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Lehrermangel und Stundenausfall: Schüler im Landkreis setzen auf Nachhilfe

Bildung Lehrermangel und Stundenausfall: Schüler im Landkreis setzen auf Nachhilfe

1,2 Millionen Schüler in Deutschland nehmen Nachhilfe – die Branche boomt. Auch im Landkreis Leipzig entscheiden sich viele Familien dafür. Redakteurin Claudia Carell hat mit Jugendlichen und einer Nachhilfe-Lehrerin in Grimma gesprochen. Roman Schulz von der Bildungsagentur warnt vor Überforderung.

Karin Harnack ist Mathelehrerin und beobachtet eine verstärkte Nachfrage nach zusätzlicher Hilfe für Schüler.

Quelle: Andreas Döring

Grimma/Borna. „Ich habe ein sehr großes Matheproblem“, sagt die Zwölfjährige und lächelt entspannt. Sie besucht die siebente Klasse einer Oberschule, „ohne Nachhilfe komme ich nicht klar“. Ihre Eltern hätten zu Beginn versucht, ihr das eine oder andere zu erklären, „das hat jedoch nicht funktioniert, die Rechenwege sind oft anders als früher bei meinen Eltern“.

Seit vier Jahren besucht sie einmal in der Woche für anderthalb Stunden die Mathe-Nachhilfe. Derzeit sind sie zu dritt in der Gruppe. „Am Anfang der Stunde will unser Lehrer immer wissen, was wir für Fragen haben und was wir üben wollen“, erzählt das Mädchen. Oft wiederholen sie den Stoff aus den vergangenen Mathestunden. Auch Hilfe bei Hausaufgaben gibt es. „Gut ist, dass wir manchmal die Stunde verlegen können, zum Beispiel wenn wir eine große Klassenarbeit schreiben und kurz vorher noch mal was wissen wollen“, so die Schülerin. Sie habe kein Problem damit, Nachhilfe zu nehmen, „das ist okay und außerdem merke ich, dass es was bringt“. Es sei jetzt einfacher mit den Arbeiten, „ich bin entspannter und sag’ mir, du schaffst das schon“. Eine drei in Mathe auf dem Zeugnis ist ihr Ziel.

Eltern in Deutschland zahlen pro Jahr 900 Millionen Euro für Nachhilfe

Nachhilfe boomt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nehmen 1,2 Millionen Schüler in Deutschland Zusatzunterricht. Viele Eltern entscheiden sich für professionelle Hilfe und zahlen dafür hierzulande 900 Millionen Euro pro Jahr. Nach dieser Untersuchung erhalten 14 Prozent der Schüler zwischen sechs und 16 Jahren privat finanzierte oder kostenfreie Nachhilfe. Kinder und Jugendliche aus finanzstarken Familien (ab 3000 Euro Haushalts-Nettoeinkommen) nutzen dies etwas häufiger als Schüler aus Haushalten mit geringeren Einkommen (15 zu 12 Prozent). Nicht selten geben Familien 80 bis 150 Euro pro Monat für die Nachhilfe ihres Kindes aus.

Gründe dafür sind nicht nur schlechte Zeugnisse. Häufig geht es darum, Noten zu verbessern und später das gewünschte Fach studieren zu können. Am häufigsten verbreitet ist die Lernunterstützung an Gymnasien, so die Studie, fast jeder fünfte Gymnasiast würde nachmittags auf diese Weise nochmals lernen.

Den Trend kann Karin Harnack aus Grimma bestätigen: „Es nehmen prozentual mehr Schüler Nachhilfe.“ Die Mathematik-Lehrerin ist auf diesem Gebiet Profi mit knapp 25 Jahren Erfahrung. Sie gründete 1993 ihren Schülerkreis in Borna. ’94 folgte Grimma, kurz darauf Hartha und Colditz sowie eine Außenstelle in Bad Lausick.

