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Borna LVZ-Radwege-Test: Bergbaugeschichte am Störmthaler
Region Borna LVZ-Radwege-Test: Bergbaugeschichte am Störmthaler
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09:01 16.05.2018
Radtour um den Störmthaler See. Im Hintergrund die Deponie Cröbern. Quelle: Andreas Döring
Störmthal

Sonnenschein, 25 Grad, nur leicht windig – feines Fahrradwetter. Start am Kanupark Markkleeberg. Wer mit dem Auto seine Räder transportieren will, kann den Parkplatz nutzen. Kostet allerdings was. Bis fünf Stunden drei Euro, Tagesticket fünf Euro. Eben hält ein Linienbus an der Haltestelle. Nimmt er auch Fahrräder mit? „Ein bis zwei Räder sind gar kein Problem“, sagt der Busfahrer. Plus zwei kleine Kinderräder würden gerade noch so passen. „Kommt immer drauf an, wie viele Leute mitfahren.“

Vorbei an der Schleuse geht es bergan. Es sind viele Rennradler unterwegs. Rita und Rainer Wagner lassen sich dagegen Zeit. Die beiden Frohburger Rentner legen mit ihren E-Bikes ein Päuschen ein und genießen den Blick auf den See. „Wir fahren heute zum ersten Mal um den Störmthaler und finden’s herrlich“, sagt die 70-Jährige.

Die LVZ testet verschiedene Radtouren im Leipziger Südraum. Heute: Bergbaugeschichte lässt sich am Störmthaler hautnah erleben.

Bergbautechnikpark ist sehenswert

In ihrem Alter sei Bewegung das A&O. Die Klapp-E-Bikes lassen sich gut mit dem Auto transportieren, so dass sie ihre Touren abwechslungsreich gestalten können. Am Markkleeberger See waren sie schon mehrmals. „Für unsere Radtouren wählen wir immer Werktage, an den Wochenenden ist es uns an den Seen zu voll“, sagt die Frohburgerin. Was ihr am Störmthaler bisher aufgefallen ist: „Ein paar Bänke am Wegesrand wären schön.“ Den nahen Bergbautechnikpark kennt das Paar bereits: „Sehr sehenswert“, heißt die Empfehlung.

Nur fünf Minuten später sind wir dort. „Schade, heute ist zu“, bedauert ein Radler, der mit Freunden eben am Eingang stoppt. Der riesige Absetzer und ein Bagger machen neugierig. Wie Kohlebergbau funktioniert, soll man hier erleben.

Bergbautechnikpark

Erreichbarkeit – für Fahrradfahrer: gleich hinter dem Kanupark Markkleeberg und der Schleuse. Für Autofahrer: Am Westufer 2, 04463 Großpösna. Es ist aber möglich, dass noch nicht alle Navigationssysteme diese Adresse kennen. Möglicherweise erkennen sie die Adresse der Zentraldeponie Am Westufer 3, 04463 Großpösna.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag und Feiertage 10-17 Uhr; Turnusführungen samstags sowie sonn- und feiertags, jeweils um 11 und 14 Uhr, Angemeldete Gruppenführungen möglich. Auch speziell für Kinder gibt es Angebote. Am 1. Juni soll der Abenteuerspielplatz Tertiär eröffnet werden.

Preise: 7 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis fünf Jahre frei; Familienkarte 16 Euro (2 Erwachsene und bis max. 5 Kinder). Kontakt: Telefon 034297 / 140127, Email info@bergbau-technik-park.de

Auf dem Rad wird es nun ein wenig beschwerlich. Neun Prozent Steigung plus Gegenwind gehen in die Waden. Der Weg ist generell mitunter hügelig. Doch bald folgt eine der schönsten Strecken. Direkt am Seeufer entlang, Möwen kreisen über dem Wasser, Urlaubsfeeling kommt auf.

Alte Heimat ist heute ein See

Dann überqueren wir eine Bahnlinie und fahren parallel an ihr entlang, nichts vom See zu sehen, ziemlich langweilig. Bald haben wir den langgestreckten Zipfel des Gewässers umrundet. Bergab und mit Wind im Rücken führt der Weg wieder direkt am Ufer entlang bis zu einem schönen Sandstrand.

