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Kormorane bescheren Fischern hohe Verluste: Teichwirte dürfen die Tiere beschießen

Zum Teil Totalverlust Kormorane bescheren Fischern hohe Verluste: Teichwirte dürfen die Tiere beschießen

Kormorane setzen den Fischern arg zu. Die Unternehmen beklagen hohe Verluste. Härteausfallzahlungen helfen nicht wirklich weiter. Fünf Teichwirte dürfen im Landkreis Leipzig diese Tiere an ihren Gewässern abschießen. Selbst Naturschützer sprechen von einer „massiven Konfliktart“.

Hat massive Probleme an seinen Teichen mit Kormoranen: Fischer Udo Wolf.
 

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain/Ossa.  Der große dunkle Vogel gleitet geruhsam durch den Himmel über dem Dammteich. Ein zweiter folgt. Beide landen in den Kronen der großen alten Bäume, die das idyllische Gewässer am Dorfrand von Ossa bei Geithain einfassen. Dass Fischer Udo Wolf, der den Teich bewirtschaftet, in der Teichmitte eine knallgelbe Vogelscheuche platziert hat, lässt sie offenbar kalt. Ganz anders ist Wolf zumute. Für ihn geht die Präsenz der Kormorane an die Substanz. Denn es sind nicht nur diese beiden, die den Dammteich als profunde Speisekammer entdeckt haben.

„Einen Fisch frisst er, drei zerhackt er“, beschreibt Udo Wolf, dessen Unternehmen seinen Sitz im Bad Lausicker Ortsteil Beucha hat, die Mentalität des Kormorans. Im vergangenen Jahr habe er in Ossa zwei Drittel der Fische verloren: „Und da kamen die Kormorane erst im August.“ 2017 habe sich die Lage weiter zugespitzt. Dabei habe er die Satzfisch-Produktion, Grundlage für die Bewirtschaftung zum Beispiel des Naturschutzgebietes Eschefelder Teiche, wohlweislich vor ein paar Jahren dezentralisiert – ausgelagert in kleinere Teiche, die bis dato nicht im Fokus von Kormoran und Co. standen. Vier Tonnen Satzfische hält er im Dammteich, ebenso viele im Breiten Teich in Borna. „Die brauchen wir, um in Eschefeld 20 Tonnen Speisefisch machen zu können.“ Gelinge das nicht mehr, drohe das sanierte Naturschutzgebiet zu einem Areal ohne Fischbestand zu werden. Dabei war die Fischwirtschaft vor Jahrhunderten der Anstoß, diese Teiche überhaupt anzulegen. Das Refugium für Wasservögel entwickelte sich erst parallel zu dieser Bewirtschaftung.

Fischer Jürgen Etzold: „Für unsere Branche sieht es nicht gut aus. Es geht an die Substanz.“

Fischwirt Jürgen Etzold, Pächter eines Teichs im Hegeholz zwischen Narsdorf und Oberpickenhain bei Geithain, teilt Wolfs leidvolle Erfahrungen. 95 Prozent der Satzfische vom Frühjahr, die er im Hegeteich heranziehen wollte, seien inzwischen ein Raub der Vögel geworden. Er rechnet mit einem Totalverlust.

„Trotz Vergrämung war es mir nicht möglich, die Kormorane vom Hegeteich zu vertreiben“, sagt Etzold. Der Deutzener Unternehmer, der unter anderem die Haselbacher Teiche, Gewässer in Windischleuba und die Speicher Borna und Witznitz unter Vertrag hat, muss befürchten, im Herbst vor einem leeren Teich zu stehen. 1,5 Tonnen Satzfische seien verloren. Nicht nur aufgrund des nicht zu zügelnden Kormoran-Appetits – Graureiher und Fischotter nehmen sich den Rest. Wie Wolf fühlt sich Etzold von Politik und Behörden allein gelassen. „Für unsere Branche sieht es nicht gut aus. Es geht wirklich an die Substanz. Wir haben Familie, Mitarbeiter, die vom Fisch leben müssen.“ Doch das gelinge immer schlechter.

Fischer Udo Wolf: „Wenn es ab und zu mal knallt, bitte ich um Verständnis“

Am Dammteich hat Udo Wolf jetzt die Erlaubnis zur Vergrämung beantragt. Heißt: Er will in unregelmäßigen Abständen Knallkörper zünden. „Wenn es ab und zu mal knallt, bitte ich um Verständnis“, sagt er an die Adresse der Kleingärtner und Wochenendsiedler in Teichnähe. Nächste Eskalationsstufe sei der gezielte Abschuss von Vögeln. Dass all dies die Probleme löst, glaubt Wolf nicht. Ganz abgesehen davon, dass ein Abschuss am mitten in der Stadt gelegenen Breiten Teich in Borna gar nicht machbar wäre. Dass Behörden ihm stattdessen ein Überspannen des Teiches mit einem Netz empfehlen, darüber kann er nicht mal lachen: „Ich will nicht sehen, was passiert, wenn sich der erste Storch darin verfängt.“

Nicht auszuschließen, dass der Dammteich in Ossa bald in Nachkriegsverhältnisse zurück fällt – indem er austrocknet. Nach 1945 legten Dorfbewohner auf dem Teichgrund Gemüsegärten an. „Wenn es nicht mehr geht, mache ich Grünland aus dem Teich“, sagt Wolf und versteht das nicht als Drohung, sondern als logische Konsequenz: „Über die Agrarförderung würde ich mehr verdienen als mit Fisch.“

