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Borna "Kreissitz-Verlust hat am Selbstbewusstsein genagt"
Region Borna "Kreissitz-Verlust hat am Selbstbewusstsein genagt"
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13:54 19.05.2015

Dennoch war der Beschluss des sächsischen Landtages eindeutig. Mit dem 1. August wurde der Kreissitz des neugeschaffenen Landkreises Leipziger Land in die Stadt Leipzig verlegt. Einer, der diese Zeit unmittelbar miterlebt hat, ist der frühere Bornaer Oberbürgermeister Bernhard Schubert.

An sich schien der Status der Stadt als Kreissitz nicht in Gefahr, als die Kreise Borna und Geithain in den Jahren 1993/94 schrittweise zusammengingen. Schließlich wuchs damit ohnehin nur zusammen, was bis zum Jahr 1952 zusammengehört hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt, als die DDR-Regierung die Länder abschaffte und stattdessen 14 Bezirke sowie sehr viel kleinere Kreise entstanden, war die Gegend rund um Geithain von Borna aus verwaltet worden. Es war dann ein Schlag, als bekannt wurde, dass sich speziell der damalige CDU-Landtagsfraktionschef Herbert Goliasch dafür stark machte, den Sitz des neuen Kreises, zu dem auch große Teile des so genannten Kragenkreises rund um Leipzig gehörten, nach Leipzig zu verlegen, sagt Schubert. Der damalige Bornaer Bürgermeister Lutz-Egmont Werner (damals CDU) und der Bornaer Landrat Karlheinz Bauer (CDU) entschlossen sich zu einer Klage gegen diese Absicht und statteten sich auch mit einem entsprechenden juristischen Gutachten und dem Votum der Bornaer Stadtverordneten, wie der Stadtrat seinerzeit hieß, aus. Kernpunkt dabei, so Schubert, der damals als Beigeordneter zweiter Mann im Rathaus war: "Es wurde nur gegen den Verlust des Kreissitzes vorgegangen, nicht aber gegen den Zuschnitt des neuen Kreises insgesamt."

Am Ende scheiterten sowohl die Klage vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig als auch die Abstimmung im Dresdner Landtag. Lediglich die damalige CDU-Landtagsabgeordnete Sigrun Einsle hielt zu Borna und stimmte gegen die Mehrheit ihrer Fraktion. Was folgte, war ein Verlust für die Stadt, die ohnehin durch das Ende des Bergbaus stark gebeutelt war.

"Das hat schon am Selbstbewusstsein der Bornaer genagt", sagt Schubert, der im Jahr 1994 zum Stadtoberhaupt gewählt wurde. Der Verlust des Kreissitzes habe die Leute eine Weile beschäftigt. Schließlich ging die Bedeutung der Stadt dadurch zurück.Und der Abzug der Kreisverwaltung an den Leipziger Tröndlinring führte ganz praktisch dazu, dass eine Reihe von Leuten, potenzielle Kunden, weg waren. Daran änderten auch Trostpflaster nichts, die die Staatsregierung an Borna wie an andere Verlierer-Kommunen wie Wurzen oder Eilenburg verteilte. Die Kreisverwaltung beließ Außenstellen in Borna, und die Stadt wurde zur Großen Kreisstadt, was bedeutete, dass sie ein eigenes Bauordnungsamt bekam und bestimmte Aufgaben in Sachen Ordnung und Verkehrskontrolle übernahm. "Da gab es bei uns dann fünf, sechs Stellen mehr", erinnert sich Schubert. Auch für ihn selbst änderte der neue Status der Stadt etwas. War er als Bürgermeister ins Rathaus eingezogen, "wurde ich dann Oberbürgermeister". Einen Monat nach seiner Amtsübernahme.

Dass sich die Verhältnisse wieder umkehren sollten, erfuhr Schubert dann eher beiläufig vom damaligen sächsischen Innenminister Klaus Hardraht (CDU). Es war bei einem Kamingespräch am Abend einer Beratung von Bürgermeistern mit dem Innenminister, auf der die Bürgermeister ehemaliger Kreisstädte der Reihe nach darum kämpften, dass sie für ihre gebeutelten Kommunen einen gewissen Ausgleich, etwa in Form einer neuen Behörde, bekamen. Schubert kam nicht dazu, Bornaer Wünsche anzumelden. Hardraht habe gesagt, "Ihnen brauche ich ja keine Geschenke zu machen", weil Borna ja wieder Kreissitz werden würde. Schubert: "Da war ich baff." Inwieweit die Bemühungen von Schuberts SPD-Parteifreunden in der Dresdner Landtagsfraktion mit dazu beitrugen, weiß er allerdings nicht.

Immerhin war Borna seit 1999 wieder offiziell Kreissitz des damaligen Landkreises Leipziger Land. Was nichts daran änderte, dass sich der damalige Landrat Werner Dieck (CDU) unter verschiedenen Vorwänden weigerte, seinen ersten Amtssitz von der Leipziger Innenstadt nach Borna zu verlegen. Schubert: "Der hat das ausgesessen." Immerhin, räumt er ein, dass es damals ein gewaltiges Problem mit der Unterbringung der gesamten Kreisverwaltung gab. Auf diese Weise kamen die leerstehenden Russenkasernen in der Stauffenbergstraße ins Blickfeld, die später zum heutigen Landratsamt ausgebaut wurden.

Es war die neue Landrätin Petra Köpping (SPD), die nach ihrer Wahl 2001 keinen Tag zögerte und demonstrativ in die Räume in der Deutzener Straße zog, um dort ihren ersten Sitz als Bornaer Landrätin nahm. "Sie hat sich immer für Borna als Kreissitz ausgesprochen", lobt Schubert. Was die heutige SPD-Landtagsabgeordnete besonders vehement tat, als in den Jahren 2007/2008 im Zuge der neuerlichen Kreisreform die aggressiven Ambitionen der Stadt Grimma auf den künftigen Kreissitz abgewehrt werden mussten.

Das gelang, und seither sitzt die Kreisverwaltung des neuen Großkreises in Borna. Bleibt die Frage, ob Borna genügend aus dem Kreissitz macht. "Naja", sagt der alte Fahrensmann Schubert, "Herr Berger in Grimma klingelt jedenfalls mehr." Sowohl der Stadtrat als auch die Stadtverwaltung könnten diesbezüglich aktiver werden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.07.2014
Nikos Natsidis

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