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Borna Steinerne Navis in Groitzsch sollen restauriert werden
Region Borna Steinerne Navis in Groitzsch sollen restauriert werden
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00:36 28.04.2018
Der Groitzscher Ortschronist Roland Meyer (72) im Lapidarium an der Wiprechtsburg. Quelle: Andreas Döring
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Groitzsch

Der alte Wegstein ist knapp anderthalb Meter hoch. Der Zeigefinger einer schwarzen Hand weist nach links. Unten drunter steht: „Stolpen 1/2 St.“ Das bezieht sich auf die Wandergeschwindigkeit eines Erwachsenen, „etwa vier Kilometer pro Stunde“, erklärt Roland Meyer. Nach Stolpen waren es also damals rund zwei Kilometer.

Der 72-jährige Ortschronist blickt auf das Gelände der Wiprechtsburg, wo Ruinenreste von Wohnturm und Kapelle an die glorreiche Vergangenheit des berühmten Grafen Wiprecht von Groitzsch (1050-1124) erinnern. Im Halbrund des Areals stehen 50 Weg- und Meilensteine. Kleine Tafeln informieren, woher sie stammen.

Steinerne Markierungen wichtig für Händler und Postkutschen

August der Starke (1670-1733) und seine Nachfolger ließen diese steinernen Wegweiser einst an allen wichtigen Post- und Handelsstraßen aufstellen, damit Postkutschen, Händler mit Fuhrwerken, Reiter und Wanderer ihre Ziele erreichten. „Es ging auch darum abzuschätzen, wo man einkehren und wann man die Pferde füttern musste“, so Meyer. Die Navis der Vergangenheit. Heute braucht sie keiner mehr.

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Es sind Relikte vergangener Zeiten – im Groitzscher Lapidarium sind Meilen-, Grenz- und Wappensteine sowie Postmeilen- und Wegesäulen für die Nachwelt erhalten worden.

Doch der Groitzscher gehört zu jenen, die sie bewahren wollen. Sein ganzes Leben schon fährt er gern Rad. Auch damals zur Arbeit ins Böhlener Werk. Der Chemiefacharbeiter war in der Forschungsabteilung und beschäftigte sich mit der Verwendung von Bitumen. Damit verdiente er seine Brötchen. Sein Herz aber schlug für die Heimatgeschichte, ehrenamtlich war er Denkmalpfleger.

Auf Radtouren viele Wegsteine entdeckt

Auf seinen Radtouren sah er immer mal wieder alte Wegsteine. Einige standen noch, andere lagen in Straßengräben. Wenn er durch Orte kam, die bald dem Kohlebagger weichen mussten, schmerzte ihn dies besonders. Zum Beispiel in Piegel. Das Dorf wurde Ende der 70er Jahre überbaggert. „Ich sagte mir, die Steine müssen wir doch retten!“ So steht auch eine Piegeler Wegesäule heute in Groitzsch. 60 Steine hat der Ortschronist mit seinen Helfern schon gesichert, zehn davon müssen noch aufgestellt werden. Das Lapidarium gibt es seit 35 Jahren, der erste Stein kam im Frühjahr 1983 aufs Burggelände.

Darunter sind viele königlich-sächsische Meilensteine. Darauf steht zum Beispiel „Altenburg 3,86 Meilen“. Eine Meile waren damals 7,5 Kilometer. Später gab es Kilometersteine. Zu sehen ist ebenfalls eine Hegesäule, die den Jagdbezirk des Rittergutsbesitzers abgrenzte. Oder ein ehemaliger Meilenstein aus Breunsdorf, der in einen Gedenkstein an die Völkerschlacht verwandelt wurde. Oder ein so genannter Polizist, der auf dem Bahnhof an den Gleisen anzeigte, wo der Lokführer halten muss. Auch Grenzsteine gibt es, zum Beispiel von der Grenze nach Sachsen-Anhalt.

