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Krasse Gegensätze

Krasse Gegensätze

Andere Kulturen kennen und die eigene besser schätzen lernen. Das haben die Lägels aus Ramsdorf gemacht. Die Familie half sechs Monate lang in Khao-Lak (bei Phuket) bedürftigen Menschen.

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Markus Lägel hält die fotografischen Erinnerungen an das Kinderheim in Thailand in den Händen. Die Familie will bald wieder dorthin reisen, um die Kontakte nicht abbrechen zu lassen. Fotos: Peter Krischunas

Quelle: Peter Krischunas

Ramsdorf. "Als wir zurückkamen, sahen wir unser Land mit anderen Augen", erzählt Markus Lägel (37), der mit seiner Frau Andrea (39) und den beiden Kindern in der alten Schule in Ramsdorf lebt. Auch dort haben beide schon viel Arbeit rein gesteckt. Vier Räume wurden bereits saniert.

Markus Lägel ist seit wenigen Wochen als Gemeindepädagoge im Altenburger Land unterwegs. Er ist Theologe, der den eigenen Worten nach bei Köln die Ausbildung zum Pastor absolvierte, aber das Amt nicht ausübt.

Er und seine Frau suchten 2009 nach einer neuen Aufgabe. Freunde gaben zu der Zeit in den Slums von Bangkok Unterricht für die Ärmsten. "Durch sie fanden wir den Einstieg, anderen Menschen helfen zu können", so der Familienvater. Allerdings waren ihre beiden Kinder Pepe (damals zwei Jahre alt) und Rosalie (4) mit in Asien dabei. "Deshalb blieben wir nur zwei Wochen in der gefährlichen Gegend."

Vier Monate verbrachte die Familie von 2009 bis 2010 in dem Kinderheim, von November bis Januar. Im Februar waren sie in Malaysia und im März in Indonesien, wo sie die Kultur bei den Batak kennenlernten.

Das Kinderheim mit Schule liegt im Süden Thailands an der Küste zwischen Phuket und Khao-Lak. Es wurde Anfang der 1980er-Jahre von einer Indianerin aus den Vereinigten Staaten als überkonfessionelle Einrichtung gegründet. In dem Heim arbeiteten die Lägels als Betreuer einer Wohngruppe. Sie bereiteten Speisen zu, lehrten die Kinder die englische Sprache und kümmerten sich um die Freizeitgestaltung. Andrea Lägel: "Sicher ist Thailand ein schönes Urlaubsland, aber vor allem für die Kinderheimkinder ist es eine tolle Erfahrung, wenn sie Menschen nicht nur kurz als Praktikanten, sondern über größere Lebensabschnitte erleben können." Um Kontakt mit dem Kinderheim und den Kindern zu halten, haben die Lägels vor, wieder einmal nach Thailand zu fliegen. "Vielleicht klappt es sogar Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres", hofft die Pädagogin, die aus Berlin stammt.

Der Aufenthalt in der Fremde war mit dem Leben daheim nicht zu vergleichen. "Wir Deutschen sind ja die 40-Stunden-Woche gewohnt. Diesen Luxus kennt in Thailand keiner", sagt Markus Lägel. Ein Tag, der Sonntag, in der Woche war frei. Und diesen einen Tag fuhr die Familie mit den Kindern zum Gottesdienst in den Nachbarort.

Trotz der Rund-um-die-Uhr-Betreuung lernten die Lägels die asiatische Entspanntheit zu schätzen. Während hierzulande alles genau geplant und abgesichert ist, geschieht in Thailand alles sehr spontan. "Mit der Zeit wurden auch wir gelassener", erzählt Lägel weiter. Als Christ überraschten ihn die krassen Gegensätze in dem Land. Thailand gilt als äußerst kinderfreundlich. Gleichzeitig gibt es sehr viele Waisen- und Kinderheime. Zum Beispiel verloren bei dem schrecklichen Tsunami viele Kinder ihre Eltern, erzählt Lägel weiter. Um die kümmere sich allerdings kein Mensch. "Die Thailänder sind sehr schicksalsgläubig. Wenn ein Kind allein auf der Straße lebt, denken sie, dass es früher etwas Schlechtes getan haben muss", so der Theologe. Andere Eltern geben ihre Kinder an Heime ab, weil sie zu arm sind. "In Deutschland sind die Rechte von Kindern eine Selbstverständlichkeit. Das lernt man nach solch einer Reise zu schätzen", sagt der Ramsdorfer.

Die Lägels engagieren sich auch hier zulande schon längere Zeit für soziale Projekte, so zum Beispiel in einer früheren Arbeitsgemeinschaft für soziales Training an der Mittelschule Regis-Breitingen. Auch in der Jugendstrafvollzugsanstalt in Regis-Breitingen waren sie 2008 und 2009 zirka sieben Mal. Unter anderem gaben sie eine Lesung für eine Vätergruppe.

Andrea Lägel arbeitet heute wieder als Schulsozialpädagogin in einer Mittelschule in Leipzig. Bevor sie und ihr Mann 2006 nach Ramsdorf kamen, lebten sie in Dresden in einer Wohngemeinschaft. Heute haben sie eine kleine Wohnung in der Alten Schule. Pächter ist der Verein 24-7-Prayer e.V., in dem die Lägels Mitglied sind. Besucher der Schule sind Jugendgruppen wie auch Kirchgemeinden, die hier gleich mal eine ganze Woche verbringen. "Wir möchten als Verein, dass sie das Gebet nicht nur als fromme Selbstübung ausführen. Sie sollen den Glauben auch nach außen tragen", sagt das Vereinsmitglied Lägel.

Markus Lägel wuchs im Nachbarort Lucka auf. Vater und Großvater stammen aus Ramsdorf. "Back to the roots", meint er. Das Besondere an der Schule ist, dass sein Vater (heute 60 Jahre alt) vor Jahrzehnten hier selbst Schüler war. "Es ist ein eigenartiges Gefühl, zu wissen, dass er in den Klassenräumen lernte, die wir heute sanieren", sagt der Sohn. Von insgesamt vier Klassenräumen wurden mittlerweile zwei auf Vordermann gebracht. Ein Raum misst zirka 120 Quadratmeter, die mit rund zweieinhalb Tausend Euro hergerichtet wurden. Nicht nur Türen und Fenster wurden erneuert. Auch eine große Küche und die Elektrik wurden mit viel Eigenleistung und Hilfen anderer eingebaut.

Das Vertrauen der Stadt Regis-Breitingen als Verpächter und der Gemeinde Ramsdorf ist Lägel sehr wichtig. Von außen ist dem Gebäude kaum anzusehen, dass sich im Inneren etwas tut. Nur die neuen, weißen Fenster zeugen von den Aktivitäten. "Es ist wahrscheinlich eine Aufgabe fürs Leben", sagt der Theologe mit nachdenklicher Miene.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.03.2013

Krischunas, Peter

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