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Mit Ein-Euro-Jobs zurück ins (Arbeits)Leben: Tafelgärten als Modell der Integration

Hilfe für Langzeitarbeitslose Mit Ein-Euro-Jobs zurück ins (Arbeits)Leben: Tafelgärten als Modell der Integration

Tafelgärten sollen doppelt helfen: Tomaten, Radieschen, Knoblauch, Petersilie und Erdbeeren erhalten Bedürftige. Und Menschen, die in diesen Gärten arbeiten, geben sie wieder einen Job. Das Jobcenter im Landkreis Leipzig pflegt Kooperationen mit verschiedenen Trägervereinen, die in 28 Gartenanlagen Parzellen betreiben, die von aktuell 119 Langzeitarbeitslosen bewirtschaftet werden

Pflege statt Leerstand: Tafelgärten sind Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose. Das geerntete Obst und Gemüse kommt Bedürftigen der Tafelläden zugute.

Quelle: Jens Paul Taubert

Landkreis Leipzig. Ute Baage hackt vorsichtig neben den kleinen Bohnenpflanzen und zupft Unkraut. Vier Gärten in der Groitzscher Sparte Erholung gehören zu „meiner kleinen LPG“, wie sie lachend sagt. Die 51-jährige Ein-Euro-Jobberin – schlank, weißblonde Haare, gekleidet im bequemen Arbeitslook – managt hier alles. Sie teilt die Arbeit ein. Derzeit hat sie zwei Kollegen, hinzu kommen ab und zu junge Leute, die per Gerichtsurteil zu Arbeitsstunden verpflichtet werden. Auch für den Abtransport der vielen Kisten mit Obst, Gemüse, Kräutern und Gewürzen hat sie den Hut auf. Das ist für sie nicht irgend ein Job: „Ich hatte damals das Gefühl, jetzt geht’s vorwärts.“

Damals, das war vor vier Jahren, als sie über einen Leipziger Verein diesen Ein-Euro-Job von März bis Oktober bekam – und auch die Folgejahre weitermachen durfte. Bis dahin sei es mit Anstellungen „immer ganz schwierig“ gewesen. „Denn ich habe neun Kinder.“ Mögliche Arbeitgeber würden bei dieser Zahl – „auch schon bei vier oder fünf Kindern“ – die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. „Da heißt es immer, die ist ja nie da, weil die Kinder pausenlos krank sind“, sagt die Groitzscherin, die in den 1980er-Jahren Chemiefacharbeiterin lernte. Ihre drei Töchter und sechs Söhne kamen zwischen 1987 und 2007 zur Welt, derzeit wohnen noch fünf von ihnen zu Hause.

Tafelgärten

Das Projekt Tafelgärten in Kleingartenvereinen ist eine Arbeitsgelegenheit in Kooperation zwischen Jobcenter, Leipziger Tafel, Kleingartensparten und Vereinen, die das Ganze vor Ort organisieren. Langzeitarbeitslose pflanzen und ernten als so genannte Ein-Euro-Jobber in bis dahin leer stehenden Parzellen Obst, Gemüse, Kräuter und Gewürze, die dann in den Tafelläden an Bedürftige verteilt werden.

In Deutschland gibt es rund 800 Tafelorganisationen mit mehr als einer Million Kunden, deren Ziel es ist, sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen mit zusätzlichen Lebensmittelspenden zu helfen.

Ein weiterer öffentlicher Nutzen entsteht bei der Umgestaltung und Rekultivierung der nicht verpachteten Gärten in den Anlagen. So werden „sinnvolle und zusätzliche beschäftigungspolitische Ziele mit regionalen und öffentlichen beziehungsweise Gemeinwohl orientierten Anliegen wert schöpfend“ in diesem Projekt verbunden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Jobcenter und Kreisverband Leipzig der Kleingärtner Westsachsen.

Nicht nur bei Arbeitgebern, überhaupt gebe es viele Vorurteile, die häufig weh tun. „Das war alles nicht einfach“, meint Ute Baage, ohne ins Detail gehen zu wollen. Sie habe sich früher eher versteckt, abgekapselt. Das änderte sich mit diesem kleinen Job im Tafelgarten. Denn damit schaffte sie auch wieder den Sprung ins soziale Leben – und zwar durch den Sportverein Groitzsch.

