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"Manipulierte Zahlen" für A 72

"Manipulierte Zahlen" für A 72

Die Kostenexplosion zulasten des Steuerzahlers müsse verhindert werden. Eberhard Lippmann, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Wald für Sachsen, wird deutlich.

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Mitten im aufgeforsteten Röthaer Holz wird derzeit der Baugrund für den letzten Abschnitt der A 72 untersucht.

Quelle: Thomas Kube

Rötha. Die jüngsten Äußerungen von Staatsminister Sven Morlok (FDP) bei Probebohrungen für den letzten Abschnitt der Autobahn 72 im Röthaer Holz sind der Stiftung bitter aufgestoßen. Er gehe davon aus, "dass wir von Kosten von über 100 Millionen Euro ausgehen müssen", hatte Morlok erklärt (die LVZ berichtete). Für Lippmann ist das nicht hinnehmbar. "Es entwickelt sich eine Situation, die skandalöse Züge annimmt", sagt er.

Die Stiftung - Eigentümerin des 1999/2000 aufgeforsteten Röthaer Holzes - , das für die A 72 zerschnitten werden soll, hatte von Anfang an die Ertüchtigung der B 95 als Ausbauvariante für den Abschnitt von Rötha bis zur A 38 favorisiert. Kosten von rund 59 Millionen Euro wurden seinerzeit errechnet und mit Verweis auf die etwas günstigere Variante durch den Mischwald von circa 55 Millionen Euro verworfen. Jetzt rede der Minister von 100 Millionen - da müsse er von Manipulation ausgehen, sagt Lippmann. Diese Zahlen sind im Planfeststellungsbeschluss nachzulesen. Für Lippmann ist der Neubau somit "die falsche Entscheidung zum Schaden der Bundesrepublik Deutschland". Daran dürfe nicht festgehalten werden. Auch Wolfram Rühle, Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Pötzschau, Pächter des circa 85 Hektar großen und gut gewachsenen Waldes, "ist verwundert, dass jetzt im Nachhinein Zahlen auftauchen, die damals nicht besprochen wurden".

Dass der Kippenboden Unwägbarkeiten birgt, sei von vornherein klar gewesen. Die Probebohrungen für die Baugrunduntersuchung wären nicht nötig, wenn die Trasse der B 95 genutzt würde. Für das Geld wäre ein ausreichender technischer Lärmschutz für die Ortslage Rötha möglich gewesen.

Der ministerielle Besuch am 16. Juli geht der Stiftung auch grundsätzlich gegen den Strich. "Wir möchten nicht, dass auf unseren Flächen Wahlkampf gemacht wird", sagt Lippmann. Der Wald sei laut Waldgesetz nur zum Zwecke der Erholung zu betreten. Politische Veranstaltungen fallen nicht darunter. Von schlechtem Stil ganz zu schweigen - die Stiftung erfuhr aus der Zeitung von diesem Termin, war als Eigentümerin weder eingeladen noch involviert.

Im Vorfeld der jetzt laufenden Baugrunduntersuchungen gab es Vermessungen, die angezeigt wurden. Allerdings wurden auch an einigen Bäumen, die außerhalb der für die A 72 vorgesehene Fläche liegen, Markierungen vorgenommen - offenbar, um den kürzesten Weg zur Bohrmaschine zu nehmen. Die Stiftung monierte das beim zuständigen Landesamt für Straßenbau und Verkehr und konnte verhindern, dass zusätzliche Baumverluste entstehen. Ein paar Tage später wäre es vielleicht zu spät gewesen. Lippmanns Fazit: "Der Neubau beruht auf einer Fehlentscheidung, die wissentlich herbeigeführt wurde. Das kann man Manipulation nennen."

Beim Thema Entschädigung ist hingegen nichts Konkretes passiert. Die Bodenpreise explodieren - 2,50 Euro für den Quadratmeter Fläche seien momentan nicht unüblich. Entschädigt werde mit 70 Cent pro Quadratmeter. Betroffene Landeigentümer wehren sich dagegen und klagen. Die Verfahren ziehen sich in die Länge. Lippmann nennt das eine "eiskalte Enteignung", weil der Verkehrswert der Flächen wesentlich höher liegt. "Wir wollen die Differenz ersetzt haben." Und 15 Hektar aufforstungsfähige Fläche für Wald - möglichst im Südraum. "Der Wald sollte der Region zurückgegeben werden."

Um ein Kosten-Desaster wie beim Citytunnel zu vermeiden, fordert die Stiftung Wald für Sachsen den sofortigen Stopp aller Maßnahmen. Der Planfeststellungsbeschluss muss Lippmann zufolge aufgehoben werden - wegen offensichtlich falscher Kostenschätzungen. Und: Auf der Grundlage neuer Kostenschätzungen müssen neue Varianten diskutiert werden. "Es ist noch Zeit."

Wie berichtet, hatte die Stiftung zunächst eine Klage gegen den 538 Seiten starken Planfeststellungsbeschluss erwogen. Juristen zufolge hätten die Kosten bei 30 000 Euro, die Erfolgsaussichten aber nur bei fünf Prozent gelegen, so dass die Eigentümer davon Abstand nahmen.

Nicht nur der schwierige Boden macht die Trasse durchs Röthaer Holz teuer. Die geflossenen Fördermittel für die Aufforstung müssen laut Rühle, weil der vorgeschriebene Verpflichtungszeitraum für die Aufforstungsfläche von 20 Jahren nicht eingehalten wird, zurückgezahlt werden. Die Agrargenossenschaft werde diese Steuergelder zurückzahlen und sich diese von der Bundesrepublik zurückholen. "Wir sind nicht der Verursacher", sagte Rühle gestern.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.07.2014
Saskia Grätz

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