Dort sitzt Alfred Lange mit zwei Angeln. Der 84-Jährige blickt aufs Wasser und damit auf seinen Heimatort Magdeborn. Er wurde in dem überbaggerten Ort, in dem einst 3200 Menschen lebten, geboren. Ende der 1970er Jahre verschwand seine Heimat. Ein bisschen Erde davon ist nur noch auf der so genannten Halbinsel Magdeborn übrig geblieben, wo Seebesucher heute den Imbiss nutzen und ihr Auto abstellen können.

Doch emotional wird er deshalb nicht. „Das ist halt Geschichte, was soll’s. Damit habe ich abgeschlossen“, sagt der Rentner, der seit langem in Rötha lebt. Was ihn viel mehr ärgert, sind die Parkgebühren. Jedes Mal, wenn er hier angelt, muss er zahlen. Radfahrer könnten ihr Auto in Espenhain abstellen, das kurze Stück zum See radeln und so die Gebühren sparen, meint er, aber mit seiner Sack-Karre mit Angelzeug und Campingstuhl sei das nicht praktikabel.

Parkgebühren haben es in sich

Er sieht auf die Uhr und beschließt einzupacken. Die Parkzeit für drei Euro ist gleich um. Heute hat er nichts gefangen. „Es hängt hier viel vom Wind ab. In dem See gibt es vor allem Karpfen“, meint er. Angeln ist schon ein Leben lang seine Leidenschaft. Als kleiner Junge fischte er in der Gösel. Leider habe sich im Laufe der Jahrzehnte durch die Industrie das Wasser und damit auch das Fischaufkommen stark verschlechtert, bedauert er.

„Uaaah...“ Julia Kaubisch findet das Wasser zum Baden noch viel zu kalt. Die junge Frau aus der Nähe von Colditz ist mit ihren Freunden heute zum ersten Mal am Störmthaler See. „Wir waren neugierig, wollen einfach nur chillen und die Sonne genießen“, meint sie. „Ist schön hier.“

Nur noch ein kleines Stück, dann gibt es Kaffee, Bier, Backfisch, Pommes und Kuchen. Der Imbiss auf der Magdeborner Halbinsel hat auch glücklicherweise an einem Montag geöffnet. Das Bier wird im ehemaligen Dispatcherturm des Tagebaus gezapft. Gleich daneben steht die Überlebenskastanie Gruna. Der Baum begrenzte einst einen Dreiseitenhof im Magedeborner Ortsteil Gruna.

Wer will, kann hier den Bootsverleih nutzen. Ein Schild wirbt für Tret-, Ruder-, Segel- und Motorboot, auch Kajaks gibt es. „Entdeckertour Vineta Sonntag ab 10 Uhr immer zur vollen Stunde“ steht auf einem anderen Hinweisschild. Die kleine stilisierte schwimmende Kirche hat den Störmthaler See überregional bekannt gemacht.

Vineta

Die Erinnerung an das versunkene Dorf wird auf besondere Weise wachgehalten: Etwa einen Kilometer östlich des alten Standorts der Magdeborner Kirche schwimmt heute Vineta. Die Seekirche entstand 2009 bei dem Projekt Kunst statt Kohle und wurde 2010 verankert.

Auf einer schwimmenden Plattform von 15 mal 20 Metern befindet sich das Kirchlein mit etwa 15 Meter Höhe. Hier finden Trauungen, Lesungen und Konzerte statt.

Mit dem Boot kann man sich am Wochenende und feiertags zur Vineta fahren lassen. Mehr Infos unter https://www.vineta-stoermthal.de/touren-angebote/vineta-entdeckertour

Nun ist nicht mehr weit bis zur Lagovida. Seit 2013 entsteht hier ein Ferienresort mit Hotel, Restaurant, Hafen, Bade- und Surfstrand. Auffallend sind die Ferienhäuschen, die an die Behausung von Bilbo Beutlin im Auenland erinnern. Der Hobbit aus „Der Herr der Ringe“ hatte allerdings keinen direkten Sandstrandzugang. Viele Häuser sind belegt, die Mieter lümmeln gemütlich in Liegestühlen. Gleich gegenüber werden derzeit weitere Ferienwohnungen gebaut, allerdings nicht im Hobbit-Stil.