Ein Kasten Bier für Transporthilfe mit W50 samt Kran

Jeder Stein hat für Roland Meyer „eine kleine Geschichte“. Es geht nicht nur um die Historie. Sondern auch wie er ihn fand oder wer ihn darauf aufmerksam machte. Und mit welcher Technik das Teil nach Groitzsch transportiert wurde. Die kleinen Steine wiegen 30 bis 40 Kilo, die großen drei bis vier Zentner. Der Geschichtsfan hatte damals glücklicherweise eine Anhängerkupplung an seinem Trabi.

Für die großen Exemplare allerdings bat er seine Kollegen im Fuhrpark des Böhlener Werks um Hilfe. Dann fuhr der W50 mit Kran vor und hievte zum Beispiel im längst überbaggerten Käferhain einen Meilenstein auf die Ladefläche. Zum Dank stellte der Ortschronist einen Kasten Bier ins Fahrerhäuschen. Unterstützung gab und gibt es auch von Betrieben, der Stadtverwaltung und dem Bauhof, was ihn freut.

Stichwort: Lapidarium

Lapidarium ist die Bezeichnung für eine Sammlung von Steinwerken wie Skulpturen, Sarkophage, Epitaphe, Meilensteine und Grabsteine. Das Wort stammt aus dem Lateinischen: lapis bedeutet Stein.

Lapidarien sind bis ins späte 19. Jahrhundert als private Sammlungen altertumsbegeisterter bürgerlicher wie aristokratischer Sammler entstanden. Häufig sind sie dadurch charakterisiert, dass hier Stücke präsentiert werden, die nicht im Rahmen eines „großen“ Museums gezeigt werden können, informiert das Online-Lexikon wikipedia.

Modernere Lapidarien sind oft als Ausstellung für Funde von archäologischen Grabungen entstanden. Hier stellt das Lapidarium in der Regel nur einen begrenzten Teil eines umfassenderen Ausstellungskonzepts dar. Auch werden dort häufig Originale gezeigt, die nach Bauarbeiten keine Verwendung mehr finden.

Bekannte Lapidarien:

Berliner Lapidarium in Berlin-Kreuzberg

Lapidarium St. Gertraud in und an der Sankt-Gertraud-Kirche im Magdeburger Stadtteil Salbke

Lapidarium Willrode bei Erfurt

Augusta Raurica, das Römische Lapidarium des Landesmuseums Württemberg im Neuen Schloss in Stuttgart

Städtisches Lapidarium Stuttgart

Lapidarium der Stiftskirche St. Gallen

Lapidarium auf Schloss Seggau in der Südsteiermark

Lapidarium der Wallfahrtskirche Maria Saal

Fünf volle Aktenordner hat er inzwischen für sein Lapidarium. „Ich habe für jeden Stein alle Informationen dokumentiert, die ich finden konnte.“ Auch Fotos vom Transport. Auf Transparentpapier hielt er exakt die Inschriften fest. Wie gut, denn viele sind heute nicht mehr zu lesen.

Erneuerung von Bänken, Wegen und Meilensteinen im nächsten Jahr

Das soll sich ändern. „Mit Hilfe der Leader-Förderung soll das Burggelände und auch das Lapidarium im nächsten Jahr restauriert werden“, sagt Roland Meyer. Geplant ist, Wege und Bänke zu erneuern. Die Wiprechtsburg ist ein beliebter Open-Air-Veranstaltungsort, 800 Besucher finden dort Platz. Dabei sollen auch Steine des Lapidariums wieder so gestaltet werden, dass man die Inschriften lesen kann. Die Info-Tafeln – viele sind kaputt, einige geklaut – brauchen ebenfalls eine Erneuerung.

Roland Meyer hat seine Übersicht schon fertig, wo der Steinmetz Hand anlegen sollte – und hofft, dass es mit dem Fördergeld klappt. Und wenn er mal im Lotto gewinnen sollte, will er ein Buch über „sein“ Lapidarium herausgeben und viele Stein-Geschichten aufschreiben.

Von Claudia Carell

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