Ihre sechs Jungs sind begeisterte Fußballer und als Mutter stand sie bei Training und Punktspiel oft am Spielfeldrand. „Es wurden Trainer gesucht und da hab’ ich mir gesagt, ehe ich jetzt anderthalb Stunden hier rumstehe, kann ich auch was mitmachen“, erzählt sie. Das war ebenfalls vor vier Jahren. So wurde sie Übungsleiterin der F-Jugend – ihre kleinen Kicker holten in dieser Saison den Staffelsieg! „Es macht mir viel Spaß, mit den Kindern zu arbeiten“, betont sie. Dabei gibt es eine Menge zu organisieren. Nicht nur Training, Punktspiele und Turniere. Es stehen Elternabende an, die nächste Saison muss geplant werden, es gibt ein Vereinsfest und oft wäscht sie auch noch eine Tasche voller Trikots und kleiner Fußballhosen. „Ich mache das gerne.“

Auf ihre eigenen Kinder ist sie stolz, „ich kann mich total auf sie verlassen“. Als sie lange Zeit im Krankenhaus liegen musste, kümmerten sich die Großen um die Kleinen, gingen zum Elternabend und brachten die Steppkes zum Training, kochten, wuschen und putzten zu Hause.

In den Tafelgärten arbeiten nicht nur Ein-Euro-Jobber, sondern hin und wieder auch vom Gericht zugewiesene Arbeitskräfte. „Egal, was die Jugendlichen angestellt haben, ich nehme sie so, wie sie sind. Und sie sollen hier ihre vorgeschriebenen Stunden arbeiten. Da kann’s mitunter auch mal bisschen laut werden, aber es klappt“, sagt Ute Baage. Manche müssen hundert Stunden arbeiten, manche zweihundert.

Marlette Kirste ist heilfroh, dass sie diese Frau beschäftigen kann. Die 67-Jährige arbeitete lange Zeit als Unternehmensberaterin. Nun als Rentnerin engagiert sie sich in dem Leipziger Verein zur Förderung der Allgemeinbildung, Integration und Kultur, der neben anderen Projekten seit sieben Jahren auch Tafelgärten in Groitzsch, Pegau, Elstertrebnitz, Lobstädt und Markranstädt betreibt.

Sie lobt Ute Baage in den höchsten Tönen: „Ich kann mich auf sie hundertprozentig verlassen, sie organisiert alles vor Ort. Die Ernte ist reichhaltig, das Gemüse ist gewaschen, gezählt, gebündelt und steht pünktlich zum Abtransport bereit. Das klappt hervorragend.“ Deshalb schlug sie die Groitzscherin zur Auszeichnung vor – und die Mutter von neun Kindern fuhr nach Berlin zu Kanzlerin Angela Merkel. „Das war schon was Besonderes“, erinnert sie sich noch heute.

Die Geschäftsführerin des Vereins würde das Projekt gern noch erweitern, denn es sei erfolgreich. „Das ist eine gute Möglichkeit, Menschen, die lange zu Hause waren, wieder ins Arbeitsleben einzugliedern und bringt auch oft darüber hinaus noch etwas“, meint sie. Nach ihrer Erfahrung würden sich viele Tafelgärtner später ehrenamtlich stärker engagieren als früher. „Es ist oft ein Anstoß für Neues, eine zweite Chance, die Isolation wird aufgebrochen.“ Auch Suchtkranken sei auf diese Weise schon geholfen worden. Die Zusammenarbeit mit Jobcenter und Gartenvereinsvorständen für das Projekt sei gut. Doch die Aussichten auf dem ersten Arbeitsmarkt für ältere Langzeitarbeitslose haben sich ihrer Meinung nach in der hiesigen Region nicht verbessert: „So schlimm es ist, diese Leute haben auf dem Papier nichts gemacht. Wer dann noch älter als 50 ist, findet nur sehr selten was.“ Die Bezahlung der Ein-Euro-Jobber ist eher bescheiden. Bisher bekamen sie zu ihrem Arbeitslosengeld II einen Euro pro Arbeitsstunde, ab diesem Jahr sind es 1,30 Euro. Bei zwanzig Stunden pro Woche kommen sie im Monat auf rund 100 Euro. „Das ist ein Einkauf mehr oder ein Extra für die Kinder, manche sparen das Geld auch“, sagt Kirste.

Zum Beispiel Tilo Schröder. „Ich versuche immer was beiseite zu legen“, meint der 48-Jährige aus Werben bei Pegau. Der gelernte Gleisbauer ist zum ersten Mal in den Tafelgärten. Er nahm aber zuvor schon viele andere Arbeitsgelegenheiten wahr: „So was ist gut, da kommt man mal wieder raus und es fällt einem nicht die Decke auf den Kopf.“ Obwohl er noch den Schein fürs Gabelstaplerfahren gemacht und auch zwischenzeitlich in einer Firma Straßen und Wege gepflastert hat – mit einer längeren Festanstellung wurde es nichts. „Diese lange Arbeitssuche ist belastend und die Rennerei aufs Amt auch. Es ist schwer, wenn man so lange raus ist“, sagt er und mäht das Stück Rasen am Eingang der Tafelgärten fertig.

Von Claudia Carell

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