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Borna Lob und Prügel für Leipzigs Landrat
Region Borna Lob und Prügel für Leipzigs Landrat
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22:51 09.11.2015
An diesem Sonntag ist der neue Landrat Henry Graichen (CDU) seit genau 100 Tagen im Amt. Quelle: Thomas Kube
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Natürlich spürt der 39-Jährige, dass er für seine Botschaften keineswegs Blumen bekommt, wenn er etwa vor Einwohnern sitzt, um denen zu erläutern, dass in ihrer Nachbarschaft Asylbewerber untergebracht werden. "Aber die Leute haben ja Sorgen", sagt der jüngste Landrat in Sachsen. Und weiter: "An wen sollen sie sich denn wenden?" An ihn natürlich, denn der Posten des Landrats bringt es mit sich, dass es Prügel für Probleme gibt, für die der Chef einer Kreisverwaltung beim besten Willen gar nichts kann. Weshalb sich Graichen wünscht, "dass auf unsere Hinweise auch reagiert würde". Womit der gelernte Kämmerer, der vor seiner Wahl zum Bürgermeister in Neukieritzsch die Gemeindefinanzen dort verwaltete, weniger die sächsische Staatsregierung in Dresden, wohl aber die Verantwortlichen im Bund meint.

Natürlich war es schon eine Umstellung, als er am 1. August die Nachfolge des ewigen Landrats Gerhard Gey (CDU) antrat. Hatte er in Neukieritzsch etwa 25 Leute in der Kernverwaltung und mit allen Kindergärterinnen vielleicht 50 unter sich, so sind die Dimensionen einer Kreisverwaltung andere. "Jetzt habe ich 1300 Mitarbeiter", die auch ein umgänglicher Typ wie Graichen beim besten Willen nicht alle kennen kann. Schon gar innerhalb vor reichlich drei Monaten. Es sind ganz andere Herausforderungen, mit denen es Graichen jetzt zu tun bekommt.

Unaufgeregte und souveräne Art

Allerdings ist nicht einen Moment der Eindruck entstanden, er könnte der neuen, größeren Aufgabe nicht gewachsen sein. Die Kreistagssitzungen leitet er mit einer Souveränität, als er hätte er nie etwas anderes gemacht, und wenn Bürger, was durchaus vorkommt, in der Fragestunde aus der Rolle fallen, bleibt er die Ruhe selbst. Er habe eine angenehm unaufgeregte Art, heißt es aus seiner Umgebung.

Das sehen auch Leute so, die zumindest vom Ansatz her seine politischen Gegenspieler sind oder sein müssten. Etwa Karsten Schütze, Vorsitzender der Kreistagsfraktion von SPD und Grünen und im Hauptberuf Oberbürgermeister von Markkleeberg. "Ich schätze sein Fachwissen", sagt Schütze und lobt, "dass mit ihm eine Zusammenarbeit möglich ist". Graichen habe ein offenes Ohr und gebe schnell klare und verbindliche Zusagen.

Schützes Bornaer Amtskollegin Simone Luedtke (Linke) lobt: "Der Umgang mit den Bürgermeistern ist sehr positiv." Es sei deutlich zu spüren, "dass er selbst Bürgermeister war". Graichen komme immer auf den Punkt, lobt die Vorsitzende der Linken-Kreistagsfraktion. Es gebe "keinen Knackpunkt, an dem er ausweicht".

Es sei ein frischer Wind, für den der Landrat seit seinem Amtsantritt sorge, sagt der Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Berger, der sich bei Graichens Amtsvorgänger Gey nicht mit Kritik zurückhielt, meine es ernst, sagt Berger. "Er hat den Blick eines Bürgermeisters." Und der Mann, der der einwohnerstärksten Stadt im Landkreis Leipzig vorsteht, betont, dass Graichen oftmals vor Ort an der Basis ist.

Weniger Zeit für Sport und Familie

Basisarbeit, das war schon ein Markenzeichen des einstigen Neukieritzscher Bürgermeisters Graichen. Nicht umsonst hatte er bei seiner ersten Wiederwahl als Gemeindeoberhaupt vor acht Jahren nicht mal einen Gegenkandidaten. Und vermutlich hätten ihm seine Neukieritzscher lebenslänglich im Gemeindeamt gegeben, wenn er nur gewollt hätte.

Graichen wollte aber mehr und bekam es mit knapp zwei Dritteln der Stimmen in der ersten Runde der Landratswahl im Juni auch. Und in gewisser Weise ist es die Fortsetzung seiner Tätigkeit an der Spitze der Gemeinde Neukieritzsch auf einer höheren Stufe. Statt für 7000 Einwohner ist er jetzt für mehr als eine Viertelmillion Leute verantwortlich. Was dazu führt, "dass meine Woche stärker getaktet ist als früher". Die Freiräume, die Graichen, der früher gern zum Tauchen fuhr, als Vater eines achtjährigen Sohnes braucht, werden weniger, auch wenn er sie sich nimmt. Wie schon in seiner Zeit als Bürgermeister hat auch die Woche eines Landrats mehr als fünf Arbeitstage. Wochenendtermine gehören dazu. Während er sich dafür aber früher aufs Fahrrad setzen konnte, um etwa zur Feuerwehr zu fahren, muss er heute oft erst eine Stunde mit dem Auto fahren, um ans Ziel zu kommen. Graichens Aufgabenbereich ist eben sehr viel größer geworden.

Was auch für die Probleme, Stichwort Asylbewerber, gilt. Schlaflose Nächte, sagt er, "bereitet mir das aber noch nicht".

Von Nikos Natsidis

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