Schon in 90er Jahren Zusatz-Mathe stark nachgefragt

„Der Bedarf war schon in den 90er Jahren da, es entwickelte sich damals rasant. Vor allem Mathematik wurde und wird bis heute stark nachgefragt“, sagt die Geschäftsfrau. Nach zehn Jahren hatte sie 450 Schüler. Doch der Geburtenknick traf auch sie, es ging bergab, „runter auf 136 Schüler“. Sie schloss einige Zweigstellen, auch wegen des Lehrermangels, „Mathelehrer sind ganz schwierig zu finden“. Heute konzentriert sie sich auf ihre Geschäftsstellen in Borna und Grimma.

Und heute hat Nachhilfe wieder immensen Zulauf: „Wir brauchen gar keine Werbung machen, das übernimmt die Politik für uns.“ Stundenausfälle, Lehrermangel und Probleme bei Seiteneinsteigern seien Gründe, ein Kind, dem es ohnehin in der Schule nicht leicht fällt, zur Nachhilfe zu schicken. Es gebe Schüler, bei denen ein halbes Jahr der Mathematikunterricht nahezu komplett ausgefallen ist.

Aber es würden nicht nur diese Kinder von ihren vier fest angestellten Mathelehrern und den zwanzig Honorarkräften unterrichtet. Es kommen Schüler, die einfach besser werden wollen oder Abiturienten, die für ihr Wunschstudienfach einen guten Numerus clausus brauchen, sagt Harnack. Auch Kinder und Jugendliche, die von einem anderen Bundesland nach Sachsen ziehen, würden mitunter Nachhilfe brauchen, weil sie zum Beispiel ein komplettes Jahr Französisch nachholen müssen. Es gebe generell viele Gründe für die Zusatz-Schule. Manch ein Kind war lange krank. Oder die Eltern sind beruflich so stark eingebunden, dass sie nicht helfen können. Oder Vater und Mutter kommen mit dem Schulstoff ab Klasse 7 nicht mehr klar.

Häufig jedoch sind Nachhilfe-Schüler im normalen Unterricht überfordert. Eine Zehntklässlerin vom Gymnasium sagt: „Ich komme einfach in der Schule nicht mit, die Themen werden für mich zu schnell behandelt. Ich brauche jemanden, der mir das noch mal von Anfang an und in aller Ruhe erklärt.“ Schon seit der fünften Klasse nimmt sie Mathe-Nachhilfe, „am Anfang hatte ich überhaupt keine Lust, aber dann hab’ ich gemerkt, dass es was bringt, und deshalb werde ich das auch in der Abiturstufe weiter machen“.

Lerntherapie für Kinder, die für Zahlen keinen Sinn haben

Karin Harnack hat sich zudem auf Lerntherapie spezialisiert. Auf die Idee kam sie, als sie bei einzelnen Schülern feststellte, dass es um ein generelles Problem geht: „Es gibt Kinder, die nichts mit Zahlen anfangen können.“ Das könne damit zusammen hängen, dass ihnen eine Förderung als Kleinkind fehlt, dass sie zum Beispiel nie einen Tisch gedeckt und vier Messer und vier Teller abgezählt oder nie gewürfelt und dabei das Zählen geübt haben.

Es kann aber auch genetische Gründe haben. Die Grimmaerin entschied sich 2010 für ein Masterstudium Lerntherapie an der Chemnitzer Universität. Die zweieinhalb Jahre berufsbegleitendes Studium waren anstrengend, aber „es hat mir richtig Spaß gemacht und ich habe sehr viel gelernt“. Im Schülerkreis in Grimma konzentriert sie sich nun auf Lerntherapie und arbeitet mit Kindern, die sie systematisch an die Mathematik, zunächst in ganz kleinen Zahlenräumen, heran führt. Das werde so gut nachgefragt, dass sie inzwischen zwei Lehrerinnen eingestellt hat, die sich auch ausschließlich mit Lerntherapie beschäftigen.

Von Claudia Carell

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