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"Menschenunwürdige Zustände"

"Menschenunwürdige Zustände"

Ein kleiner Raum für mindestens fünf Menschen, das Bad auf dem Flur, jeder spricht eine andere Sprache: Seit mittlerweile vier Jahren lebt Samir im Asylbewerberheim in Thräna - mit rund 100 anderen zusammen, die aus ihren Ländern geflohen sind und sich hier eine neue Heimat erhofften.

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Die Veranstaltung stand unter den Namen "Ausländer raus...aus der Isolation" und wurde von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitglieder von Bon Courage, Zivilbürgerinnen und Flüchtlingen aus dem Landkreis Leipzig, organisiert. Im Fokus: die Lebenssituation von Asylsuchenden und Flüchtlingen im Landkreis.

Quelle: Thomas Kube

Borna. Doch aus der Hoffnung wurde für viele ein nicht endender Albtraum. Samirs Schicksal ist nur eines von vielen, die der Bornaer Verein Bon Courage mit seiner Arbeit in den öffentlichen Fokus rücken will.

Am Freitagnachmittag stellte Bon Courage auf dem Marktplatz die Broschüre "Ausländer raus-aus der Isolation" vor, in der zehn Asylsuchende über ihre Odyssee sprechen, die in Deutschland auf sie wartete. "Die Bevölkerung weiß kaum etwas über die erschreckenden Bedingungen, unter denen Asylsuchende hier leben", erklärt Carolin Münch vom Verein. Bon Courage wolle darauf aufmerksam machen, wie katastrophal die Ausländerpolitik hierzulande sei. Denn ein Leben, so betont sie, gebe es für die Menschen in den Heimen nicht, vielmehr sei es oft ein Dahinvegetieren. "Die Frauen, Männer und Kinder aus aller Herren Länder werden in Baracken außerhalb von Städten zusammengepfercht, sie sind weit weg von der Gesellschaft." Deshalb heiße die Broschüre "Von außen sieht es nicht so schlimm aus, aber das ist ein Trick". Münch ist sich sicher, dass das politisch gewollt ist. "Denn wenn die Bedingungen schlecht sind, gehen sie vielleicht freiwillig zurück."

Doch das Zurück bedeutet für viele Verfolgung im Heimatland, Krieg, Folter, Angst. Auch für Samir. Er kam vor vier Jahren aus dem Kosovo in den Landkreis Leipzig, ließ Familie und Freunde dort. Doch was er hier fand, waren katastrophale Zustände: enge Räume, ein immer gleicher Alltag, der eher dem im Gefängnis gleicht als einem selbstbestimmten Leben. Allein das Einkaufen wird zur Weltreise: Von Thräna in die Kernstadt kommt er meist zu Fuß, Kontakt zu Einheimischen gibt es so gut wie nicht. Dafür oft komische Blicke, wenn Samir mit Gutscheinen bezahlt.

"Der Landkreis Leipzig ist der letzte Landkreis in ganz Sachsen, in dem es noch das Gutscheinsystem gibt", beklagt Bornas Oberbürgermeisterin Simone Luedtke. Der Landrat habe es in der Vergangenheit immer wieder abgelehnt, daran etwas zu ändern. Für Luedtke ist die geltende Ausländerpolitik in keiner Weise akzeptabel. "Es ist menschenunwürdig", macht sie deutlich. Die Stadt selbst könne kaum helfen, da die Ausländerbehörden zuständig seien. "Wir unterstützen den Verein, wo wir können, er leistet wirklich gute Arbeit."

Samir ist Architekt, würde gerne wieder arbeiten. Doch eine mögliche Stelle in Chemnitz darf er nicht annehmen, weil er im Landkreis bleiben muss. "Wir verstehen nicht, warum man in Deutschland so mit uns umgeht", sagt er. Auch Ali war über die Bedingungen erschüttert. Vor drei Monaten kam er als Student aus Pakistan nach Grimma. Hier ist er nur noch Bittsteller, dessen Anliegen immer wieder abgelehnt werden würden, wie er in fließender englischer Sprache erklärt. Die Zustände im Heim seien schlimmer, als er es sich je hätte vorstellen können. "Fünf Leute in einem Raum, und der Hausmeister wollte uns nicht ein zusätzliches Bett und eine Decke geben." Die kurze Zeit reichte aus, um Ali krank zu machen. Zwar bekam er vom Arzt ein Rezept. "Aber wir bekommen kein Geld zum Bezahlen. Es ist wirklich sehr, sehr hart, hier so zu leben."

Bansi würde gerne den Führerschein machen, er hat fünf Kinder, muss einkaufen, zu Ärzten, zu den Schulen. Doch ohne Auto ist das alles kaum zu bewerkstelligen. Vor elf Jahren kam er aus Pakistan nach Grimma, ist noch immer nur geduldet, weshalb der Führerschein tabu ist. Die Hoffnung auf Arbeit hat der 47-Jährige längst aufgegeben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.09.2013

Julia Tonne

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