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Lippendorfer Kraftwerksleiter: „Bei einem Blackout hilft kein Windrad“

Szenario Stromausfall Lippendorfer Kraftwerksleiter: „Bei einem Blackout hilft kein Windrad“

Wie sehen die Konsequenzen für ein Kohlekraftwerk aus, was passiert dort, wenn allerorten der Strom ausfällt? Eines ist klar: Es wird zum Inselbetrieb und kann sofort wieder Strom produzieren, wenn die Fehler behoben wurden, die zum Blackout geführt haben. Erneuerbare Energien helfen (derzeit) noch nicht bei einem solchen Szenario.

Während ringsum der Strom ausfallen würde, bliebe das Kraftwerk Lippendorf eine beleuchtete Insel.

Quelle: André Kempner

Neukieritzsch. Von jetzt auf sofort wird es dunkel, fallen Ampeln aus, funktionieren keine technischen Geräte. Ein Stromausfall legt weite Teile Deutschlands über Tage lahm, nichts geht mehr. Blackout.

Das Szenario und die daraus resultierenden Konsequenzen hat der Autor Marc Elsberg in seinem gleichnamigen Roman eindrucksvoll beschrieben. Doch wie sehen die Konsequenzen für ein Kohlekraftwerk und die Region aus, was passiert dort, wenn allerorten der Strom ausfällt? Die Frage ist schnell beantwortet: Das Kraftwerk wird zu einer Art Inselbetrieb und wäre unverzichtbar, um den Stromfluss anschließend wieder in Gang zu bringen.

Dass sich Terroristen via Cyberattacke ins System des Kraftwerks Lippendorf hacken könnten, hält Gert Schletter, Leiter Kraftwerkseinsatz in vier Werken, die die Lausitz Energie Kraftwerke AG (kurz LEAG) betreibt, für „sehr unwahrscheinlich“. Das gesamte System verfüge über mehrere Sicherungen. Angreifbar hingegen seien Stromleitungen oder auch Umspannwerke – nicht nur durch den Menschen, sondern auch durch Naturereignisse wie Sturm und Hochwasser.

Hier gehts zur Multimedia-Reportage zum Thema Katastrophenszenarien in Sachsen

Vier Übertragungsnetzbetreibern unterliegt in Deutschland die Infrastruktur der überregionalen Stromnetze: Tennet TSO, 50Hertz Transmission, Amprion und TransnetBW. Die Verteilnetzbetreiber wiederum sind auf regionaler und lokaler Ebene zuständig für Stromnetze im Nieder- sowie Mittelspannungsbereich. Genau in diese Netze speist die überwiegende Anzahl von Wind- und Photovoltaikanlagen den erzeugten Strom ein. Genau hier sind Störungen jederzeit denkbar. Und sei es durch einen umgestürzten Baum, der auf eine Stromleitung gefallen ist.

Das Kraftwerk Lippendorf selbst würde bei einem Stromausfall im Inselbetrieb weiterlaufen. „Wir können dann nicht in die öffentliche Versorgung einspeisen“, erklärt Frank Mehlow, Leiter des Bereiches Energiewirtschaft bei der LEAG. Erzeugt werde in einem solchen Fall nur gerade so viel, wie benötigt wird, um den Bedarf des Kraftwerks selbst zu decken – sei es beispielsweise, um die Pumpen in Betrieb zu halten. Wenn der Übertragungsnetzbetreiber (in diesem Fall 50Hertz) die Fehlerquellen schließlich behoben habe, könne das Kraftwerk nach kurzer Vorlaufzeit die 50Hertz bei der Wiederversorgung unterstützen, wieder Strom produzieren und einspeisen.

Im Falle eines Stromausfalls wird die Kommunikation über Satellitentelefone aufrecht gehalten. „Bei uns und auch in den anderen Kraftwerken gibt es regelmäßig stattfindende Trainingstage, bei denen das Szenario durchgespielt und der Umgang mit einem Satellitentelefon geprobt wird“, sagt Christian Rosin, Kraftwerksleiter in Lippendorf. Auch die Kommunikation untereinander müsse geschult werden. „So ist vielen nicht klar, dass die Kommunikation über ein Satellitentelefon zeitverzögert abläuft“, macht Rosin deutlich. Schon solche Kleinigkeiten seien bei den Übungen nicht außer Acht zu lassen.

Für unverzichtbar halten Rosin, Mehlow und Schletter die Kohlekraftwerke, sollte es zu einem großflächigen Stromausfall kommen. Denn mit diesen Anlagen sei eine schnelle anschließende Versorgung wieder gewährleistet. „Bei einem solchen Szenario hilft kein Windrad, keine Biogasanlage und auch kein Photovoltaik, erneuerbare Energiequellen sind gerade für einen solchen Fall nicht sicher planbar“, betont Mehlow. Zumal es kaum möglich sei, nach Behebung der Fehlerquellen sämtliche Windrad- und Biogasanlagenbetreiber anzurufen, um mit ihnen den Wiederaufbau des Netzes zu koordinieren.

Doch selbst unabhängig von einem möglichen Blackout sei das Gesamtsystem „Strom“ instabiler durch die erneuerbaren Energien. Zur Gewährleistung einer hohen Stabilität des Übertragungsnetzes ist eine hohe Flexibilität der Grundlastversorger notwendig. Die vier Übertragungsnetzbetreiber sind verpflichtet, vorrangig Energie aus Wind- und Sonnenkraft sowie aus Biogasanlagen einzuspeisen. Grundlage für die Menge bieten unter anderen die Wetter-Vorhersagen. „Wenn aber die Wetterprognosen nicht zutreffen, müssen die Kraftwerke die daraus entstehenden Strom-Lücken schließen. Wir können die Anlagen so schnell hochfahren, wie es erforderlich ist, weil wir über entsprechend große Kapazitäten verfügen“, erklärt Rosin. Zu Schwankungen könne es immer und jederzeit kommen, allerdings seien die mit Hilfe der Kraftwerke leichter und unkomplizierter in den Griff zu bekommen als mit erneuerbaren Energiequellen.

Das Kraftwerk Lippendorf ist aber nicht nur für die Bereitstellung des Stroms verantwortlich, sondern liefert rund 80 Prozent des Leipziger Fernwärmebedarfes. Diese könnte nach Aussage von Schletter ebenso aufrecht erhalten werden – zumindest bis zur Übergabestelle in Leipzig.

Untrennbar mit der Wiederherstellung der Stromversorgung ist die Quelle verbunden, die die Energie liefert. Im Falle des Kraftwerks Lippendorf ist das die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag). Das Zusammenspiel funktioniere einwandfrei und „auf kurzem Wege“, wie Rosin betont. Wichtig bei einem Blackout sei es, den Energieträger schnell und zuverlässig bereitstellen zu können, was bei der Mibrag gewährleistet sei.

Von Julia Tonne

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