnabend Fahrt auf. Gerade mal 30, 40 Leute verloren sich auf dem weiträumigen Gelände zwischen Zeltlager und Parkplatz, die Kühltürme des Lippendorfer Kraftwerkes immer in Sichtweite. Erwartet werden bis zu 1000 Klimaaktivisten, die neun Tage friedlich für den Kohleausstieg demonstrieren wollen. Sie benutzen Kompostiertoiletten, kochen vegan und vermeiden Müll. Erst nach und nach trudelten weitere Gruppen mit dem Fahrrad ein und erkundigten sich nach Schlafmöglichkeiten und Duschen. „Heute dreht sich alles um den Aufbau, da ist nicht viel los“, sagte Josephine Lauterbach, verantwortlich für die Pressearbeit im Camp.

Solarmodule liefern den Strom

Das schwülwarme Wetter machte Jan nicht viel aus. Der 32-Jährige war extra aus dem Rheinland angereist und baute in aller Seelenruhe fast 90 Solarmodule auf. Die kleinen Sonnenzellen bringen zusammen 10 Kilowatt-Peak Leistung und sollen das gesamte Camp mit Strom versorgen, berichtete er und schaute etwas sorgenvoll in den wolkenverhangenen Himmel. „Ich hoffe, dass ein halber Tag Sonne für das Konzert heute Abend reicht.“ Der promovierte Physiker hat mit seinem Know-how schon einige Protestaktionen gegen die Braunkohle begleitet und freut sich nun auf neue Erfahrungen.

Dorffest mit vielen Attraktionen am Sonntag

Am Sonntag feierte Pödelwitz Dorffest. Zur Unterhaltung wurde einiges aufgefahren: Trampolin, Hüpfburg und Aktionsklettern für Kinder, Basketballturnier, Auftritt des Blasorchesters Tuba Libre aus Weimar, eine Leseecke sowie die Veranstaltungen der Degrowth Sommerschule.

Gregor aus dem österreichischen Graz hatte sich unterhalb der Kirche ein schattiges Plätzchen gesucht. Der 26-Jährige mag den Trubel nicht so. „Im Mai hatte ich schon ein Camp in Wien besucht und möchte mir jetzt anschauen, wie die Menschen hier leben. Der Klimawandel betrifft mich schließlich auch, man muss ja schauen, was aus seiner Zukunft wird.“ Angetan ist der gebürtige Mecklenburger von der „tollen Infrastruktur des Camps in Pödelwitz, in Wien war das nicht so“.

Nomadenzelt für Entspannung und Meditation

Auf dem Dorfplatz erledigten zwei Leipziger unterdessen letzte Handgriffe an einem mongolischen Nomadenzelt. Der Aufbau dauerte alleine acht Stunden. Die geräumige und gemütlich eingerichtete Kulturjurte diene als Oase zum Ruhe finden, Meditieren und für kleine Yogaübungen, sagte Josefine Nelles. „Wir laden alle herzlich zum Verweilen ein.“

Viele junge Leute nutzten den sonnigen Sonntag für einen Rundgang durchs Dorf. Die Fleischerei Landhan verkaufte Roster und Steaks, eine Gruppe aus Leipzig buk Pizza, Michael Schmidt und seine Freunde aus Halle versorgten die Gäste mit Kaffeespezialitäten.

Auch der gebürtige Langenhainer Bernd Schulze (68) und seine Lebensgefährtin Bärbel Grund sahen sich in der alten Heimat um. „Ich habe früher in der LPG Großstolpen gearbeitet und kenne hier noch alle Bauern“, berichtete der Rentner, der mittlerweile bei Lucka zu Hause ist. „Heute sind wir extra mit dem Fahrrad hergekommen, vielleicht treffen wir alte Bekannte wieder.“

Klimacamp war für Bürgerinitiative lang gehegter Wunsch

Für die Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) „Pro Pödelwitz“ ist mit dem Klimacamp ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. „Wenn wir vom Braunkohleausstieg reden, darf man nicht nur die Lausitz betrachten“, sagt BI-Sprecher Jens Hausner und sieht sich in seinem Kampf bestätigt: „Berlin plant den Kohleausstieg und Sachsen die Tagebauerweiterung über 2040 hinaus. Das ist nicht zeitgemäß und dafür geben wir unser Dorf nicht her.“

Die letzten 27 von ehemals 130 Einwohnern wollen sich nicht zwangsvertreiben lassen. „Uns kriegt hier keiner weg“, betonte Hausner, der am Abend zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Christian von Hirschhausen, Bruder des bekannten Arztes und Kabarettisten Eckard von Hirschhausen, auf einer Podiumsdiskussion im Camp sprach.

Von Kathrin Haase

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