Landkreissprecherin Brigitte Laux: „Fischereibetriebe müssen ihr Eigentum schützen, um wirtschaftlich arbeiten zu können“

Die Landkreis-Verwaltung kennt das Thema. „Dass Kormorane in Teichwirtschaften erhebliche Schäden an den Fischen verursachen, ist nicht neu. Die Fischereibetriebe müssen ihr Eigentum schützen, um wirtschaftlich arbeiten zu können“, sagt Brigitte Laux, Sprecherin des Landratsamtes. Eine Möglichkeit zur Entschädigung für die Fischverluste sieht die Sächsische Härtefallausgleichsverordnung vor, „diese ist in der Höhe jedoch begrenzt und deckt die tatsächlichen Verluste nicht ab“.

Gemäß Sächsischer Kormoranverordnung dürfen diese Tiere auch in Schutzgebieten vergrämt werden. Die Verordnung lege fest, dass Teichwirte sowie Inhaber und Pächter von Fischereirechten in einem Gebiet von 200 Metern um fischereiwirtschaftlich genutzte Gewässer Kormorane schießen dürfen. Während der Sommerzeit muss hierfür ein Antrag gestellt werden. Zur Zeit haben fünf Teichwirte im Landkreis eine Erlaubnis, so Laux. Es wäre zwar wünschenswert, dass zum Beispiel im geschützten Teichgebiet Eschefeld nicht geschossen wird, „aber das ist praktisch kaum umzusetzen, da andere Vergrämungsmittel kaum helfen“.

Naturschützer Martin Graichen: „Kormorane sind eine massive Konfliktart“

Auch Naturschützer Martin Graichen, Geschäftsführer der Ökologischen Station Borna-Birkenhain, sagt klipp und klar: „Kormorane sind eine massive Konfliktart.“ Es sei ein „richtiges Problem“, dass sie in Existenzen von Fischereibetrieben eingreifen. Der 30-Jährige, der Naturschutz- und Landschaftsplanung studiert hat, beschäftigte sich in seiner Masterarbeit mit der Europäischen Äsche. Nach seinen Forschungen sind 60 Prozent dieser Fischart durch den Kormoran vernichtet worden. Seine Ergebnisse hätten bei einigen Naturschützern damals für Verstimmung gesorgt. In der Tat sei die Sache nicht einfach, da der Kormoran nun mal eine geschützte Art ist und erst dadurch überhaupt wieder zahlreich in der Natur vertreten sei. Es sei für Naturschützer nicht einfach, solch eine Art wieder aus dem Schutz-Status zu geben – denn es sei ein „langer Kampf“, ein Tier auf diese Weise vorm Aussterben zu retten.

Kormoran

Schon lange werden Kormorane vom Menschen erbittert verfolgt. Sie sind Fischjäger und somit Nahrungskonkurrenten des Menschen. Ein Kormoran frisst täglich 400 bis 500 Gramm, so dass eine große Kormorankolonie Fischern erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten kann. Außerdem bringen sie ihre Nistbäume in wenigen Jahren durch ihren scharfen Kot zum Absterben und dort, wo sich Kormorane ansiedeln, entstehen schnell große Kolonien von manchmal mehr als tausend Paaren, so das natur-lexikon.com.

Zeitweilig seien Kormorane durch menschliche Verfolgung nicht nur in Deutschland vom Aussterben bedroht gewesen. Noch in den 1980er-Jahren stand es schlecht um sie. Seit Einstellung der intensiven Verfolgung haben sich die Bestände in Mitteleuropa erholt und es werden mittlerweile schon wieder Rufe nach Reduzierung dieser Art laut.

Dazu gibt es seit Jahren in Deutschland hitzige Debatten. Fischereiverbände, Fischer und Teichwirte drängen darauf, geltende Schutzbestimmungen für diese Art aufzuheben und die Tiere zum Abschuss freizugeben. Umweltverbände, Naturschützer und Ornithologen argumentieren dagegen, dass eine massenhafte Bejagung, wie sie die so genannten Kormoranverordnungen vieler Bundesländern vorsehen, langfristig der falsche Weg sei.

Kormorane sind Schwimmtaucher, die mit ihrem hakig gebogenen Schnabel Fische im Tauchen ergreifen. Sie sind auf fünf Kontinenten verbreitet, werden mit 90 Zentimetern etwa gänsegroß und haben eine Flügelspannweite von knapp anderthalb Meter. Sie nisten gewöhnlich in größeren Kolonien. Auch auf Jagd gehen sie oft gemeinsam.

Diese Tierart brütet einmal im Jahr. Etwa sieben Wochen beträgt die Nestlingszeit der Jungen. Deren Füße entwickeln sich rasch und die Kleinen können schon vorzeitig auf dem Horstbaum herumklettern. Mit zwei Monaten sind sie dann voll flugfähig und nach einem weiteren Monat selbstständig. Erst mit gut drei Jahren werden die Jungen geschlechtsreif. Der älteste Ringvogel wurde im Alter von 18 Jahren und 8 Monaten erlegt.

Von Ekkehard Schulreich und Claudia Carell

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