Auch der Wohnmobil-Stellplatz ist für die Vorsaison recht gut besucht. Familie Justus aus Bielefeld steht seit zwei Tagen mit ihrem Wohnmobil hier. „Ein Kollege hat mich auf den See aufmerksam gemacht. Wir finden es wunderschön, das hat Zukunft“, sagt Klaus Justus. Begeistert war er von der Führung im Bergbautechnikpark am Tag zuvor: „Ein alter Bergmann hat uns alles erklärt und das mit so viel Herzblut. Wir haben wirklich einen Einblick bekommen, wie das früher hier so war.“ Schade findet er, dass die nächste Einkaufsmöglichkeit so weit entfernt ist. Auch billig sei der Platz keineswegs, die Preise bewegen sich „eindeutig im oberen Bereich“.

Hügel auf dem See-Rundweg nicht ohne

Der Asphaltweg wird gleich darauf von einem Naturpfad abgelöst, der über die neue Göselcanyon-Brücke führt. Canyon, nun ja, es geht ein wenig steil nach unten, von der Gösel ist nur ein Rinnsal zu sehen. Wer sich ein Stück weiter für den oberen Seeweg entscheidet, braucht Durchhaltevermögen. Der Berg ist der mit Abstand steilste am ganzen See. Die meisten Radler geben es auf und schieben. Wir kämpfen uns japsend nach oben und stehen am Aussichtspunkt. Die Infotafeln dort beschäftigen sich wiederum mit dem Thema Bergbau, zum Beispiel mit der Frage: Wie arbeitet eine Förderbrücke?

Gemächlich und ohne nennenswerte Anstiege fahren wir zurück zum Kanupark. Zwischendurch gibt es immer wieder Ausblicke, welche diese Region charakterisieren: Vineta und Bergbautechnikpark, Kraftwerk Lippendorf und Chemiewerk Böhlen, Deponie und Autobahnbrücke inmitten von See und Grün.

Hintergrund Störmthaler See

Der Störmthaler See entstand durch die Flutung des Südostteils des ehemaligen Braunkohletagebaus Espenhain. Seit Januar 2001 füllte sich der See auf natürliche Weise.

Durch einen Dammbruch bei Oelzschau am 3. Juni 2013 floss die Hochwasser führende Gösel im alten Bett in den Störmthaler See. Bis zum 8. Juni 2013 flossen bis zu 3 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in den See und ließen diesen über den geplanten Endwasserstand hinaus ansteigen. Der Wasserstand konnte über die neue Kanuparkschleuse wieder normalisiert werden.

Zur Flutung wurde Sümpfungswasser aus den aktiven Tagebauen Profen und Vereinigtes Schleenhain verwendet. Ohne dieses Fremdwasser wäre der Endwasserspiegel nach den Prognosen der Experten erst im Jahr 2075 erreicht worden. Am 27. April 2014 wurden ausgewiesene Bereiche des Sees als Badegewässer freigegeben.

Südlich von Leipzig entsteht seit einigen Jahren eine Seenlandschaft infolge des Braunkohletagebaus. Der Cospudener See ist der älteste. Der Markkleeberger See ist mit seiner Tiefe von etwa 57 Metern der tiefste See. 2014 und 2015 wurden weiter der Störmthaler See und der Zwenkauer See offiziell freigegeben.

Die Seen werden über Flüsse und Kanäle miteinander verbunden sein und die Seenlandschaft „Leipziger Neuseenland“ bilden. Seit Mai 2013 besteht eine Verbindung des Markkleeberger mit dem Störmthaler See. Hier wurde für die Schifffahrt eine Schleuse gebaut, da der Störmthaler See einen vier Meter höheren Wasserstand hat.

Die Tour

Länge: 25 Kilometer

Höhenmeter: 130 Meter

An vielen Stellen des Sees gibt es zwei Wege: einen in Ufernähe, nur selten naturbelassen, und einen breiten asphaltierten Weg im oberen Bereich. Die Ausschilderung ist gut.

Parken: Wer die Fahrräder im Auto transportieren möchte, kann die Parkplätze Großpösna, Halbinsel Magdeborn oder Kanupark Markkleeberg (kostenpflichtig) nutzen. Linienbusse transportieren Fahrräder auf Anfrage.

Einkehrmöglichkeiten: Imbiss auf Halbinsel Magdeborn oder Angebote ein Stück entfernt in den umliegenden Dörfern, wozu es Hinweisschilder gibt.

Von Claudia Carell

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